Die Qual der Wahl

Plötzlich wollen alle eine weiße Weste haben, die Türkisen sowieso und natürlich auch die Roten. Wäre die ziemlich geheim und gut organisierte Schmutzkübel Kampagne nicht aufgeflogen, so wäre sie mit Sicherheit munter weitergeführt worden. Davon kann man ausgehen. Offensichtlich wirkt es bei Wählern besser, wenn sich politische Kontrahenten gegenseitig anpatzen, als wenn sie ihre Argumente möglichst sachlich verbreiten. Sachlichkeit, auch verständlich und knackig präsentiert, scheint nicht so gut zu wirken wie wilde Schläge unter die Gürtellinie. Sind also wir Wähler mit Schuld daran, wenn sich Mandatare Prügel um die Ohren hauen? Oder liegt es nicht auch, wie ich meine, in deren Verantwortung, einen Umgang an den Tag zu legen, der in unseren Breiten einfach zum guten und normalen Ton gehört?

Der Name Tal Silberstein ist vielen Menschen erst im vergangenen August im Zuge seiner Verhaftung erstmals aufgefallen. Politische Profis kennen ihn schon seit vielen Jahren. Er steht, so wurde mir gesagt, für mieseste Recherchen im Privatbereich von Politikern, die dann frisiert geschickt verbreitet werden. Das Ziel ist klar: die Integrität der „Zielperson“ soll zerstört und sie damit unwählbar gemacht werden. Viele hunderttausend Euro ist den Auftraggebern diese „Arbeit“ wert, immerhin lässt sich nach erfolgreicher Kampagne vielleicht eine Wahl gewinnen. Oder auch nicht. Sensible Wähler spüren es möglicherweise, wenn einem Kandidaten plötzlich ein Liebes-Verhältnis zugeschrieben wird oder etwa ein skandalöser Umgang mit seiner Partnerin. Die meisten Menschen bleiben skeptisch, ob das denn wirklich wahr sein könne, nur: hängen bleiben derartige Vorwürfe an den Politikern sehr lang und nachhaltig. Der Ruf ist angepatzt, auch wenn nicht das Geringste der Vorwürfe wahr ist.

Freilich: ein Freibrief für moralisch fragwürdiges Verhalten kann und darf die Causa Silberstein für Volksvertreter natürlich auch nicht sein. Es ist und bleibt klarerweise legitim, Menschen des öffentlichen Lebens auch daraufhin abzuklopfen, ob ihr Leben mit ihren Worten übereinstimmt. Ihnen aber bewusst Dinge anzudichten, die vielleicht spannend klingen, aber in keiner Weise der Wirklichkeit entsprechen, ist skandalös.

Zurück bleiben wir Wähler. Viele sind verunsicherter denn je. Die großen Blöcke, die für sie viele Jahre politische Heimat waren, sind geschrumpft, weil sie immer mehr für andere Inhalte stehen als jene, die lang vertraut waren. Die neuen Parteien sind vielen trotz der zahllosen TV Konfrontationen nach wie vor fremd und so wissen mehr Menschen denn je auch wenige Tage vor der wichtigen Wahl noch immer nicht, wem sie ihre Stimme geben und damit zutrauen sollen, unser Land auf einem guten Weg weiter zu führen. Ihr Problem: wenn Parteien für ihren erhofften Wahlerfolg schon zu Schmutzkampagnen greifen: wem kann man da noch trauen? Nicht zu wählen ist aber auch keine Lösung. Demokratie ist, wie schon Winston Churchill zugeschrieben wird, die schlechteste Staatsform, es gibt aber keine bessere. Die allerschlimmste Staatsform ist es meiner Meinung nach jedoch, gar keine Wahl zu haben. Die haben wir zum Glück. Sie zu nützen, ist aber so schwer wie nie zu vor.

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Gedanken zu Schulbeginn

Ein Akademiker, der seit vielen Jahren als Busfahrer arbeitet, hat kürzlich mediales Aufsehen erregt und auch mich zum Nachdenken gebracht. Wie kann ein „Studierter“ nur so tief fallen, das war die Assoziation, die damit geweckt wurde. Ich teile diese Verbindung absolut nicht. Als nebenberuflicher Reiseleiter hege ich Busfahrern gegenüber vielmehr höchste Achtung und Anerkennung. Sie tragen nicht nur enorme Verantwortung, ihre Gäste heil ans Ziel zu bringen, sondern wissen aufgrund ihrer langen Erfahrung mitunter mehr über Land und Leute zu erzählen als die neben ihnen sitzenden Reiseleiter. Doch darum geht es mir hier nicht. Ich denke viel mehr über berufliche Veränderungen nach, die in künftigen Jahren viel öfter an der Tagesordnung sein werden als bisher. Die Zeiten, wo jemand in seinem allerersten Job oder gar in seiner allerersten Firma in Pension geht, scheinen nach Ansicht vieler Experten längst vorbei zu sein. Und berufliche Umstiege kennen wohl alle bereits aus ihrer nächsten Umgebung. Hier arbeitet ein absolvierter Chemiker als Journalist, dort eine Juristin als Lebensberaterin, ich kenne einen Doktor der Limnologie, der höchst erfolgreich als Bierbrauer werkt, aber auch einen Elektriker, der es zum Psychologen gebracht hat. Und wieder schwingt die absolut unzulässige Wertung mit: Berufe mit akademischem Abschluss stünden über solchen, die eine Lehre als Basis haben. Stehen sie überhaupt nicht. Es sind einfach die verschiedensten Kompetenzen, die sich Menschen bei entsprechendem Interesse und Begabung aneignen können und mit deren Hilfe sie sich selbst möglichst gut zu verwirklichen suchen. Vielleicht eben nur eine Zeit lang, um dann wieder etwas Anderes zu versuchen.

Ich schreibe das bewusst zu Schulanfang. Weil ich Kinder kenne, die mit Sicherheit in der falschen Schule sitzen und von ihren Eltern mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln bis zur Matura getrieben werden. So als ob dieser Abschluss späteres Lebensglück garantieren würde. In Wahrheit kann selbst sie seelisch verkrüppelte Menschen zurücklassen, wenn das gymnasiale Angebot über dem (momentanen) Interesse des Schülers gelegen ist. Natürlich sind Schulen keine Wellness-Institute. Es ist ihre wichtige Aufgabe, Kindern das beizubringen, was gesellschaftlich verlangt wird und auch wichtig ist: Lesen, Schreiben, Rechnen, dazu aber auch erste genauere Einblicke in alle möglichen Spezialgebiete, mit denen wir heute konfrontiert sind. Es ist aber nicht so, dass ein Schüler, der etwa in Physik die Ohren zumacht, automatisch und generell als unbegabt zu qualifizieren wäre. Vielleicht ist er ein guter Zeichner, dem die Welt später als Maler oder Musiker zu Füßen liegt. Oder der uninteressierte Musiker macht sich später als gefragter Elektriker oder Tischler oder eben als Busfahrer einen Namen und wird darin glücklich. Letztendlich geht es um das Glück und um die Zufriedenheit des einzelnen Menschen. Institutionen wie die Schule können dazu einen enormen Beitrag leisten, wenn sie es schaffen, vorhandene Begabungen zu definieren und den hoffentlich vernünftigen Eltern den möglichen Weg anzuzeigen, den ihr Kind dorthin gehen könnte. Abzweigungen in alle Richtungen sind dabei nicht ausgeschlossen. Sie alle sind gleich wertvoll.

Lieber eine zahnlose Halleluja-Bewegung?

Lieber Papst Franziskus, leicht hast du es nicht. Wenn nur die Hälfte dessen stimmt, was man sich vom Vatikan erzählt, geht es dort wilder zu als im österreichischen Wahlkampf, der gerade läuft. Papst zu sein ist sicher kein erstrebenswertes Geschäft. Dass du die katholische Kirche umkrempeln und wieder biblischer machen möchtest, das haben wir verstanden. Wir sehen und hören aber auch, wieviel Widerstand es dagegen gibt. So viele bremsende Kurien-Kardinäle kannst du offenbar gar nicht entlassen, als sich immer wieder höchste geweihte Herren finden, die deine Pläne torpedieren. In Intrigen scheint die kirchliche Zentrale in Rom reiche Erfahrung zu haben, aber nicht nur dort unten: auch draußen, in den vielen Diözesen dieser Welt, gibt es jede Menge Leute, denen eine katholische Kirche als prunkvoller Machtkörper, als möglichst unpolitische Gebetsorganisation, als zahnlose Halleluja-Bewegung lieber ist. Deine Vision von einer Kirche, die sich für Arme einsetzt, die sich um Heimatlose kümmert, die barmherzig ist gegenüber Gestrauchelten, die aussichtlosen Fällen eine zweite Chance gibt, erscheint ihnen suspekt. Die Folge davon ist, dass nichts weiter geht in konkreten Entscheidungen, die aber wichtig wären, auch für uns in Österreich.

Priester schaffen die Seelsorge nicht mehr, weil sie alleine dastehen. Es ist ein zweifaches Einsamkeits-Problem, das vielen zu schaffen macht: wegen des Personalmangels müssen sie immer mehr Aufgaben alleine schultern, wegen des Zölibats steht ihnen aber auch niemand zur Seite, bei dem sie ihre Probleme abladen könnten, zumindest nicht offiziell.

Frauen verlieren die Geduld mit der Kirche, weil nicht einmal die Weihe zur Diakonin möglich ist, geschweige denn zur Priesterin. Von außen betrachtet ist diese Situation ja auch wirklich schwer erklärbar: hier der eklatante Mangel an Priester, dort das päpstliche Njet (Papst Johannes Paul II.) zur Weihe von Frauen.

„Macht mir mutige Vorschläge!“, das hast du den Bischöfen schon vor einiger Zeit zugerufen. Gekommen ist nichts, wie es den Anschein hat. Und nicht nur kleine Gläubige fragen sich, was der Grund für diese scheinbare Feigheit der Hirten ist. Wenn sie schon der Papst selbst aufruft, mutig zu sagen, was nottut: was hätten sie zu verlieren? Aber es spießt ja schon bei ihrer Nachbesetzung, Beispiel Tirol. Ein Zeichen der Wertschätzung einer Diözese ist es jedenfalls nicht, sie so lange unbesetzt zu lassen.

Das alles erhöht den Unmut unter Katholiken, oder noch schlimmer: es macht immer mehr von ihnen mürbe und sie geben enttäuscht auf. Junge haben diesen Schritt vielfach bereits hinter sich. Eine derart unbewegliche Organisation ist ihre Sache nicht und sie orientieren sich anderswo.

Du selbst, lieber Papst kannst dafür wenig. Aber die Zeit drängt. Und es wäre ein fatales Signal, wenn selbst du, der du bei deinem Amtsantritt vor bereits vier Jahren so ungeheuer viele Hoffnungen geweckt hast, die Bühne der Kirche resigniert verlassen würdest.

Kulturelle Schubumkehr

Es ist mehr als auffällig. Seit Jahren besuche ich mit Reisegruppen große Festspielveranstaltungen, vornehmlich auch jene im Burgenland. Dabei zeigt sich, dass es kaum noch vollbesetzte Vorstellungen gibt. An der künstlerischen Qualität kann es nicht liegen. Das Niveau der Darbietungen ist durchwegs hochstehend, auch gefallen meinen Gästen eigentlich alle Inszenierungen, weil in Mörbisch und St. Margarethen im Gegensatz zu anderen Spielstätten recht vorsichtig umgegangen wird mit sogenannten Modernisierungen, die dann bekanntlich sehr leicht zu künstlerischen Vergewaltigungen zu werden drohen. Und trotzdem: von Jahr zu Jahr bleiben mehr Besucher aus und als Erstes müssen die Intendanzen dran glauben. Köpfe wechseln, auf die Besucherzahlen scheint das aber keinen Einfluss zu haben.

Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung dürfte in einem hoch erfreulichen Umstand zu suchen sein. Die Erklärung trägt Ortsnamen wie Helfenberg, Bad Leonfelden, Reichenau, Sarleinsbach und viele andere mehr. Die Erklärung sind all die kleinen Spielorte, wo noch vor wenigen Jahren kulturelle Mitternacht herrschte, wo jetzt aber originelle Angebote geliefert werden, die liebend gern gebucht werden. Natürlich bedeutet das massive Konkurrenz für die wenigen großen Veranstalter, die früher fast alleine dagestanden sind. Dass die Oberösterreicher die Chance nutzen, ihr Theater ums Eck anzuschauen und sich dafür die stundenlange Fahrt zum See und zurück sparen, ist nur zu verständlich. Und ihr Verhalten unterstützt vor allem die lokale Kultur, also das, was für ein reichhaltiges Leben am Land mehr als erfreulich ist. Allzu große Sorgen um die Großen braucht man sich trotzdem nicht zu machen. Leitbetriebe sind überall nötig, vielleicht schrumpfen sie sich ein wenig gesund, es muss ja nicht sein, dass für einen Vogelhändler dreimal pro Woche eine Arena von 6000 Besuchern gefüllt sein muss. Aber dass die Kultur jetzt begonnen hat, sich spürbar über das ganze Land zu verteilen, halte ich für ein geradezu unbezahlbares Benefit, weil dadurch eine breitere Masse von dem Virus angesteckt wird, in welcher Form auch immer Kunst zu betreiben. Kultur wird immer große Schauspieler oder Musiker als Vorbilder und Lichtgestalten brauchen. Solche Vorbilder haben dort den allergrößten Wert, wenn es auch Nachahmer gibt und das scheint mit der kulturellen „Schubumkehr“ gelungen zu sein. Zugleich wird mit dem neu aufflammenden Kunstbetrieb am Land ein Reservoir für die große Kunst geschaffen, weil es wohl immer so sein wird, dass in dem einen kleinen Theaterstadl oder der ambitionierten Chorgemeinschaft dereinst vielleicht ein Star heranwächst, der dann später einmal auf einer der ganz großen Bühnen Karriere macht. Beispiele dafür gibt es jede Menge, die momentane Entwicklung gibt Anlass zur Hoffnung auf eine eventuelle Wiederholung.

Natürlich kostet Kultur Geld, in den allermeisten Fällen durch öffentliche Unterstützung. Aber es stimmt zweifellos, was der ehemalige Kulturreferent Landeshauptmann Josef Pühringer gern gesagt hat, wann immer das Füllhorn vielleicht gar ein wenig zu großzügig ausgeschüttet wurde: „Kultur kostet, aber Unkultur kostet noch viel mehr“. Die Entwicklung von der „kulturellen Schubumkehr“ mag eine erfreuliche Frucht dieser Art von Kulturpolitik sein.

Pfingstliche Glaubenshürden

Es ist schon ein bisschen viel verlangt: tatsächlich für wahr zu halten, was uns in den christlichen Kirchen am Pfingstsonntag vorgesetzt wird. Zungen wie von Feuer seien auf den Köpfen der Nachfolger des gekreuzigten Jesus erschienen und plötzlich hätten diese bisher sehr einfachen Leute aus dem bäuerlichen Galiläa alle möglichen Sprachen gesprochen. Und zwar so, dass sie jeder Zuhörer in seiner Muttersprache verstand. Diese Geschichte kann, mit Verlaub, so nicht stattgefunden haben. Es muss sich wohl um eine Bildersprache handeln, die zu erklären Theologen berufen sind. Es könnte vielleicht so gewesen sein, dass die Jesus-begeisterten Leute ihre Botschaft von dem wundersamen Mann so lebendig weiter erzählen konnten, dass das alle Zuhörer begriffen haben, ganz unabhängig von der verwendeten Sprache. Alleine das reicht aus, um zu staunen über den einfachen Beginn einer Institution, die es auch 2000 Jahre danach noch gibt.

Anlass zum Vergleich mit der Situation der Kirche in der heutigen Zeit bietet das Bild mit den apostolischen „Sprachgenies“ aber allemal. Sie schienen entflammt gewesen zu sein von der Botschaft dieses Jesus, dem persönlich bekanntlich kein besonders gutes Schicksal widerfahren war. Bereits im 33. Lebensjahr musste er sein Leben lassen, weil er der damaligen politischen Macht in Palästina zu gefährlich geworden war. Seine Fans ließen ihn aber weiterleben. Bereits ab dem 3. Tag nach seiner Kreuzigung waren sie von seinem Schicksal, seiner Botschaft und seiner Lehre so beseelt, dass sie felsenfest davon überzeugt waren, er wäre wieder leibhaftig unter ihnen zur Fortsetzung des begonnenen Weges. Und sie schafften es, seine Lehre so zu verkünden, dass alle Zuhörer verstanden, was sie damit meinten.

Eine solche Begeisterung muss man heutzutage lange suchen. Obwohl die Kirchensprache, dem II. Vatikanischen Konzil sei Dank, längst die Sprache des jeweiligen Volkes ist: mit Verstehen hat das freilich noch lange nichts oder schon lange nichts mehr zu tun. Oft ist es ein kirchlicher Singsang ohne jeden Bezug zum normalen Leben, der da zu hören ist. Eine Sprache, die außerhalb der Kirchenmauern nicht nur nicht gesprochen, sondern weitgehend schon lange überhaupt nicht mehr verstanden wird. Vom gebotenen Inhalt ganz zu schweigen. Fragen Sie Jugendliche, was sie unter „heiligem Geist“ verstehen, was sie von „Engelszungen“ halten, wie sie das weithin noch immer verwendete Symbol des heiligen Geistes, die „Taube“ interpretieren und vieles mehr. Auch wenn diese Dinge im Religionsunterricht vielleicht erklärt und übersetzt wurden: den Weg in die Herzen der Menschen hat das kaum gefunden. Und selbst wenn die richtigen Worte gefunden werden: oft werden sie in einem Tonfall präsentiert, der sich von der normalen Sprechmelodie der Gläubigen weit entfernt hat.

Nötig wären auch neue kirchliche Symbole. Tauben, Engelszungen, ja selbst der heilige Geist als Begriff haben ausgedient. Und nötig ist es auch, die Sprache des jeweiligen Volkes zu akzeptieren. Diese und keine andere Sprache soll Verwendung finden. Damit es wahrscheinlicher wird, von den Leuten wenigstens einigermaßen verstanden zu werden.

 

 

Gedanken beim Einkaufen

Butter aus Irland, Wein aus Australien, Steak aus Argentinien. Ein Gang durch einen x-beliebigen Supermarkt präsentiert uns lukullisch die halbe, ja fast die ganze Welt. Ich erinnere mich an Gespräche mit älteren Angehörigen, die immer wieder erzählen, dies oder jenes habe es früher überhaupt nicht zu kaufen gegeben. Man war zufrieden, die allerwichtigsten Grundnahrungsmittel bekommen zu haben. Die Welt ist inzwischen kleiner geworden, fast alle waren irgendwann einmal im Ausland, man lernte neue Geschmäcker kennen und schätzen und die Händler holten die teilweise exotischen Waren über diverse Handelsverträge ins Land. Dagegen ist wenig einzuwenden. Merkwürdig ist nur die Preisgestaltung. Butter aus Irland kostete in einem Supermarkt kürzlich weniger als Butter aus Österreich. Genauso der Wein aus Italien. Wie denn das, fragt mich der Hausverstand. Ist der Transport über hunderte Kilometer etwa gratis? Oder, wenn das nicht der Fall ist: was bekommen dann die irischen Bauern oder die italienischen Winzer eigentlich noch für ihr Produkt? Sicher: in Österreich sind die Produktionsbedingungen schwieriger als anderswo in der Welt. Kleinteiligkeit, Berglandschaften verhindern den Einsatz riesiger Maschinen, die anderswo die Produktion drastisch verbilligen, aber trotzdem: auch diese Maschinen haben ihren Preis. Es ist und bleibt merkwürdig, wenn Waren aus ferner Herren Länder billiger sind als vergleichbare Produkte von unseren heimischen Bauern. Viel wird und wurde über TTIP und CETA diskutiert. Es sind Freihandelsverträge, von denen sich vor allem unsere heimische Industrie noch bessere Exportchancen erhofft. Dass der amerikanische Präsident Donald Trump TTIP ablehnt, macht ihn zumindest in diesem Punkt zu einem Verbündeten der bunten Gegnerschaft in Europa, was angesichts seiner sonstigen In-Akzeptanz durchaus kurios ist. Aber CETA zielt auf eine Handelspartnerschaft mit Kanada und könnte schon bald Realität werden. Den Bauern graut es, wenn sie daran denken. Es ist weniger das gern polemisch und vielzitierte Chlorhuhn, das sie fürchten, sondern eine gewaltige Konkurrenz durch Lebensmittel, die jenseits des Atlantik günstigst erzeugt werden und mithilfe der neuen Verträge die heimischen Preise unterlaufen. Beispiel irische Butter: welche Einkäuferin, die auf ihre Ausgaben achtet, greift im Supermarkt nicht lieber zu diesem Produkt, wenn sie sich damit ein paar Cent sparen kann. Dass die Qualität stimmt, darauf kann sie sich verlassen, weil es ihr die heimische Lebensmittelkontrolle und auch der Supermarkt garantieren. Wahrscheinlich ist die Idee naiv: aber eine Preisgestaltung, die darauf Bezug nimmt, in welchem Abstand von Österreich die Waren erzeugt worden sind, könnte unsere Landwirtschaft entlasten. Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Strafzölle (die Trump favorisiert) oder, was mir sinnvoller erscheint, teurere Transportkosten (Erhöhung der Mineralölsteuer). Jeder soll Butter, Wein und Steak kaufen können, wie und von wo es ihm beliebt. Aber Butter aus Irland, Wein aus Italien und Steak aus Australien MÜSSEN teurer sein als Vergleichsprodukte aus Österreich. Mit und ohne TTIP oder CETA. Sind sie das nicht, bedeutet das über kurz oder lang das Ende unserer Landwirtschaft, aber auch das Ende dessen, was wir den ausländischen Touristen als unser schönes und vielgestaltiges Österreich anbieten.

Schwere Zeiten für den Osterhasen

Möglicherweise täuscht mich der Eindruck, aber mir scheint, als hätte die Wirtschaft, konkret die Werbewirtschaft ihre Freude an Ostern verloren. Weitgehend zumindest, denn sowohl auf den vielen Prospekten oder Zeitungsinseraten als auch in der elektronischen Werbung kommt der sympathische Osterbote sehr viel seltener vor als mir das früher in Erinnerung war. Was habe ich mich gewundert, wenn die Schokohasen ehemals schon im Februar  in Reih und Glied zum Verkauf aufgestellt waren: heuer habe ich sie zwar auch schon vor der Zeit gesehen, aber doch auffallend dezenter und seltener, wie mir vorkommt. Ich will wirklich keinen Grabgesang auf Schokohasen anstimmen, aber: immerhin waren die süßen Langohren noch vor 2 Jahren die mit Abstand beliebtesten Geschenke (58 %), noch vor den gefärbten Eiern (42 %) und den Spielsachen (27 %). Stimmt mein Eindruck des deutlichen Rückgangs, lässt das sehr viel ernstere Rückschlüsse zu: Ostern befindet sich im freien Fall. Hat es Weihnachten (zum Leidwesen aller Kritiker des überhand genommenen Brauchtums) geschafft, auch außerhalb christlicher Familien gefeiert zu werden, ist das dem Osterfest nicht oder nur kaum gelungen. So sehr Theologen darauf hinzuweisen versucht haben, dass die Geschichte vom Kind in der Krippe eigentlich als kritische Anregung zu verstehen wäre, haben Kitsch und Geschäft diesen Hinweis lautstark übertönt und Krippe, Ochs und Esel zur eigenen werbeträchtigen Marke gemacht. Das Christentum selbst als eigentlicher Träger dieser Botschaft ist ins Hintertreffen gelangt. Anders bei Ostern: eine Kreuzigung lässt sich schwer sympathisch machen und noch schwerer verkaufen. Der frühlingshafte Ostertermin ließ den Osterhasen aufkommen,aber auch dem scheinen jetzt schön langsam die Batterien auszugehen. Ostern, das wichtigste Fest der Christen, steht ein wenig im Schatten. Ob es wirklich noch mehrheitlich mit der Auferstehung Christi verbunden wird, wage ich zu bezweifeln. Doch eher mit verlängertem Wochenende, mit einem Kurzurlaub im Süden, einem Frühlingsfest mit Freunden, vielleicht auch noch mit einer Wellness-Fastenkur in den Wochen davor, aber immer weniger mit dem, was den Kern Glaubens ausmacht. Und was macht ihn aus? Alle Christen wären eingeladen, das zumindest jeden Sonntag zu bekennen: dass vor 2000 Jahren ein gewisser Jesus von Nazareth, der sich durchaus selbstbewusst als Sohn Gottes bezeichnet hat, wegen seiner für damalige Zeiten absolut provokanten Predigten und Taten ans Kreuz genagelt wurde und dessen Leichnam drei Tage danach nicht mehr im Felsengrab gelegen ist. Er sei vom Tode auferstanden, sagten seine Anhänger, die nach und nach über wundersame Begegnungen mit Jesus berichteten. Was das für heutige Anhänger heißen könnte?  Wir brauchen über Tote nicht allzu sehr zu trauern, wir brauchen unseren eigenen Tod auch nicht wirklich zu fürchten, weil uns zugesagt ist, jetzt und danach bei einem guten Gott geborgen zu sein. Und zwar bedingungslos, ob wir jetzt an ihn geglaubt haben oder nicht, ob unser Leichnam verbrannt wurde oder traditionell im Sarg bestattet wurde. Eigentlich eine Botschaft, die hilfreich sein müsste und könnte, ein ausgeglichenes und seelisch gesundes Leben zu führen.