Kulturelle Schubumkehr

Es ist mehr als auffällig. Seit Jahren besuche ich mit Reisegruppen große Festspielveranstaltungen, vornehmlich auch jene im Burgenland. Dabei zeigt sich, dass es kaum noch vollbesetzte Vorstellungen gibt. An der künstlerischen Qualität kann es nicht liegen. Das Niveau der Darbietungen ist durchwegs hochstehend, auch gefallen meinen Gästen eigentlich alle Inszenierungen, weil in Mörbisch und St. Margarethen im Gegensatz zu anderen Spielstätten recht vorsichtig umgegangen wird mit sogenannten Modernisierungen, die dann bekanntlich sehr leicht zu künstlerischen Vergewaltigungen zu werden drohen. Und trotzdem: von Jahr zu Jahr bleiben mehr Besucher aus und als Erstes müssen die Intendanzen dran glauben. Köpfe wechseln, auf die Besucherzahlen scheint das aber keinen Einfluss zu haben.

Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung dürfte in einem hoch erfreulichen Umstand zu suchen sein. Die Erklärung trägt Ortsnamen wie Helfenberg, Bad Leonfelden, Reichenau, Sarleinsbach und viele andere mehr. Die Erklärung sind all die kleinen Spielorte, wo noch vor wenigen Jahren kulturelle Mitternacht herrschte, wo jetzt aber originelle Angebote geliefert werden, die liebend gern gebucht werden. Natürlich bedeutet das massive Konkurrenz für die wenigen großen Veranstalter, die früher fast alleine dagestanden sind. Dass die Oberösterreicher die Chance nutzen, ihr Theater ums Eck anzuschauen und sich dafür die stundenlange Fahrt zum See und zurück sparen, ist nur zu verständlich. Und ihr Verhalten unterstützt vor allem die lokale Kultur, also das, was für ein reichhaltiges Leben am Land mehr als erfreulich ist. Allzu große Sorgen um die Großen braucht man sich trotzdem nicht zu machen. Leitbetriebe sind überall nötig, vielleicht schrumpfen sie sich ein wenig gesund, es muss ja nicht sein, dass für einen Vogelhändler dreimal pro Woche eine Arena von 6000 Besuchern gefüllt sein muss. Aber dass die Kultur jetzt begonnen hat, sich spürbar über das ganze Land zu verteilen, halte ich für ein geradezu unbezahlbares Benefit, weil dadurch eine breitere Masse von dem Virus angesteckt wird, in welcher Form auch immer Kunst zu betreiben. Kultur wird immer große Schauspieler oder Musiker als Vorbilder und Lichtgestalten brauchen. Solche Vorbilder haben dort den allergrößten Wert, wenn es auch Nachahmer gibt und das scheint mit der kulturellen „Schubumkehr“ gelungen zu sein. Zugleich wird mit dem neu aufflammenden Kunstbetrieb am Land ein Reservoir für die große Kunst geschaffen, weil es wohl immer so sein wird, dass in dem einen kleinen Theaterstadl oder der ambitionierten Chorgemeinschaft dereinst vielleicht ein Star heranwächst, der dann später einmal auf einer der ganz großen Bühnen Karriere macht. Beispiele dafür gibt es jede Menge, die momentane Entwicklung gibt Anlass zur Hoffnung auf eine eventuelle Wiederholung.

Natürlich kostet Kultur Geld, in den allermeisten Fällen durch öffentliche Unterstützung. Aber es stimmt zweifellos, was der ehemalige Kulturreferent Landeshauptmann Josef Pühringer gern gesagt hat, wann immer das Füllhorn vielleicht gar ein wenig zu großzügig ausgeschüttet wurde: „Kultur kostet, aber Unkultur kostet noch viel mehr“. Die Entwicklung von der „kulturellen Schubumkehr“ mag eine erfreuliche Frucht dieser Art von Kulturpolitik sein.

Arme Dieselfahrer

Neulich auf dem Busparkplatz in Mörbisch nach der Vorstellung. Alle Motoren laufen bereits, als es mir auffällt: früher machte mich der konzentrierte Gestank regelmäßig wütend, aber diesmal: du stehst direkt hinter den Auspuffen, aber du riechst absolut nichts. Mein Fahrer erklärt mir das mit den supermodernen Euro 6 Motoren, die in stinkenden Städten geradezu als Katalysatoren eingesetzt werden könnten, weil ihre Abgase sauberer sind als die Luft, die sie in dieser Stadt ansaugen. Wenn es so stimmt, dann frage ich aber, warum Diesel aller Art jetzt so gescholten werden. Und noch etwas: Ich lese von Kreuzfahrtschiffen als enorm schmutzigen Fortbewegungsmitteln und mein Handy zeigt mir den weltweit enormen Flugverkehr über unseren Köpfen. Dagegen regt sich kein Widerstand, derzeit zumindest nicht.

Österreichs jüngste Hoffnung

Kaum hat Sebastian Kurz  die ehemalige christlich-soziale ÖVP zu seinem Wahlverein umgemodelt, zeigt sich, was er damit meint. Finanzminister Schelling hat es gestern kundgetan: Hartz IV für Österreich nach deutschem Vorbild. Einsparungspotenzial: mehr als 1 Milliarde Euro. Hintergedanke: wer keine Arbeit hat, ist nur zu faul dazu. Übersehene Wahrheit: die allermeisten Joblosen möchten arbeiten, finden aber nichts Passendes oder sind aus den diversesten Gründen nicht in der Lage dazu. Hartz IV verbessert nur die Staatskassen, verschlechtert aber das Leben von vielen Landsleuten. Ein Armutszeugnis für einen reichen Staat wie Österreich.

Wie ein Putsch

Natürlich war es ein ganz normaler Vorgang: voll im Einklang mit innerparteilicher Demokratie und auch getragen von gegenseitiger Wertschätzung. Wie Obmannwechsel halt statt zu finden haben. Nur Parteifeinde fänden ein Haar in der Suppe. Das erklären mir führende Funktionäre der ÖVP schon seit Tagen. Und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los und es verstärkt sich sogar noch, dass wir am Wochenende Zeugen eines ganz normalen Putsches in der ÖVP gewesen sind.

Kein Bedarf an Neuwahlen

Was haben wir Österreicher am 29. September 2013 eigentlich gewählt? In der aktuellen politischen Debatte entsteht für mich der Eindruck, als wären damals Persönlichkeiten zur Wahl gestanden. Konkret also Faymann, Spindelegger, Strache usw. Wahr ist zwar, dass diese Leute Spitzenkandidaten ihrer Partei waren, aber zur Wahl standen nicht sie, sondern ihre Parteien. Statt Faymann gibt es in der SPÖ inzwischen Kern und nach Spindelegger hat nun auch Mitterlehner den Hut genommen. Aber haben sich die Parteien aufgelöst? Mitnichten. Ist es daher zu viel verlangt, von den Damen und Herren Volksvertretern zu verlangen, ihre Arbeit bis zum geplanten Ende der Legislaturperiode fortzusetzen? Nur weil die Prognosen für den einen oder anderen Bewerber bei raschen Neuwahlen im Moment günstig erscheinen, sollte doch nicht das ganze Volk in Geiselhaft genommen und zur Wahl gezwungen werden.

Alte Mühlviertler Weisheit:

„selten kommt was Besseres nach…!“ Ginge es nicht um Politik, sprich um unsere Zukunft, man könnte Spaß haben an dem Schauspiel, das uns da fußfrei geboten wird. Der Eine geht, ein Anderer kommt. Angesichts der Bekanntheit der möglichen künftigen Player kann einen aber das Grauen befallen. Man denke an die soziale Wärme,  die diese Herren einer eigentlich christlich-sozialen Partei bis jetzt an den Tag gelegt haben.

Beinharte Fragen sind Zeichen journalistischer Freiheit

Dunkel erinnere ich mich daran, in meinen ORF-Jahrzehnten selbst so einer gewesen zu sein, der mit dem Mikro gern auch durchaus frech nachgefragt hat und das solange, bis er eine brauchbare und verständliche Antwort bekommen hat. Nicht immer war ich mir sicher, ob der Bogen vielleicht nicht schon überspannt war. Aber die Alternative: nicht zu fragen oder meinem Gegenüber nur Fragen zu stellen, die diese Bezeichnung nicht verdienen, das wäre mir niemals in den Sinn gekommen, alleine schon aus Respekt vor der Person und der Position des Befragten. Ich verstehe es gut, dass vor allem Politiker jetzt immer öfter einmahnen, in den nächtlichen Infosendungen weniger hart befragt zu werden. Ich verstehe es aber überhaupt nicht, dass sogar hohe Funktionäre des ORF angebliche „Verhörmethoden“ abschaffen wollen oder sollen. Derartiges zu beabsichtigen ist ein offener Anschlag auf das hohe Gut der hart umkämpften journalistischen Freiheit in unserer Demokratie. Klar wird manchmal der Bogen überspannt. Das ist aber das kleinere Übel angesichts der jetzt offenbar erwünschten Möglichkeit, künftig nur noch parteigenehme Fragen stellen zu dürfen.