Gute Predigten sind politisch!

In Deutschland sind Weihnachtspredigten ins Gerede gekommen, weil sie zu politisch ausgefallen seien, wie der Chefredakteur einer Zeitung feststellte. Sein aufregender Satz: „wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende einer Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ Meine Gegenfrage: wie sonst sollen gute Predigten sein als politisch? Wobei zu definieren ist, was politisch in diesem Fall meint. Sicher nicht politisch im Sinne einer Partei. Das Programm einer parteipolitischen Organisation wiederzugeben ist tatsächlich nicht Aufgabe einer Predigt, ganz im Gegenteil. Kirchliche Vertreter haben sich aus gutem Grund um eine entsprechende Distanz zum Staat zu bemühen. Viel zu lang waren Staat und Kirchen gerade in Österreich unheilvoll miteinander verschmolzen. Aber distanziert zu sein von Organisationen heißt noch lange nicht, deren Programme und Taten kommentarlos zu schlucken und hinzunehmen. Christlich gesinnte Menschen haben immerhin die Bibel, an deren wohl und hoffentlich richtig interpretierten Aussagen die Geschehnisse in unserer Welt zu messen sind. Wie da etwa wären die Positionen gegenüber Asylsuchenden oder Fragen zum Schutz unserer Welt. Die Würde des Menschen ist ein weiterer dieser ganz wichtigen Meilensteine, auf die zu achten Christen immer gefordert sind, wenn sie sich als solche ernst nehmen. Nicht nur, was sie selbst, sondern vor allem, was die Mitmenschen in ihrer Umgebung betrifft. Und damit wird das Thema durchaus politisch, weil öffentlich. Sich dem nicht zu stellen, käme einer Art „Wellness-Christentum“ gleich, wie es der Religionssoziologe Paul Zulehner zu Recht formuliert hat. Wenn nun Prediger gerade zu Weihnachten das eine oder andere Umdenken etwa in der Flüchtlingsfrage einmahnen, was derzeit Not tut, so ist das nicht billig abgekupfertes rotes oder grünes Jugend-Parteiprogramm, sondern der Hinweis auf recht verstandenes und gelebtes Evangelium, das gerade durch die Weihnachtsgeschichte eine ganz besondere Brisanz erfährt und das sich selbstverständlich auch in dem einen oder anderen Parteiprogramm spurenhaft wiederfinden kann. Wie wichtig und konkret solche Hinweise sind, zeigt ein Vorfall, der sich in der Nacht auf den Heiligen Abend auf dem Grenzübergang Österreich-Italien abgespielt hat. Ein vermutlich illegal einreisender Flüchtling wurde nach einem wahrscheinlichen Stromschlag tot auf dem Dach eines Container-Güterzuges gefunden. Diese Zeitungsmeldung kommentierten Leser im Internet auf schaurig-hämische Weise wie: „endlich gute Nachrichten“, oder „für was Strom nicht alles gut ist“. Alleine diese beiden von vielen anderen ähnlich gräulichen Postings zeigen, dass es viel zu wenige politische Predigten in unserem Land gibt. Wobei mir klar ist, dass Schreiber solcher Zeilen dort wohl ohnedies nicht erreicht werden können. Und wenn doch, dann unter jenen Messbesuchern, für die Weihnachten bloß süß und schönes Brauchtum ist, aber nicht den leisesten Funken mit ihrer Lebenseinstellung zu tun hat. Ein Lob also für jene (leider zu wenigen) Prediger, die zu den Feiertagen und das Jahr über Woche für Woche versuchen, unserem Leben die richtige Orientierung anzubieten.

#christlichgehtanders

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Skandalöse Weihnachten

Oberösterreich hat es vorgemacht, die Stadt Linz überholt rechts und unsere Regierungsverhandler sind sich in dieser Frage auch schon einig: viele Menschen werden eiskalt in bittere Armut gestürzt. Die drei letzten Präsidenten der Caritas, Schüller, Küberl und Landau haben Recht: es ist ein Skandal, wie hierzulande neuerdings mit notbedürftigen Menschen umgegangen wird. „Bisher war es möglich, zwischen links und rechts, zwischen Sozialpartnern und Regierung immer wieder einen vernünftigen Kompromiss zu finden“, sagte neulich Bundespräsident a.D. Heinz Fischer. Darauf vertraue er auch in Zukunft. Die aktuellen politischen Entwicklungen lassen an der Fortsetzung eines guten Weges aber zweifeln. Mit maximal 520 Euro sollen zum Beispiel Menschen ihr monatliches Auslangen finden, denen der Staat bereits die Berechtigung zugesprochen hat, hier bei uns zu bleiben, weil ihnen in ihrer Heimat Verfolgung und Tod drohen. Oder die Grundversorgung, auf die Asylwerber Anspruch haben, denen die Berechtigung zum dauerhaften Bleiben also noch fehlt: Linz schlägt vor, denen nur noch Sachleistungen zu geben, also eine Unterkunft, Verpflegung und 40 Euro Taschengeld pro Monat bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit und dem Verbot, einer Arbeit nachzugehen.

Das damit vermittelte Bild erscheint klar und entspricht der im jüngsten Wahlverhalten ausgedrückten erschreckend ängstlichen Grundstimmung im Land: wir und die anderen. Oder noch deutlicher: die anderen wollen wir nicht. Von nun an gibt es Menschen erster und zweiter Klasse. Erfolgreiche und Verlierer. Wer nichts geleistet hat, kriegt auch nichts. Eine brutale und enorm engstirnige Haltung, wie ich meine. Und unlogisch noch dazu: jedem neugeborenen Kind, das naturgemäß auch noch keine finanzielle Vorleistung erbracht haben kann, wird die entsprechende Obsorge selbstverständlich geschenkt.

Zugleich erfährt die Öffentlichkeit, dass etliche Superreiche gesetzlich offenbar völlig gedeckt Milliarden Euro in ausländische Steuerparadiese auslagern und den Staat damit um ein Vielfaches mehr schädigen als eine humane Versorgung von Notbedürftigen kosten würde.

Zugleich aber auch wird bekannt, dass der bisherige Bundeskanzler gehaltsmäßig von 22.000 Euro auf „lächerliche“ 8756 Euro monatlich abstürzen würde, weshalb die SPÖ sein Salär zumindest um 6000 € aufzubessern beschlossen hat. Sei ihm der Zuschuss vergönnt, er zeigt aber, wie ungleich hier gehandelt wird und wie leicht es gehen kann, Geld aufzutreiben, wenn es nur für nötig gehalten wird.

Ich fürchte, in der gesamten Thematik fehlt es am Augenmaß. Weihnachten könnte eine Korrektur sein, wenn man nur genau hinhören wollte auf die Botschaft dieses Festes. Auch der neugeborene Jesus wurde bald nach seiner Geburt zum Flüchtling. Die unzähligen Weihnachts-Beleuchtungen im ganzen Land sind wunderschön, aber sie machen vergessen, dass der, um den es dabei eigentlich geht, heutzutage auch in unserem Land miserabel behandelt würde. Eigentlich ein Weihnachtsskandal.

Das „christliche“ Abendland

Das Radio meldet Verkehrsstau in den Tiroler Schigebieten am 31. Oktober und der Sprecher erklärt den Ansturm mit dem arbeitsfreien Reformations-Tag in Deutschland. Und ich erinnere mich an die Radio-Durchsagen rund um den vergangenen österreichischen Nationalfeiertag: Stau auf so ziemlich allen wichtigen Straßenverbindungen. Nicht anders an vielen anderen Feiertagen, etwa zu Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam im Frühling. Freie Tage animieren uns immer mehr zum Wegfahren, zum Urlaub machen, zum individuellen Ausspannen. Dazu sind Feiertage zweifellos zunächst auch einmal da. Abwechslung bieten zum Arbeitsalltag. Und sowohl Österreich als auch unsere Nachbarländer bieten sagenhaft schöne Entspannungs- und Entdeckungsdestinationen an. Es scheint mir dabei jedoch, die Begründung des jeweiligen Feiertags wird immer mehr zur absoluten Nebensache. Hauptsache frei, egal warum. Auch kirchliche Angebote zur Vorbereitung auf größere Feiertage, wie es die Fastenzeiten im Advent oder die Wochen vor Ostern sein sollten, interessieren die breite Masse eher wegen der spezifischen kulinarischen Angebote. Also Punsch und Kekse vor Weihnachten, Fischspezialitäten in der Fastenzeit. Das, was christliche Religionen damit meinen, nämlich die Entschlackung von Geist und Körper, holen wir uns bei Bedarf teuer bezahlt in Kur- und Wellnesseinrichtungen.

Ganz anders muslimische Mitbürger. Der regelmäßig wiederkehrende Ramadan ist ihnen heilig, vor allem aus religiösen, wohl auch aus traditionellen Gründen. Viele pflegen auch das mehrmalige tägliche Gebet in Richtung Mekka. Aber sie machen sich uns Europäern damit nicht selten ein wenig suspekt und fremd. Zugleich warnen dieselben Europäer vor der Islamisierung des Abendlandes, denen die eigene christliche Fest- und Feiertradition nichts mehr bedeutet als die Chance auf einen freien Urlaubstag. Es ist eine merkwürdige Argumentation, dasjenige verteidigt und geschützt haben zu wollen, was man selbst im Grunde nicht mehr pflegt und hochhält. Zugleich aber Menschen schief anzusehen, die ihre Religion samt ihren Ritualen und Vorschriften ganz selbstverständlich leben. Seit einiger Zeit schon stehen in Europa die ersten Kirchen zum Verkauf, auch Klöster werden geschlossen. In Dublin habe ich ein riesiges Pub in einer ehemaligen Kirche erlebt, weitere ehemals gut besuchte Gotteshäuser werden an andere Religionsgemeinschaften übergeben oder dem Verfall preisgegeben, weil sie niemand mehr braucht und sie zur finanziellen Belastung für die Pfarren geworden sind. Der Staat wird sich gerade in finanziell angespannten Zeiten schwer tun, in all diesen Fällen mit Ersatzideen einzuspringen. Fazit: wer sich beklagt, dass Europa seine christliche Tradition zu verlieren droht, sollte darüber nachdenken, wie sehr er selbst durch sein Verhalten genau dazu beiträgt. Möglichkeiten dazu gibt es jeden Sonntag. Wem das zu viel des Guten ist, dann am kommenden 8. Dezember. Es wird ein Freitag sein, der wieder ein langes Wochenende in Aussicht stellt…

Die Qual der Wahl

Plötzlich wollen alle eine weiße Weste haben, die Türkisen sowieso und natürlich auch die Roten. Wäre die ziemlich geheim und gut organisierte Schmutzkübel Kampagne nicht aufgeflogen, so wäre sie mit Sicherheit munter weitergeführt worden. Davon kann man ausgehen. Offensichtlich wirkt es bei Wählern besser, wenn sich politische Kontrahenten gegenseitig anpatzen, als wenn sie ihre Argumente möglichst sachlich verbreiten. Sachlichkeit, auch verständlich und knackig präsentiert, scheint nicht so gut zu wirken wie wilde Schläge unter die Gürtellinie. Sind also wir Wähler mit Schuld daran, wenn sich Mandatare Prügel um die Ohren hauen? Oder liegt es nicht auch, wie ich meine, in deren Verantwortung, einen Umgang an den Tag zu legen, der in unseren Breiten einfach zum guten und normalen Ton gehört?

Der Name Tal Silberstein ist vielen Menschen erst im vergangenen August im Zuge seiner Verhaftung erstmals aufgefallen. Politische Profis kennen ihn schon seit vielen Jahren. Er steht, so wurde mir gesagt, für mieseste Recherchen im Privatbereich von Politikern, die dann frisiert geschickt verbreitet werden. Das Ziel ist klar: die Integrität der „Zielperson“ soll zerstört und sie damit unwählbar gemacht werden. Viele hunderttausend Euro ist den Auftraggebern diese „Arbeit“ wert, immerhin lässt sich nach erfolgreicher Kampagne vielleicht eine Wahl gewinnen. Oder auch nicht. Sensible Wähler spüren es möglicherweise, wenn einem Kandidaten plötzlich ein Liebes-Verhältnis zugeschrieben wird oder etwa ein skandalöser Umgang mit seiner Partnerin. Die meisten Menschen bleiben skeptisch, ob das denn wirklich wahr sein könne, nur: hängen bleiben derartige Vorwürfe an den Politikern sehr lang und nachhaltig. Der Ruf ist angepatzt, auch wenn nicht das Geringste der Vorwürfe wahr ist.

Freilich: ein Freibrief für moralisch fragwürdiges Verhalten kann und darf die Causa Silberstein für Volksvertreter natürlich auch nicht sein. Es ist und bleibt klarerweise legitim, Menschen des öffentlichen Lebens auch daraufhin abzuklopfen, ob ihr Leben mit ihren Worten übereinstimmt. Ihnen aber bewusst Dinge anzudichten, die vielleicht spannend klingen, aber in keiner Weise der Wirklichkeit entsprechen, ist skandalös.

Zurück bleiben wir Wähler. Viele sind verunsicherter denn je. Die großen Blöcke, die für sie viele Jahre politische Heimat waren, sind geschrumpft, weil sie immer mehr für andere Inhalte stehen als jene, die lang vertraut waren. Die neuen Parteien sind vielen trotz der zahllosen TV Konfrontationen nach wie vor fremd und so wissen mehr Menschen denn je auch wenige Tage vor der wichtigen Wahl noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben und damit zutrauen sollen, unser Land auf einem guten Weg weiter zu führen. Ihr Problem: wenn Parteien für ihren erhofften Wahlerfolg schon zu Schmutzkampagnen greifen: wem kann man da noch trauen? Nicht zu wählen ist aber auch keine Lösung. Demokratie ist, wie schon Winston Churchill zugeschrieben wird, die schlechteste Staatsform, es gibt aber keine bessere. Die allerschlimmste Staatsform ist es meiner Meinung nach jedoch, gar keine Wahl zu haben. Die haben wir zum Glück. Sie zu nützen, ist aber so schwer wie nie zu vor.

Gedanken zu Schulbeginn

Ein Akademiker, der seit vielen Jahren als Busfahrer arbeitet, hat kürzlich mediales Aufsehen erregt und auch mich zum Nachdenken gebracht. Wie kann ein „Studierter“ nur so tief fallen, das war die Assoziation, die damit geweckt wurde. Ich teile diese Verbindung absolut nicht. Als nebenberuflicher Reiseleiter hege ich Busfahrern gegenüber vielmehr höchste Achtung und Anerkennung. Sie tragen nicht nur enorme Verantwortung, ihre Gäste heil ans Ziel zu bringen, sondern wissen aufgrund ihrer langen Erfahrung mitunter mehr über Land und Leute zu erzählen als die neben ihnen sitzenden Reiseleiter. Doch darum geht es mir hier nicht. Ich denke viel mehr über berufliche Veränderungen nach, die in künftigen Jahren viel öfter an der Tagesordnung sein werden als bisher. Die Zeiten, wo jemand in seinem allerersten Job oder gar in seiner allerersten Firma in Pension geht, scheinen nach Ansicht vieler Experten längst vorbei zu sein. Und berufliche Umstiege kennen wohl alle bereits aus ihrer nächsten Umgebung. Hier arbeitet ein absolvierter Chemiker als Journalist, dort eine Juristin als Lebensberaterin, ich kenne einen Doktor der Limnologie, der höchst erfolgreich als Bierbrauer werkt, aber auch einen Elektriker, der es zum Psychologen gebracht hat. Und wieder schwingt die absolut unzulässige Wertung mit: Berufe mit akademischem Abschluss stünden über solchen, die eine Lehre als Basis haben. Stehen sie überhaupt nicht. Es sind einfach die verschiedensten Kompetenzen, die sich Menschen bei entsprechendem Interesse und Begabung aneignen können und mit deren Hilfe sie sich selbst möglichst gut zu verwirklichen suchen. Vielleicht eben nur eine Zeit lang, um dann wieder etwas Anderes zu versuchen.

Ich schreibe das bewusst zu Schulanfang. Weil ich Kinder kenne, die mit Sicherheit in der falschen Schule sitzen und von ihren Eltern mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln bis zur Matura getrieben werden. So als ob dieser Abschluss späteres Lebensglück garantieren würde. In Wahrheit kann selbst sie seelisch verkrüppelte Menschen zurücklassen, wenn das gymnasiale Angebot über dem (momentanen) Interesse des Schülers gelegen ist. Natürlich sind Schulen keine Wellness-Institute. Es ist ihre wichtige Aufgabe, Kindern das beizubringen, was gesellschaftlich verlangt wird und auch wichtig ist: Lesen, Schreiben, Rechnen, dazu aber auch erste genauere Einblicke in alle möglichen Spezialgebiete, mit denen wir heute konfrontiert sind. Es ist aber nicht so, dass ein Schüler, der etwa in Physik die Ohren zumacht, automatisch und generell als unbegabt zu qualifizieren wäre. Vielleicht ist er ein guter Zeichner, dem die Welt später als Maler oder Musiker zu Füßen liegt. Oder der uninteressierte Musiker macht sich später als gefragter Elektriker oder Tischler oder eben als Busfahrer einen Namen und wird darin glücklich. Letztendlich geht es um das Glück und um die Zufriedenheit des einzelnen Menschen. Institutionen wie die Schule können dazu einen enormen Beitrag leisten, wenn sie es schaffen, vorhandene Begabungen zu definieren und den hoffentlich vernünftigen Eltern den möglichen Weg anzuzeigen, den ihr Kind dorthin gehen könnte. Abzweigungen in alle Richtungen sind dabei nicht ausgeschlossen. Sie alle sind gleich wertvoll.

Lieber eine zahnlose Halleluja-Bewegung?

Lieber Papst Franziskus, leicht hast du es nicht. Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was man sich vom Vatikan erzählt, geht es dort wilder zu als im österreichischen Wahlkampf, der gerade läuft. Papst zu sein ist sicher kein erstrebenswertes Geschäft. Dass du die katholische Kirche umkrempeln und wieder biblischer machen möchtest, das haben wir verstanden. Wir sehen und hören aber auch, wieviel Widerstand es dagegen gibt. So viele bremsende Kurien-Kardinäle kannst du offenbar gar nicht entlassen, als sich immer wieder höchste geweihte Herren finden, die deine Pläne torpedieren. In Intrigen scheint die kirchliche Zentrale in Rom reiche Erfahrung zu haben, aber nicht nur dort unten: auch draußen, in den vielen Diözesen dieser Welt, gibt es jede Menge Leute, denen eine katholische Kirche als prunkvoller Machtkörper, als möglichst unpolitische Gebetsorganisation, als zahnlose Halleluja-Bewegung lieber ist. Deine Vision von einer Kirche, die sich für Arme einsetzt, die sich um Heimatlose kümmert, die barmherzig ist gegenüber Gestrauchelten, die aussichtlosen Fällen eine zweite Chance gibt, erscheint ihnen suspekt. Die Folge davon ist, dass nichts weiter geht in konkreten Entscheidungen, die aber wichtig wären, auch für uns in Österreich.

Priester schaffen die Seelsorge nicht mehr, weil sie alleine dastehen. Es ist ein zweifaches Einsamkeits-Problem, das vielen zu schaffen macht: wegen des Personalmangels müssen sie immer mehr Aufgaben alleine schultern, wegen des Zölibats steht ihnen aber auch niemand zur Seite, bei dem sie ihre Probleme abladen könnten, zumindest nicht offiziell.

Frauen verlieren die Geduld mit der Kirche, weil nicht einmal die Weihe zur Diakonin möglich ist, geschweige denn zur Priesterin. Von außen betrachtet ist diese Situation ja auch wirklich schwer erklärbar: hier der eklatante Mangel an Priester, dort das päpstliche Njet (Papst Johannes Paul II.) zur Weihe von Frauen.

„Macht mir mutige Vorschläge!“, das hast du den Bischöfen schon vor einiger Zeit zugerufen. Gekommen ist nichts, wie es den Anschein hat. Und nicht nur kleine Gläubige fragen sich, was der Grund für diese scheinbare Feigheit der Hirten ist. Wenn sie schon der Papst selbst aufruft, mutig zu sagen, was nottut: was hätten sie zu verlieren? Aber es spießt ja schon bei ihrer Nachbesetzung, Beispiel Tirol. Ein Zeichen der Wertschätzung einer Diözese ist es jedenfalls nicht, sie so lange unbesetzt zu lassen.

Das alles erhöht den Unmut unter Katholiken, oder noch schlimmer: es macht immer mehr von ihnen mürbe und sie geben enttäuscht auf. Junge haben diesen Schritt vielfach bereits hinter sich. Eine derart unbewegliche Organisation ist ihre Sache nicht und sie orientieren sich anderswo.

Du selbst, lieber Papst kannst dafür wenig. Aber die Zeit drängt. Und es wäre ein fatales Signal, wenn selbst du, der du bei deinem Amtsantritt vor bereits vier Jahren so ungeheuer viele Hoffnungen geweckt hast, die Bühne der Kirche resigniert verlassen würdest.

Kulturelle Schubumkehr

Es ist mehr als auffällig. Seit Jahren besuche ich mit Reisegruppen große Festspielveranstaltungen, vornehmlich auch jene im Burgenland. Dabei zeigt sich, dass es kaum noch vollbesetzte Vorstellungen gibt. An der künstlerischen Qualität kann es nicht liegen. Das Niveau der Darbietungen ist durchwegs hochstehend, auch gefallen meinen Gästen eigentlich alle Inszenierungen, weil in Mörbisch und St. Margarethen im Gegensatz zu anderen Spielstätten recht vorsichtig umgegangen wird mit sogenannten Modernisierungen, die dann bekanntlich sehr leicht zu künstlerischen Vergewaltigungen zu werden drohen. Und trotzdem: von Jahr zu Jahr bleiben mehr Besucher aus und als Erstes müssen die Intendanzen dran glauben. Köpfe wechseln, auf die Besucherzahlen scheint das aber keinen Einfluss zu haben.

Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung dürfte in einem hoch erfreulichen Umstand zu suchen sein. Die Erklärung trägt Ortsnamen wie Helfenberg, Bad Leonfelden, Reichenau, Sarleinsbach und viele andere mehr. Die Erklärung sind all die kleinen Spielorte, wo noch vor wenigen Jahren kulturelle Mitternacht herrschte, wo jetzt aber originelle Angebote geliefert werden, die liebend gern gebucht werden. Natürlich bedeutet das massive Konkurrenz für die wenigen großen Veranstalter, die früher fast alleine dagestanden sind. Dass die Oberösterreicher die Chance nutzen, ihr Theater ums Eck anzuschauen und sich dafür die stundenlange Fahrt zum See und zurück sparen, ist nur zu verständlich. Und ihr Verhalten unterstützt vor allem die lokale Kultur, also das, was für ein reichhaltiges Leben am Land mehr als erfreulich ist. Allzu große Sorgen um die Großen braucht man sich trotzdem nicht zu machen. Leitbetriebe sind überall nötig, vielleicht schrumpfen sie sich ein wenig gesund, es muss ja nicht sein, dass für einen Vogelhändler dreimal pro Woche eine Arena von 6000 Besuchern gefüllt sein muss. Aber dass die Kultur jetzt begonnen hat, sich spürbar über das ganze Land zu verteilen, halte ich für ein geradezu unbezahlbares Benefit, weil dadurch eine breitere Masse von dem Virus angesteckt wird, in welcher Form auch immer Kunst zu betreiben. Kultur wird immer große Schauspieler oder Musiker als Vorbilder und Lichtgestalten brauchen. Solche Vorbilder haben dort den allergrößten Wert, wenn es auch Nachahmer gibt und das scheint mit der kulturellen „Schubumkehr“ gelungen zu sein. Zugleich wird mit dem neu aufflammenden Kunstbetrieb am Land ein Reservoir für die große Kunst geschaffen, weil es wohl immer so sein wird, dass in dem einen kleinen Theaterstadl oder der ambitionierten Chorgemeinschaft dereinst vielleicht ein Star heranwächst, der dann später einmal auf einer der ganz großen Bühnen Karriere macht. Beispiele dafür gibt es jede Menge, die momentane Entwicklung gibt Anlass zur Hoffnung auf eine eventuelle Wiederholung.

Natürlich kostet Kultur Geld, in den allermeisten Fällen durch öffentliche Unterstützung. Aber es stimmt zweifellos, was der ehemalige Kulturreferent Landeshauptmann Josef Pühringer gern gesagt hat, wann immer das Füllhorn vielleicht gar ein wenig zu großzügig ausgeschüttet wurde: „Kultur kostet, aber Unkultur kostet noch viel mehr“. Die Entwicklung von der „kulturellen Schubumkehr“ mag eine erfreuliche Frucht dieser Art von Kulturpolitik sein.