Pfingstliche Glaubenshürden

Es ist schon ein bisschen viel verlangt: tatsächlich für wahr zu halten, was uns in den christlichen Kirchen am Pfingstsonntag vorgesetzt wird. Zungen wie von Feuer seien auf den Köpfen der Nachfolger des gekreuzigten Jesus erschienen und plötzlich hätten diese bisher sehr einfachen Leute aus dem bäuerlichen Galiläa alle möglichen Sprachen gesprochen. Und zwar so, dass sie jeder Zuhörer in seiner Muttersprache verstand. Diese Geschichte kann, mit Verlaub, so nicht stattgefunden haben. Es muss sich wohl um eine Bildersprache handeln, die zu erklären Theologen berufen sind. Es könnte vielleicht so gewesen sein, dass die Jesus-begeisterten Leute ihre Botschaft von dem wundersamen Mann so lebendig weiter erzählen konnten, dass das alle Zuhörer begriffen haben, ganz unabhängig von der verwendeten Sprache. Alleine das reicht aus, um zu staunen über den einfachen Beginn einer Institution, die es auch 2000 Jahre danach noch gibt.

Anlass zum Vergleich mit der Situation der Kirche in der heutigen Zeit bietet das Bild mit den apostolischen „Sprachgenies“ aber allemal. Sie schienen entflammt gewesen zu sein von der Botschaft dieses Jesus, dem persönlich bekanntlich kein besonders gutes Schicksal widerfahren war. Bereits im 33. Lebensjahr musste er sein Leben lassen, weil er der damaligen politischen Macht in Palästina zu gefährlich geworden war. Seine Fans ließen ihn aber weiterleben. Bereits ab dem 3. Tag nach seiner Kreuzigung waren sie von seinem Schicksal, seiner Botschaft und seiner Lehre so beseelt, dass sie felsenfest davon überzeugt waren, er wäre wieder leibhaftig unter ihnen zur Fortsetzung des begonnenen Weges. Und sie schafften es, seine Lehre so zu verkünden, dass alle Zuhörer verstanden, was sie damit meinten.

Eine solche Begeisterung muss man heutzutage lange suchen. Obwohl die Kirchensprache, dem II. Vatikanischen Konzil sei Dank, längst die Sprache des jeweiligen Volkes ist: mit Verstehen hat das freilich noch lange nichts oder schon lange nichts mehr zu tun. Oft ist es ein kirchlicher Singsang ohne jeden Bezug zum normalen Leben, der da zu hören ist. Eine Sprache, die außerhalb der Kirchenmauern nicht nur nicht gesprochen, sondern weitgehend schon lange überhaupt nicht mehr verstanden wird. Vom gebotenen Inhalt ganz zu schweigen. Fragen Sie Jugendliche, was sie unter „heiligem Geist“ verstehen, was sie von „Engelszungen“ halten, wie sie das weithin noch immer verwendete Symbol des heiligen Geistes, die „Taube“ interpretieren und vieles mehr. Auch wenn diese Dinge im Religionsunterricht vielleicht erklärt und übersetzt wurden: den Weg in die Herzen der Menschen hat das kaum gefunden. Und selbst wenn die richtigen Worte gefunden werden: oft werden sie in einem Tonfall präsentiert, der sich von der normalen Sprechmelodie der Gläubigen weit entfernt hat.

Nötig wären auch neue kirchliche Symbole. Tauben, Engelszungen, ja selbst der heilige Geist als Begriff haben ausgedient. Und nötig ist es auch, die Sprache des jeweiligen Volkes zu akzeptieren. Diese und keine andere Sprache soll Verwendung finden. Damit es wahrscheinlicher wird, von den Leuten wenigstens einigermaßen verstanden zu werden.

 

 

Überraschende Erinnerung

Nur noch (wir) Ältere können mit dem Namens Hans Innerlohinger etwas anfangen. Er war in den 1960-er und 70-er Jahren DER legendäre Voest-Kaplan. Hubert Gaisbauer hat ihm in den heutigen Morgengedanken auf Ö 1 ein akustisches Denkmal gesetzt. Der Hans war ein Unikum, manche würden sagen, ein „Urviech“. Mit allen per Du, sprich auf Augenhöhe, ohne Ansatz von jeglichem Standesdünkel kämpfte er um Gerechtigkeit für die einfachen Arbeiter und Pendler. Goschert war er, manchmal auch zu kantig, sogar für die Gewerkschaft. Er verkörperte schon damals das, was heutige Theologen als großes Ziel formulieren: bei den Menschen sein, ihre Sprache sprechen, ihre Orte aufsuchen. Der Hans brauchte diese Theorien nicht. Er lebte sie und war dadurch glaubwürdig. Auch für seine Kirche war er unbequem, aber gelitten. Aussagen wie „der Hunger muss auf dieser Welt gestillt werden, nicht erst im Himmel“, erschienen manchen hochdekorierten Mitbrüdern damals mitunter doch etwas zu wenig geistlich… Aber weil es der Hans war, ließ man es (wohlweislich) gelten. 2000 ist Innerlohinger 69-jährig gestorben. Hubert Gaisbauer hat ihn heute früh im Radio dankenswerter Weise ein wenig auferstehen lassen. Passenderweise wenige Tage vor dem Tag der Arbeit.

Schwere Zeiten für den Osterhasen

Möglicherweise täuscht mich der Eindruck, aber mir scheint, als hätte die Wirtschaft, konkret die Werbewirtschaft ihre Freude an Ostern verloren. Weitgehend zumindest, denn sowohl auf den vielen Prospekten oder Zeitungsinseraten als auch in der elektronischen Werbung kommt der sympathische Osterbote sehr viel seltener vor als mir das früher in Erinnerung war. Was habe ich mich gewundert, wenn die Schokohasen ehemals schon im Februar  in Reih und Glied zum Verkauf aufgestellt waren: heuer habe ich sie zwar auch schon vor der Zeit gesehen, aber doch auffallend dezenter und seltener, wie mir vorkommt. Ich will wirklich keinen Grabgesang auf Schokohasen anstimmen, aber: immerhin waren die süßen Langohren noch vor 2 Jahren die mit Abstand beliebtesten Geschenke (58 %), noch vor den gefärbten Eiern (42 %) und den Spielsachen (27 %). Stimmt mein Eindruck des deutlichen Rückgangs, lässt das sehr viel ernstere Rückschlüsse zu: Ostern befindet sich im freien Fall. Hat es Weihnachten (zum Leidwesen aller Kritiker des überhand genommenen Brauchtums) geschafft, auch außerhalb christlicher Familien gefeiert zu werden, ist das dem Osterfest nicht oder nur kaum gelungen. So sehr Theologen darauf hinzuweisen versucht haben, dass die Geschichte vom Kind in der Krippe eigentlich als kritische Anregung zu verstehen wäre, haben Kitsch und Geschäft diesen Hinweis lautstark übertönt und Krippe, Ochs und Esel zur eigenen werbeträchtigen Marke gemacht. Das Christentum selbst als eigentlicher Träger dieser Botschaft ist ins Hintertreffen gelangt. Anders bei Ostern: eine Kreuzigung lässt sich schwer sympathisch machen und noch schwerer verkaufen. Der frühlingshafte Ostertermin ließ den Osterhasen aufkommen,aber auch dem scheinen jetzt schön langsam die Batterien auszugehen. Ostern, das wichtigste Fest der Christen, steht ein wenig im Schatten. Ob es wirklich noch mehrheitlich mit der Auferstehung Christi verbunden wird, wage ich zu bezweifeln. Doch eher mit verlängertem Wochenende, mit einem Kurzurlaub im Süden, einem Frühlingsfest mit Freunden, vielleicht auch noch mit einer Wellness-Fastenkur in den Wochen davor, aber immer weniger mit dem, was den Kern Glaubens ausmacht. Und was macht ihn aus? Alle Christen wären eingeladen, das zumindest jeden Sonntag zu bekennen: dass vor 2000 Jahren ein gewisser Jesus von Nazareth, der sich durchaus selbstbewusst als Sohn Gottes bezeichnet hat, wegen seiner für damalige Zeiten absolut provokanten Predigten und Taten ans Kreuz genagelt wurde und dessen Leichnam drei Tage danach nicht mehr im Felsengrab gelegen ist. Er sei vom Tode auferstanden, sagten seine Anhänger, die nach und nach über wundersame Begegnungen mit Jesus berichteten. Was das für heutige Anhänger heißen könnte?  Wir brauchen über Tote nicht allzu sehr zu trauern, wir brauchen unseren eigenen Tod auch nicht wirklich zu fürchten, weil uns zugesagt ist, jetzt und danach bei einem guten Gott geborgen zu sein. Und zwar bedingungslos, ob wir jetzt an ihn geglaubt haben oder nicht, ob unser Leichnam verbrannt wurde oder traditionell im Sarg bestattet wurde. Eigentlich eine Botschaft, die hilfreich sein müsste und könnte, ein ausgeglichenes und seelisch gesundes Leben zu führen.

Verquere Argumentation

Was auch immer angeführt wird, um den priesterlichen Zölibat zu verteidigen und rechtzufertigen, EIN Argument ist unzutreffend und sogar beleidigend für alle Verheirateten. Die Ehelosigkeit erlaube es Priestern, ihren Beruf besser und intensiver auszufüllen als verpartnerten Männern. Übersetzt und umgedreht: Chirurgen, Sänger, Maurer, Journalisten, Psychologen usw. wären noch viel besser, wenn sie ledig wären. Davon abgesehen, dass ich persönlich meine, dass gerade das Gegenteil wahr ist, stellt ein derartiger Zusammenhang eine Beleidigung aller verheirateten Berufstätigen dar. Ich empfinde und erlebe persönliche Geborgenheit bei einem anderen Menschen nicht als Kräfte raubend, sondern als Kraft spendend.

Dies als (m)ein Beitrag zur Diskussion über die jetzt auch päpstlichen Überlegungen, verheiratete viri probati als Priester zu erlauben.

Warum Pfarren wählen

Der kommende 19. März ist für viele katholische Pfarren in unserer Diözese von maßgeblicher Bedeutung. Die Kirchenbesucher sind eingeladen, ihre pfarrlichen Vertreter für die nächsten fünf Jahre zu wählen. Pfarrliche Vertreter? Seit wann werden Pfarrer gewählt? Wer so fragt, an dem ist viel kirchliche Entwicklung unbemerkt vorbei geschrammt. Natürlich werden Pfarrer nicht gewählt, sondern vom Bischof bestellt. Aber sie alleine könnten das kirchliche Leben bei weitem nicht mehr schaukeln. Die Zahl der Priester ist zu klein und viele sind zu alt, um alle anstehenden Aufgaben noch zu bewältigen. Neben ihnen gibt es daher jede Menge anderer Personen, die Aufgaben und Funktionen übernehmen: Diakone (meist verheiratete Männer), weibliche und männliche Pfarr- und Pastoralassistenten und eben die Pfarrgemeinderäte. Ihr Fokus liegt auf der jeweiligen Pfarre. Sie kümmern sich (neben den hauptamtlichen Pfarrverantwortlichen) um alles, was Pfarre ausmacht: um den passenden Ablauf der Gottesdienste, um die würdige Gestaltung von Begräbnissen, um bauliche Angelegenheiten, um die Finanzen, um Flohmärkte, soziale Fragen und vieles mehr. Genau um diese Pfarrgemeinderäte geht es am 19. März. Sie stellen sich der Wahl durch die Kirchenbesucher und sind dann fünf Jahre lang im Amt. „Ich bin da. Für“: das ist ihr Motto heuer und das kann vieles bedeuten: Dafür sein, dass es die Pfarre weiter gibt, oder auch: sich dafür engagieren zum Beispiel. Pfarre hat mit Heimat zu tun und wird in gar nicht so seltenen Fällen auch von Personen genutzt, die ansonsten mit Kirche nichts mehr oder nur noch wenig am Hut haben: etwa über die Pfarrbibliothek oder über den kirchlichen Kindergarten. Engagement im Pfarrgemeinderat könnte auch der Start sein, selbst zu versuchen, ein Beispiel für eine attraktive Kirchengemeinschaft abzuliefern und damit auch einen Beitrag dafür zu leisten, das angekratzte Kirchenbild zu korrigieren, vielleicht sogar zu modernisieren. Kirche kann nur funktionieren, wenn die Basis lebt. Sie ist die Brutstätte für die dringend notwendigen Veränderungen in den über ihr liegenden kirchlichen Etagen. Der Wille der Basis wird auf Dauer nicht zu überhören sein. Etwa was veränderte Zulassungsbedingungen zum Priesteramt betrifft (warum sollten ausgebildete und verheiratete Frauen und Männer dieses Amt nicht übernehmen dürfen?) oder auch die Haltung der Kirche gegenüber Personen, deren ursprüngliches Lebens- und Liebeskonzept gescheitert ist. Papst Franziskus scheint hier einen wohltuend anderen Weg einschlagen zu wollen. Dass die Widerstände nicht zu groß werden, auch dafür können Pfarrgemeinderäte als gewählte Funktionäre der kirchlichen Basis eine wichtige Schützenhilfe leisten.

Engagement für kirchliche Anliegen bringt aber auch persönlichen Gewinn. Gemeinschaft wird erlebbar, vor allem junge Mitglieder erleben in dieser Gruppe bisher unentdeckte Talente und erhalten die Chance, sie auszuprobieren, was eine entschiedene persönliche Bereicherung darstellt. Und ältere Personen erleben erquickliche Teamarbeit, oft ganz im Gegensatz zu aufreibenden politischen Rivalitäten in den Gemeinderäten der politischen Gemeinde.

Besser leben mit weniger Sorgen

Gelassenheit. Das ist es, was weise, alte Menschen den jüngeren oft voraus haben. „Es wird schon recht werden“, sagen sie gerne in kniffligen Situationen und liegen damit nicht selten richtig. Ängstliche Charaktere machen sich ihr Leben ja wirklich selbst oft schwer, weil sie es in den dunkelsten und düstersten Farben betrachten. Dass sich ihre Befürchtungen dann oft erfüllen, kann darin liegen, dass sie einer positiven Entwicklung gar keine Chance lassen. Kirchgänger hören dazu heute ein wunderbares Evangelium und dort als letzten Satz: „ Sorgt euch nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“ Natürlich sollte diese Empfehlung nicht dazu führen, dass wir aufhören, uns auf wichtige Dinge vorzubereiten oder aufhören zu üben und zu trainieren, um eine höhere Fertigkeit zu erlangen. Es ist auch kein Freibrief für Schüler, auf die Hausübungen zu pfeifen. Es ist aber doch ein guter Tipp, das Ganze etwas lockerer anzugehen, weil eine zu ängstliche Einstellung das Gegenteil bewirkt. Kleine Kinder zeigen uns, wie es gemeint ist. Sie gehen ihre Aufgaben immer spielerisch, ungezwungen und in Vorfreude an mit dem Ergebnis, dass sie Erstaunliches zusammenbringen. Diese kindliche Grundeinstellung könnte ein gutes Vorbild sein auch für uns Erwachsene. Eine positive, unverkrampfte Grundeinstellung, ein prinzipielles Vertrauen auf unser Können und auch darauf, dass die Welt um uns herum ja doch nicht so schlecht ist, wie wir manchmal meinen.

 

Sonntagsgedanken ORF OÖ. am 26.2.2017

Der Sinn von Zusammenrücken

Zusammen zu rücken hat nicht nur etwas mit Platz machen zu tun. Zusammenrücken lässt Menschen näher kommen. Man beginnt sich besser zu spüren und zu hören. Wo Leute zusammenrücken, wächst die Gemeinschaft. Im Wirtshaus beim Stammtisch zum Beispiel oder in Vereinen, wenn viele kommen. Auch in Kirchen natürlich, obwohl dort bestenfalls an Feiertagen Platzmangel herrscht. Wobei: ständig über mangelnden Besuch zu klagen, ist eher kontraproduktiv, weil die Anwesenden dadurch motiviert werden, nächstes Mal vielleicht auch daheim zu bleiben. Und überhaupt: was den Kirchenbesuch betrifft, gibt es durchaus etwas Wichtigeres. Steht zumindest in der Bibel bei Matthäus im heutigen Sonntagsevangelium. Ich zitiere: „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe.“ Zitat Ende. Also: wichtiger ist es, mit seinen Angehörigen im Reinen zu sein. Erst dann kommt der Gottesdienst. Eine interessante Wertung, finde ich. Und wie so oft zeigt sich: Religion ist kein Selbstzweck. Vielmehr soll sie helfen, das Leben der Gesellschaft zu regeln. Im konkreten Fall: söhnt euch zuerst untereinander aus, bevor ihr in die Kirche rennt. Wird nicht immer nach dem Buchstaben des Gesetzes möglich sein, ist aber nach meiner Überzeugung eine interessante Richtlinie.

 

Sonntagsgedanken in: ORF Oberösterreich 12.2.2017