Fragwürdige Nachhilfestunden

Wenige Woche nach Schulbeginn nehmen sie wieder an Fahrt auf: die Nachhilfestunden für Schüler, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, die verlangten Leistungen zu erbringen. Unmengen an Geld investieren Eltern, um mithilfe von externen Stunden den Status ihrer Kinder zu erhalten oder auch, um deren Chancen im späteren Leben zu wahren. Mit Chance meinen sie im Allgemeinen die Matura. Sie öffnet nach althergebrachter Mär den Weg zur Universität und damit zu einem erfolgreichen und sorgenlosen Leben weit abseits von wenig angesehener Handarbeit. Was bis vor wenigen Jahren gestimmt haben mag, entspricht heute bei weitem nicht mehr der Wirklichkeit. Ich kenne viele junge Universitätsabsolventen, deren akademischer Titel in keiner Weise zum gewünschten Job geführt hat. Sie fretten sich als Herr oder Frau Magister mit Jobs über die Runden, die ihnen früher bestenfalls nur in Albträumen untergekommen wären. Zugleich teile ich wohl mit Ihnen allen den Umstand, wochen- und teils monatelang auf den zugesagten Besuch eines Handwerkers warten zu müssen, weil irgendwo ein Wasserhahn tropft, eine Stiege neu zu pflastern wäre oder ein Möbelstück umzuarbeiten ist. Die gegenwärtige Spitze unserer Bundesregierung als weiteren Beweis dafür anzuführen, wie vorteilhaft es sein kann, nicht studiert zu haben, erscheint mir zu polemisch, obwohl es stimmt, dass weder Kanzler noch Vizekanzler aufgrund fehlender Qualifikationen nicht einmal als Abteilungsleiter einer Bezirkshauptmannschaft in Frage kämen. Und doch liegt das Beispiel nicht ganz falsch für die Stoßlinie dieses Kommentars. Jeder Mensch soll das Glück haben, jene Bildung zu erfahren, die möglichst gut zu ihm passt. Vergleiche mit Nachbarkindern, die in der Schule vielleicht erfolgreicher vorankommen, sind in jedem Fall hinderlich. Interessant ist nur die Entwicklung des eigenen Kindes entsprechend seiner Begabung. Wer für mehrere Kinder verantwortlich ist, weiß um die Unterschiedlichkeit dieser Begabungen selbst bei den verwandtesten genetischen Voraussetzungen. Zurück zum Handwerk: dass es bei uns längst nicht mehr goldenen Boden hat, liegt auch am Umstand, dass ihm in hohem Ausmaß das Personal fehlt. Woher soll es denn kommen, wenn die Gymnasien aus allen Nähten platzen und Eltern mit allen Mitteln versuchen, ihre Kinder aus erwähnten Gründen in der höheren Schule zu halten? Ein Umstieg in eine weniger fordernde Schule wird zumindest am Land noch immer als peinlicher Abstieg empfunden. Dass er die Chance für ein begabungs-bestimmteres Leben des Kindes und damit auch der Schlüssel für sein späteres berufliches und menschliches Glück sein kann, wird nur selten gesehen. Gesellschaftspolitisch könnte es in dieser Hinsicht vielleicht tatsächlich hilfreich sein, wenn Meisterprüfungen denen von akademischen Bachelor-Absolventen gleichgesetzt werden, um scheinbare Ungleichheiten zu verhindern. Weil es ja ohne viel Polemik wirklich so ist: ein geschickter Tischler, Elektriker oder Fliesenleger ist in der alltäglichen Lebenspraxis mindestens so gefragt wie ein Lebensberater, ein Unternehmenscoach oder ein Geographieprofessor. Klar brauchen wir in Wahrheit alle davon, aber wir sollen uns hüten, sie gegeneinander auszuspielen und vor allem sollten wir uns hüten, Kinder in die eine oder andere Richtung zu drängen, wenn deren Begabung in eine andere Richtung weist.

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