Hier irrt der Papst

Nur Mann und Frau seien imstande, eine Familie zu bilden, hat Papst Franziskus die katholische Lehre bekräftigt. Ich wage es, ihm zu widersprechen. Familie können nach meinem Verständnis durchaus auch homosexuelle oder lesbische Paare darstellen, die sich um die Kinder in ihrem Verband kümmern. Weil für die Kinder die Qualität der Beziehung zu ihren nächststehenden Erwachsenen wichtiger ist als deren Geschlecht. Wie sonst könnten Verbindungen auch von der Kirche als Teilfamilie bezeichnet werden, in denen Mutter oder Vater nicht mehr vorhanden sind?

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Menschlich ist DAS nicht

Ich verstehe den Wunsch der Wirtschaft nach mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit. Trotzdem stockt mir der Applaus über die jetzt beschlossene Möglichkeit, bei Bedarf 12 Stunden vorschreiben zu können. Warum ich nicht applaudiere? Weil der Beschluss bedenklich gut in das bisherige Konzept dieser Bundesregierung passt: Politik zu Lasten von Menschen, die es nicht so gut getroffen haben im Leben. Politik GEGEN Ärmere, Politik GEGEN Menschen ohne Lobby, Politik FÜR Ausgrenzung und jetzt auch Politik FÜR mehr Ausbeutung. Anwendung finden wird die beschlossene Regelung vor allem dort, wo Menschen schon jetzt schlechter gestellt sind und dadurch noch mehr unter Druck kommen: in der Gastronomie etwa oder am Bau. Christlich ginge zweifellos anders.

Plädoyer für Politik in Kirchen

Unliebsame, weil politisch gefährliche oder von außen finanzierte Imame abzuschieben und Moscheen zu schließen, mag der Regierung Applaus bringen. Zugleich ist es eine willkommene Wahlkampfhilfe für den türkischen Präsidenten, der es sich nicht gefallen lassen will, wie die Welt mit den armen Türken umgeht. Die starke Faust der österreichischen Bundesregierung bedroht aber, ohne es zu wollen oder zu wissen, im selben Atemzug gar nicht so wenige christliche Kirchen und Prediger im Land. Indem die Regierung sagt, den politischen Islam nicht hier haben zu wollen, übersieht sie die feste Überzeugung vieler Theologen auch anderer Religionen, einen genau ebensolchen politischen Auftrag zu haben. Gemeint ist nicht ein direktes parteipolitisches Engagement, aber doch sehr wohl eine Einmischung in gesellschaftspolitische Fragen. Religion ohne Politik ist zahnlos, weil sich Religion von ihrem Gründer her politisch zu verstehen hat. Eine Religion, der das Leben ihrer Gläubigen egal ist und die ausschließlich geistvolle und Weihrauch schwangere Zeremonien durchführt, mag für Traditionalisten interessant sein, für mehr aber auch nicht. Ein Blick in die Bibel reicht, um zu sehen, dass genau diese politische Positionierung den Gründer des Christentums sogar das Leben gekostet hat.

Die wahren Heiligen

Nicht belasten, 3 Wochen lang! Mit diesem Auftrag zur Behandlung meines linken Fußes habe ich das Krankenhaus verlassen, viel früher, als ich es erwartet hätte. Bloß vier Tage war ich nach der notwendig gewordenen Plattfuß-Operation stationär, jetzt also in häuslicher Pflege mit 3-wöchigem Belastungsverbot. „Früher wären Sie 2-3 Wochen bei uns gelegen, seit der Spitalsreform ist das nicht mehr möglich“, sagte mir die Schwester vor dem Heimgehen. Klar, damals wurden die Spitäler für die Belagstage honoriert, jetzt werden statt dem die durchgeführten Behandlungen als Basis der Finanzierung herangezogen. Also: Operation plus wenige Tage danach, in meinem Fall vier Tage. Früher wurden vergleichbare Patienten mit Gehgips entlassen, sie waren einigermaßen mobil, ich trage Liegegips, humple mühsam mit Krücken durch die aber glücklicherweise barrierefreie Wohnung. Glücklich kann ich über ein weiteres nicht gering zu schätzendes Privileg sein: ich bin seit 44 Jahren verheiratet und meine liebe Frau umsorgt mich mit allem, was mir gut tut, aber nicht nur sie: viele Freunde haben ihre Hilfe angeboten, wann immer ich es brauchen sollte (oder sie selbst Gusto auf ein Gläschen Bier oder Wein mit mir haben…). Schluss mit meiner persönlichen Situation, die sich nach der Operation des zweiten Fußgewölbes in einem halben Jahr wohl wiederholen wird. „Nächste Woche kommt eine Patientin nach einem ähnlichen Eingriff zu uns“, verriet mir die Schwester noch, „die ist älter, lebt in einer mit Stiegen versehenen Wohnung und hat niemanden. Keine Kinder, wenig Anschluss, niemanden.“ Ein längerer Spitalsaufenthalt ist auszuschließen. Eine ambulante Pflege, die einmal täglich nach dir schaut, ist in so einem Fall extrem wenig, bleibt nur der befristete Aufenthalt in einem Pflegeheim, in dem es nach Auskunft der Caritas genügend Kurzzeit-Betten gibt. Der Fall bietet Anlass, auf die grundsätzliche Situation von immobil gewordenen Menschen zu blicken. Abgesehen von der unvorstellbaren Tristesse, eine Wohnung tage- wochenlang oder überhaupt nicht mehr verlassen zu können und die (ohnedies fragwürdig gewordene) tägliche Ankunft des Briefträgers als DEN Höhepunkt im Tagesverlauf zu erleben: ist DAS Genesung, ist DAS Leben, wenn jeder Schritt in den eigenen vier Wänden gefährlich ist, wenn der Weg zum WC schweißtreibend ausfällt, die tägliche Dusche zum Stundenprogramm wird, wenn es undenkbar ist, sich in der Küche auch nur eine Kleinigkeit selbst zubereiten und man es zu guter Letzt auch nicht mehr aushält, Stunden um Stunden in einem ohnedies bequemen Lehnstuhl zu verbringen? Patienten, die rechtzeitig gelernt haben, mit Elektronik einigermaßen umzugehen, finden Ablenkung durch diese Technik, aber was ist mit denen, denen schon ein Anruf am Handy, so sie wenigstens so eines besitzen, Herzrasen verursacht? Ja, und noch einmal seien sie höchst lobend erwähnt: all die Verwandten und Freunde, all die meist pfarrlich organisierten Besuchsdienste, die sich rührend um die Bettlägerigen kümmern; aber noch jemand sei vor den Vorhang geholt: all jene, die ihre Energie darauf konzentrieren, solche Menschen zu pflegen, die das selber nicht mehr schaffen. Ob bezahlt oder nicht, ob aus dem Ausland oder aus der Verwandtschaft: sie sind die wahren Heiligen unserer westlichen Gesellschaft, sie werden immer nötiger, je weniger von ihnen zur Verfügung stehen.

Gehaltsabzüge für Deutsch-Fehler

Klar. Die Sprache ist ein wichtiges Kriterium, um gut in einem Land leben zu können. Ohne Sprache ist Vieles nichts. Aber auch nicht Alles nichts. Die Höhe finanzieller Zuwendungen vom Niveau der Sprachkenntnis abhängig zu machen, wie das die Bundesregierung jetzt beschlossen hat, ist fragwürdig. Hochrangige Verfassungsexperten bezweifeln, ob dieser Beschluss europarechtlich wasserdicht ist. Spezialisten der deutschen Sprache fragen nach der Messlatte, an der ausreichende Deutschkenntnisse gemessen werden sollen. Und Menschen mit Hausverstand verweisen auf Geschriebenes und Gesprochenes von Menschen, die immer Österreicher waren: bei angedachten Gehalts-Abzügen für grammatikalische Fehler würde die Zahl der Mindestsicherungsempfänger in die Höhe schnellen…

Sprachlos machende Verrohung

Gefühl- und herzlos, keine Spur von Achtung oder Wertschätzung, egoistisch und was weiß noch alles: diese verbalen Versuche, die Innenwelt des jungen Wiener Täters zu beschreiben, greifen nicht. Ein siebenjähriges Mädchen musste sterben, weil der 16-jährige Nachbarbub zornig war. Verstehen wird man eine derart grauenvolle Tat wohl nie, auch wird es schwer sein, die Seele des Täters einigermaßen auszuleuchten. Es wäre aber interessant zu erfahren, womit er seine Gefühle all die Jahre über gefüttert hat: sein Computer oder die am Handy gespeicherten Videos Handy könnten vielleicht aufschlussreich sein. Dann aber auch, welche Art von Religions- oder Ethikunterricht er in der Schule erfahren hat…

Fatales Sparsignal

„Dahoam is dahoam. Wannst net fortmuasst, so bleib…“ Seit schier ewigen Zeiten, wird das bei jedem Festakt des Landes als dritte Strophe gesungen. So schön unsere Landeshymne ist, ich fürchte, der merkwürdige Inhalt dieser Zeilen beginnt zu wirken. Daheim bleiben, nicht über die Grenzen schauen, den Kontakt zu den Nachbarn meiden. Einen schlechteren Rat kann es kaum geben. Vor allem nicht, wenn damit junge Menschen erreicht und erzogen werden sollen. Nicht einmal Franz Stelzhamer selbst hat sich an die von ihm verfassten Zeilen gehalten. Er war zeitlebens ein unsteter Geselle: Schauspieler, Schriftsteller, Journalist in Wien, Oberösterreich, Salzburg und Deutschland. Vom Daheimbleiben im Innviertel hat er wenig gehalten, vielleicht seiner persönlichen Not gehorchend. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich viel geändert, Gott seis gedankt. Andere Länder anzuschauen ist nicht nur touristischer Alltag, sondern auch weise Lebensphilosophie. Wer sich auf andere Lebensweisen einlässt, wer andere Menschen kennen lernen möchte, wer Eigenheiten anderer Länder studiert, erweitert seinen Horizont und bereichert sein Leben. Scheuklappen und Vorurteile verschwinden leichter, wenn man den Blick über die eigenen Grenzen hebt. Überzeugte Stubenhocker können zur politischen Gefahr werden. Ein Land ist gut beraten, wenn es junge Reisende fördert. Oberösterreich hat das viele Jahre lang getan, das Land hat sich davon aber mit Jahresbeginn verabschiedet. 730 Euro haben Schulklassen bekommen, die eine Woche pro Schuljahr in England, Frankreich oder Italien Sprachunterricht gemacht haben. Eine beträchtliche Unterstützung, die es vielen Klassen erst möglich gemacht hat, die Reise anzutreten. Seit 2018 ist Schluss damit. Die Förderung wurde gestrichen, in vielen Fällen müssen die Eltern tiefer in die Tasche greifen, in manchen Schulen fällt die Sprachreise jetzt einfach aus. „Dahoam is dahoam. Wannst net fortmuasst, so bleib“. Sprachen kann man auch anders lernen, im gewohnten Klassenzimmer, vielleicht sogar mit einem Sprachassistenten aus dem jeweiligen Land. Was man daheim nicht lernen kann, das ist das Flair des anderen Landes: der Geruch, das Klima, die Küche, der Kontakt zu den dort Lebenden. Ich erinnere mich an die Erfahrungen der eigenen Kinder nach den Sprachwochen, die von ihnen zu den schönsten Schulwochen überhaupt erklärt wurden. Ich finde, das Land setzt mit dieser Einsparung ein fatales Signal. Gefördert wird Engstirnigkeit und nicht Weite. In einem Land, das sich jüngst als das „Land der Möglichkeiten“ proklamiert hat, müssten solche Förderungen erfunden oder erhöht, aber keinesfalls gestrichen werden. Der hohe Verwaltungsanteil, der für die Streichung von der zuständigen Abteilung ins Treffen geführt wird, erscheint im Vergleich zu dem damit erzielten pädagogischen Wert nicht schlagend. Auch der Hinweis, dass mit der bisher ausbezahlten Förderung kaum eine finanzielle Entlastung verbunden war, ist nicht nachvollziehbar. 730 € sind zwar bescheiden, aber für jede Klasse spürbar.

 

Zu überlegen wäre grundsätzlich auch, ob der als 3. Strophe gesungene Liedtext der wirklich beste ist für ein Lied, das zu allen festlichen Gelegenheiten gesungen wird. Immerhin stünden von Franz Stelzhamer fünf weitere Strophen zur Verfügung, die bestimmt das Zeug für eine Landeshymne hätten. Aber das ist eine andere Geschichte.