Sprachlos machende Verrohung

Gefühl- und herzlos, keine Spur von Achtung oder Wertschätzung, egoistisch und was weiß noch alles: diese verbalen Versuche, die Innenwelt des jungen Wiener Täters zu beschreiben, greifen nicht. Ein siebenjähriges Mädchen musste sterben, weil der 16-jährige Nachbarbub zornig war. Verstehen wird man eine derart grauenvolle Tat wohl nie, auch wird es schwer sein, die Seele des Täters einigermaßen auszuleuchten. Es wäre aber interessant zu erfahren, womit er seine Gefühle all die Jahre über gefüttert hat: sein Computer oder die am Handy gespeicherten Videos Handy könnten vielleicht aufschlussreich sein. Dann aber auch, welche Art von Religions- oder Ethikunterricht er in der Schule erfahren hat…

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Fatales Sparsignal

„Dahoam is dahoam. Wannst net fortmuasst, so bleib…“ Seit schier ewigen Zeiten, wird das bei jedem Festakt des Landes als dritte Strophe gesungen. So schön unsere Landeshymne ist, ich fürchte, der merkwürdige Inhalt dieser Zeilen beginnt zu wirken. Daheim bleiben, nicht über die Grenzen schauen, den Kontakt zu den Nachbarn meiden. Einen schlechteren Rat kann es kaum geben. Vor allem nicht, wenn damit junge Menschen erreicht und erzogen werden sollen. Nicht einmal Franz Stelzhamer selbst hat sich an die von ihm verfassten Zeilen gehalten. Er war zeitlebens ein unsteter Geselle: Schauspieler, Schriftsteller, Journalist in Wien, Oberösterreich, Salzburg und Deutschland. Vom Daheimbleiben im Innviertel hat er wenig gehalten, vielleicht seiner persönlichen Not gehorchend. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich viel geändert, Gott seis gedankt. Andere Länder anzuschauen ist nicht nur touristischer Alltag, sondern auch weise Lebensphilosophie. Wer sich auf andere Lebensweisen einlässt, wer andere Menschen kennen lernen möchte, wer Eigenheiten anderer Länder studiert, erweitert seinen Horizont und bereichert sein Leben. Scheuklappen und Vorurteile verschwinden leichter, wenn man den Blick über die eigenen Grenzen hebt. Überzeugte Stubenhocker können zur politischen Gefahr werden. Ein Land ist gut beraten, wenn es junge Reisende fördert. Oberösterreich hat das viele Jahre lang getan, das Land hat sich davon aber mit Jahresbeginn verabschiedet. 730 Euro haben Schulklassen bekommen, die eine Woche pro Schuljahr in England, Frankreich oder Italien Sprachunterricht gemacht haben. Eine beträchtliche Unterstützung, die es vielen Klassen erst möglich gemacht hat, die Reise anzutreten. Seit 2018 ist Schluss damit. Die Förderung wurde gestrichen, in vielen Fällen müssen die Eltern tiefer in die Tasche greifen, in manchen Schulen fällt die Sprachreise jetzt einfach aus. „Dahoam is dahoam. Wannst net fortmuasst, so bleib“. Sprachen kann man auch anders lernen, im gewohnten Klassenzimmer, vielleicht sogar mit einem Sprachassistenten aus dem jeweiligen Land. Was man daheim nicht lernen kann, das ist das Flair des anderen Landes: der Geruch, das Klima, die Küche, der Kontakt zu den dort Lebenden. Ich erinnere mich an die Erfahrungen der eigenen Kinder nach den Sprachwochen, die von ihnen zu den schönsten Schulwochen überhaupt erklärt wurden. Ich finde, das Land setzt mit dieser Einsparung ein fatales Signal. Gefördert wird Engstirnigkeit und nicht Weite. In einem Land, das sich jüngst als das „Land der Möglichkeiten“ proklamiert hat, müssten solche Förderungen erfunden oder erhöht, aber keinesfalls gestrichen werden. Der hohe Verwaltungsanteil, der für die Streichung von der zuständigen Abteilung ins Treffen geführt wird, erscheint im Vergleich zu dem damit erzielten pädagogischen Wert nicht schlagend. Auch der Hinweis, dass mit der bisher ausbezahlten Förderung kaum eine finanzielle Entlastung verbunden war, ist nicht nachvollziehbar. 730 € sind zwar bescheiden, aber für jede Klasse spürbar.

 

Zu überlegen wäre grundsätzlich auch, ob der als 3. Strophe gesungene Liedtext der wirklich beste ist für ein Lied, das zu allen festlichen Gelegenheiten gesungen wird. Immerhin stünden von Franz Stelzhamer fünf weitere Strophen zur Verfügung, die bestimmt das Zeug für eine Landeshymne hätten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Missbrauchte Kinder

Gerade Religionsgemeinschaften sollen – und müssen – im kritischen Umgang mit Gewalt und in der Ablehnung von Kriegsverherrlichung Vorbild sein. Denn zu viele schreckliche Kriege sind auch im Namen der Religion geführt worden. Wenn daher, wie zuletzt aus einer Wiener ATIB-Moschee bekannt geworden, Kinder zu Kriegsspielen missbraucht werden, hört sich jede Toleranz auf. Der Vorfall in einer der größten Moscheen Österreichs ist skandalös, weil er Kinder missbraucht. Dass solche „Wehrsportübungen“ politisch von Ankara angeordnet worden sein sollen, passt zum fragwürdigen Image des türkischen Staatschefs Recep T. Erdogan. Nur befindet sich die besagte Moschee nicht in der Türkei, sondern in Österreich mit seinen demokratischen Gesetzen. Der politische Aufschrei aus allen Ecken gibt Hoffnung. Unverzichtbar sind eine Prüfung und entsprechende Konsequenzen, völlig unabhängig davon, wie sehr gerade die Wirtschaft mit der Türkei mehr Geschäfte machen möchte. In ein anderes Licht stellt der Vorfall aber auch die Kopftuchdebatte: es ist kein allzu großer ideologischer Schritt vom Bekleidungszwang zum Befehl für Wehrsportübungen. Beides ist Missbrauch von Kindern. Dennoch ist es auch hier angebracht, nicht alle muslimische Vereine in einen Topf zu werfen. Neben der Wiener ATIB-Moschee gibt es Moschee-Vereine, die mit dieser Praxis ebenfalls – islamintern – ihre Probleme haben. Der Islam in Österreich ist nicht nur auf eine Richtung einzuengen.

Ängstliche Verbote

Ich gebe zu: mir gefallen Kopftücher nicht besonders. Damit meine ich nicht bloß die religiös gedachten Kopftücher der Musliminnen, ob diese nun erwachsen sind oder nicht, sondern überhaupt. Auch den Kopftüchern der älteren Mühlviertlerinnen kann ich wenig abgewinnen. Nur aufregen kann ich mich darüber auch nicht, genauso wenig darüber, ob Musliminnen ihre Haare bedecken oder nicht. Katholische Nonnen tuns ja schließlich auch. Mir gefällt, um bei menschlichen Äußerlichkeiten zu bleiben, auch vieles andere nicht: Piercings und Tatoos zum Beispiel oder die neueste Haarmode, die mich an die Mode der Nazizeit erinnert. Aber soll ich mich bemühen, das alles zu verbieten???? Wirklich nicht. Ich liebe bunte Blumenwiesen und ich mag die Buntheit auch bei uns Menschen. Verbote signalisieren Ängste und Enge, das gefällt mir weniger als Mut zur offenen Buntheit.

Gepflanzte Wähler

Tun, was richtig ist. Es ist Zeit.

Diese Ansage wollten die meisten Wähler und haben sie am 15. Oktober gewählt.

Was haben wir bisher bekommen? Was war richtig und wofür war es Zeit?

Eine Diskussion über 140 km/h auf Autobahnen.

Ein aufgehobenes Rauchverbot in Lokalen.

Ein angedachtes Kopftuchverbot für kleine Mädchen, die mehrheitlich sowieso kein Kopftuch tragen.

 

Das schwierigste Fest

Ostern hat ein schweres Los zu tragen. Verglichen mit Weihnachten lässt es sich so gut wie gar nicht vermarkten. Ein Leichnam auf einem Kreuz hat eindeutig das Nachsehen gegenüber einem Kind in einer Krippe. Der Leichnam hat alles hinter sich, dem Kind steht alles offen. So sehr sich Theologen aller Zeiten bemüht haben, den Vorrang des Ostergedankens vor allen anderen christlichen Festen zu betonen: in die Herzen der Gläubigen ist das zumindest bei uns kaum gedrungen, schon gar nicht in unseren modernen Zeiten, die Erfolg und Misserfolg am Marktwert orientieren. Da liegt Weihnachten meilenweit vor Ostern, ja auch Muttertag und Valentinstag haben die Nase vorn. Und doch: ohne Ostern wäre das Christentum nichts. Es begründet seinen Glauben auf der Auferstehung dieses am Kreuz gestorbenen Jesus und in der Folge auf der Hoffnung, jeder Mensch könne dieses Wunder dereinst auch für sich erhoffen. Zugegeben ein schwieriger, dann aber auch tröstender Gedanke. Wer diesen Glauben in sich trägt, tut sich im Leben möglicherweise leichter. Gescheite Philosophen mögen das als Opium interpretieren, Psychologen gestehen dieser Grundhaltung trotz aller immer wieder auftauchender Glaubenszweifel durchaus lebensbewältigende Kraft zu. Nur eines bleibt unbestritten: gewiss ist gar nichts. Nicht einmal der Papst wisse, ob es ein Leben nach dem Tod gebe, sagte am Aschermittwoch der Linzer Zelebrant eines sehr beeindruckenden Gottesdienstes in überraschender Ehrlichkeit und er hat Recht damit. Auf ein Leben danach könne man aus vielen guten Gründen hoffen, Gewissheit gebe es aber nicht. Welche Rolle kommt in diesem Zusammenhang den christlichen Kirchen zu, die vor allem in Europa nach wie vor unter einem schmerzhaften Aderlass an Mitgliedern leiden? Dass die Mitgliedschaft in einer Kirche sozusagen der Freifahrtschein in den Himmel wäre, vertritt längst niemand mehr. Wenn Jesus durch seine Auferstehung ein Zeichen setzen wollte, dann wohl nicht nur für die Mitglieder christlicher Kirchen, die es zu seiner Zeit in dieser Form ja überhaupt noch nicht gab, sondern für alle Menschen, also auch für Ausgetretene oder Andersgläubige. Kirchen leisten aber dennoch einen wesentlichen Beitrag für die Osterbotschaft. Sie verstehen sich als Gemeinschaft, halten das Geschehen von damals lebendig, sie bieten Hilfestellungen und neue Sichtweisen auf den Kern des Christusglaubens, sie setzen die Folgen des Osterwunders konkret um, indem sie sich zum Beispiel für Arme und Benachteiligte einsetzen oder auch versuchen, das Geschehen um sie herum aus dem christlichen Glauben heraus zu messen und auf politische Fehlentwicklungen hinzuweisen. Der aktuelle Papst Franziskus lebt genau das in beeindruckender Weise auf sehr anschauliche und für manche durchaus irritierende Weise vor. Er versucht die Welt besser zu machen: ökologisch und in der Beziehung der Menschen zueinander, getragen von der Grundhaltung, dass dies wohl im Sinne dieses Jesus ist, dessen wundersame Auferstehung wir gerade wieder feiern oder feiern sollten. Egal jetzt, ob in einer Kirche, auf irgendeinem Berg oder im Osterurlaub an einem Palmenstrand.

Scheidung der Geister

Der Umgang mit Asylwerbern macht es deutlich: befürwortet man eine offene Gesellschaft, die ALLEN Menschen Chancen bietet, ein gutes Leben zu führen, ODER tritt man ein für eine Gesellschaft, die unter sich bleiben möchte. Wohlstand für alle, oder nur für diejenigen, die gerade da sind. Ein freies, offenes Land oder eines mit Mauern drum herum.

Konkret werden diese beiden konträren Grundhaltungen am Umgang mit Asylwerbern: 13 namhafte Organisationen haben sich im „Linzer Appell“ dafür ausgesprochen, Zugewanderte vom 1. Tag ihrer Ankunft an zu integrieren: sie dezentral unterzubringen, sie deutsch zu lehren und alles zu tun, sie möglichst schnell hier Heimat spüren zu lassen. Das Gegenmodell will auch Integration, aber erst nach dem positiven Asylbescheid, also erst dann, wenn gewiss ist, dass diese Menschen hier bleiben dürfen. In der meist zwei Jahre dauernden Zwischenzeit sollen diese Menschen in großen Grundversorgungszentren und von der Umgebung weitgehend abgeschieden konzentriert bleiben. Wie sich eine derart lange Absonderung auf Psyche, Kriminalität und Integration auswirken, lässt sich leicht ausmalen.

#christlichgehtanders