Rechtsruck mit Folgen

Der Wähler hat immer Recht, sagt die Demokratie. Ob es aber gut ist, was die jeweils meisten angekreuzt haben, das ist die andere Frage. Österreich hat sich bei der jüngsten Nationalratswahl deutlich verändert. Der Rechtsruck ist augenscheinlich und bedenklich. Wer immer dieses Land künftig regieren und mitregieren wird, muss rechte Positionen wahrnehmen. Was das konkret bedeutet, kann man in Oberösterreich ganz gut erkennen, wo seit zwei Jahren schwarz-blau regiert. Es gibt massive Einschnitte im Sozialbereich, im Bildungs- und auch im Kulturbereich. Das Land ist kälter geworden, diese Entwicklung droht nach der Wahl auch dem Staat.
Auch Christen müssen ein demokratisches Wahlergebnis akzeptieren. Wir lassen es uns aber nicht nehmen, aufzustehen und aufzuschreien, wenn Menschen unter die Räder kommen oder versucht werden sollte, auf die Freiheit von Bildung und Kultur politisch Einfluss zu nehmen.

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Die Qual der Wahl

Plötzlich wollen alle eine weiße Weste haben, die Türkisen sowieso und natürlich auch die Roten. Wäre die ziemlich geheim und gut organisierte Schmutzkübel Kampagne nicht aufgeflogen, so wäre sie mit Sicherheit munter weitergeführt worden. Davon kann man ausgehen. Offensichtlich wirkt es bei Wählern besser, wenn sich politische Kontrahenten gegenseitig anpatzen, als wenn sie ihre Argumente möglichst sachlich verbreiten. Sachlichkeit, auch verständlich und knackig präsentiert, scheint nicht so gut zu wirken wie wilde Schläge unter die Gürtellinie. Sind also wir Wähler mit Schuld daran, wenn sich Mandatare Prügel um die Ohren hauen? Oder liegt es nicht auch, wie ich meine, in deren Verantwortung, einen Umgang an den Tag zu legen, der in unseren Breiten einfach zum guten und normalen Ton gehört?

Der Name Tal Silberstein ist vielen Menschen erst im vergangenen August im Zuge seiner Verhaftung erstmals aufgefallen. Politische Profis kennen ihn schon seit vielen Jahren. Er steht, so wurde mir gesagt, für mieseste Recherchen im Privatbereich von Politikern, die dann frisiert geschickt verbreitet werden. Das Ziel ist klar: die Integrität der „Zielperson“ soll zerstört und sie damit unwählbar gemacht werden. Viele hunderttausend Euro ist den Auftraggebern diese „Arbeit“ wert, immerhin lässt sich nach erfolgreicher Kampagne vielleicht eine Wahl gewinnen. Oder auch nicht. Sensible Wähler spüren es möglicherweise, wenn einem Kandidaten plötzlich ein Liebes-Verhältnis zugeschrieben wird oder etwa ein skandalöser Umgang mit seiner Partnerin. Die meisten Menschen bleiben skeptisch, ob das denn wirklich wahr sein könne, nur: hängen bleiben derartige Vorwürfe an den Politikern sehr lang und nachhaltig. Der Ruf ist angepatzt, auch wenn nicht das Geringste der Vorwürfe wahr ist.

Freilich: ein Freibrief für moralisch fragwürdiges Verhalten kann und darf die Causa Silberstein für Volksvertreter natürlich auch nicht sein. Es ist und bleibt klarerweise legitim, Menschen des öffentlichen Lebens auch daraufhin abzuklopfen, ob ihr Leben mit ihren Worten übereinstimmt. Ihnen aber bewusst Dinge anzudichten, die vielleicht spannend klingen, aber in keiner Weise der Wirklichkeit entsprechen, ist skandalös.

Zurück bleiben wir Wähler. Viele sind verunsicherter denn je. Die großen Blöcke, die für sie viele Jahre politische Heimat waren, sind geschrumpft, weil sie immer mehr für andere Inhalte stehen als jene, die lang vertraut waren. Die neuen Parteien sind vielen trotz der zahllosen TV Konfrontationen nach wie vor fremd und so wissen mehr Menschen denn je auch wenige Tage vor der wichtigen Wahl noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben und damit zutrauen sollen, unser Land auf einem guten Weg weiter zu führen. Ihr Problem: wenn Parteien für ihren erhofften Wahlerfolg schon zu Schmutzkampagnen greifen: wem kann man da noch trauen? Nicht zu wählen ist aber auch keine Lösung. Demokratie ist, wie schon Winston Churchill zugeschrieben wird, die schlechteste Staatsform, es gibt aber keine bessere. Die allerschlimmste Staatsform ist es meiner Meinung nach jedoch, gar keine Wahl zu haben. Die haben wir zum Glück. Sie zu nützen, ist aber so schwer wie nie zu vor.

Bedrohliche Jagdgesellschaft

Wir werden sie jagen. Diese vier Wörter des AfD-Spitzenmannes sagen eigentlich alles. Erschreckend zeigen sie, wofür diese Alternative für Deutschland steht, die es im Bundesland Sachsen sogar zur stimmenstärksten Partei gebracht hat. Diese Menschenjäger haben nichts gelernt aus der deutschen Geschichte. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass hier Menschen aus nichtigem Grund gejagt und wie Tiere getötet wurden. Und jetzt wird wieder zur Jagd geblasen: auf alle, die nicht ihrer Meinung sind wahrscheinlich. Auf Gläubige und Andersgläubige, auf Menschen mit anderer Hautfarbe und Herkunft. Auf alles andere irgendwie. Wie groß muss die Angst dieser Jäger sein…

Kaputte Konfrontation

Worüber auch immer und wie auch immer Kern und Leitner heute Abend reden werden: die zusehende Nation wird sich fragen, wie gespielt das alles sein mag, wenn beide zumindest schon 1 x miteinander privat auf Urlaub waren. Aufgepasst wird also mehr als jemals zuvor auf das, was zwischen den Zeilen gesagt wird und was ihre Körpersprache verrät. Schade eigentlich, weil das zwar auch wichtig, aber in diesem Fall doch zu wenig ist. Denn eigentlich sollten politische Inhalte vermittelt werden.

Fraglich ist auch, ob Tarek Leitner wirklich der richtige Fragensteller war, denn er, der im Allgemeinen so viel Wert auf eine ästhetische Optik legt und darüber sogar ein Buch geschrieben hat („Mut zur Schönheit – Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“), hätte denselben Maßstab auch an sich selbst anlegen und die Diskussion ablehnen sollen.

Kulturelle Schubumkehr

Es ist mehr als auffällig. Seit Jahren besuche ich mit Reisegruppen große Festspielveranstaltungen, vornehmlich auch jene im Burgenland. Dabei zeigt sich, dass es kaum noch vollbesetzte Vorstellungen gibt. An der künstlerischen Qualität kann es nicht liegen. Das Niveau der Darbietungen ist durchwegs hochstehend, auch gefallen meinen Gästen eigentlich alle Inszenierungen, weil in Mörbisch und St. Margarethen im Gegensatz zu anderen Spielstätten recht vorsichtig umgegangen wird mit sogenannten Modernisierungen, die dann bekanntlich sehr leicht zu künstlerischen Vergewaltigungen zu werden drohen. Und trotzdem: von Jahr zu Jahr bleiben mehr Besucher aus und als Erstes müssen die Intendanzen dran glauben. Köpfe wechseln, auf die Besucherzahlen scheint das aber keinen Einfluss zu haben.

Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung dürfte in einem hoch erfreulichen Umstand zu suchen sein. Die Erklärung trägt Ortsnamen wie Helfenberg, Bad Leonfelden, Reichenau, Sarleinsbach und viele andere mehr. Die Erklärung sind all die kleinen Spielorte, wo noch vor wenigen Jahren kulturelle Mitternacht herrschte, wo jetzt aber originelle Angebote geliefert werden, die liebend gern gebucht werden. Natürlich bedeutet das massive Konkurrenz für die wenigen großen Veranstalter, die früher fast alleine dagestanden sind. Dass die Oberösterreicher die Chance nutzen, ihr Theater ums Eck anzuschauen und sich dafür die stundenlange Fahrt zum See und zurück sparen, ist nur zu verständlich. Und ihr Verhalten unterstützt vor allem die lokale Kultur, also das, was für ein reichhaltiges Leben am Land mehr als erfreulich ist. Allzu große Sorgen um die Großen braucht man sich trotzdem nicht zu machen. Leitbetriebe sind überall nötig, vielleicht schrumpfen sie sich ein wenig gesund, es muss ja nicht sein, dass für einen Vogelhändler dreimal pro Woche eine Arena von 6000 Besuchern gefüllt sein muss. Aber dass die Kultur jetzt begonnen hat, sich spürbar über das ganze Land zu verteilen, halte ich für ein geradezu unbezahlbares Benefit, weil dadurch eine breitere Masse von dem Virus angesteckt wird, in welcher Form auch immer Kunst zu betreiben. Kultur wird immer große Schauspieler oder Musiker als Vorbilder und Lichtgestalten brauchen. Solche Vorbilder haben dort den allergrößten Wert, wenn es auch Nachahmer gibt und das scheint mit der kulturellen „Schubumkehr“ gelungen zu sein. Zugleich wird mit dem neu aufflammenden Kunstbetrieb am Land ein Reservoir für die große Kunst geschaffen, weil es wohl immer so sein wird, dass in dem einen kleinen Theaterstadl oder der ambitionierten Chorgemeinschaft dereinst vielleicht ein Star heranwächst, der dann später einmal auf einer der ganz großen Bühnen Karriere macht. Beispiele dafür gibt es jede Menge, die momentane Entwicklung gibt Anlass zur Hoffnung auf eine eventuelle Wiederholung.

Natürlich kostet Kultur Geld, in den allermeisten Fällen durch öffentliche Unterstützung. Aber es stimmt zweifellos, was der ehemalige Kulturreferent Landeshauptmann Josef Pühringer gern gesagt hat, wann immer das Füllhorn vielleicht gar ein wenig zu großzügig ausgeschüttet wurde: „Kultur kostet, aber Unkultur kostet noch viel mehr“. Die Entwicklung von der „kulturellen Schubumkehr“ mag eine erfreuliche Frucht dieser Art von Kulturpolitik sein.

Arme Dieselfahrer

Neulich auf dem Busparkplatz in Mörbisch nach der Vorstellung. Alle Motoren laufen bereits, als es mir auffällt: früher machte mich der konzentrierte Gestank regelmäßig wütend, aber diesmal: du stehst direkt hinter den Auspuffen, aber du riechst absolut nichts. Mein Fahrer erklärt mir das mit den supermodernen Euro 6 Motoren, die in stinkenden Städten geradezu als Katalysatoren eingesetzt werden könnten, weil ihre Abgase sauberer sind als die Luft, die sie in dieser Stadt ansaugen. Wenn es so stimmt, dann frage ich aber, warum Diesel aller Art jetzt so gescholten werden. Und noch etwas: Ich lese von Kreuzfahrtschiffen als enorm schmutzigen Fortbewegungsmitteln und mein Handy zeigt mir den weltweit enormen Flugverkehr über unseren Köpfen. Dagegen regt sich kein Widerstand, derzeit zumindest nicht.

Österreichs jüngste Hoffnung

Kaum hat Sebastian Kurz  die ehemalige christlich-soziale ÖVP zu seinem Wahlverein umgemodelt, zeigt sich, was er damit meint. Finanzminister Schelling hat es gestern kundgetan: Hartz IV für Österreich nach deutschem Vorbild. Einsparungspotenzial: mehr als 1 Milliarde Euro. Hintergedanke: wer keine Arbeit hat, ist nur zu faul dazu. Übersehene Wahrheit: die allermeisten Joblosen möchten arbeiten, finden aber nichts Passendes oder sind aus den diversesten Gründen nicht in der Lage dazu. Hartz IV verbessert nur die Staatskassen, verschlechtert aber das Leben von vielen Landsleuten. Ein Armutszeugnis für einen reichen Staat wie Österreich.