Hut ab vor unseren Asylwerbern

Die Urlaubswochen sind vorbei, die Erfahrungen in den fernen Ländern gebührend ausgetauscht, da und dort startet bereits die Werbung für die Urlaubsfreuden 2019. Nichts dagegen einzuwenden: sich die Welt mit offenen Augen anzuschauen ist um Meilen besser als Urteile über Menschen anderer Länder abzugeben, die man überhaupt noch nie gesehen hat. Vielleicht lässt man aber auch einmal die Erfahrungen revue passieren, was die Sprache im Urlaubsland betrifft, englischsprachige Nationen vielleicht ausgenommen. Schwieriger mag es aber schon im benachbarten Italien oder gar in Frankreich werden. Ohne kurios wirkendem Gestikulieren ist dort oft kein Weiterkommen mehr möglich. Oder gar erst in unserem Norden und Osten, wo mit den Tschechen und Slowaken die slawischstämmigen Menschen zuhause sind. Die anfängliche Euphorie der Tschechischkurse nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist längst abgeebbt, das Interesse an der tschechischen Sprache ist auf ein Minimum geschrumpft, die wunderbaren Städte wie Prag, Brno oder etwa Plsen lassen sich auch ohne mühsames Erlernen der Sprache erkunden, die Kellner kommen uns sprachlich eilfertig entgegen. Andere Erfahrungen habe ich heuer in der westlichen Ukraine gemacht. Im Land, das etwa 140 Jahre zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehört hat und Deutsch eine von mehreren Umgangssprachen war, erinnert sich daran heute kaum noch jemand. Auch Englisch wird weitgehend gemieden. Was gesprochen wird, ist Ukrainisch oder Russisch. Für uns Touristen hieß das, entweder die rudimentären Reste vom lange zurückliegenden Tschechischkurs ausgraben oder mit Händen und Füßen darzulegen, was man wünschte. Die allermeisten Mitglieder unserer Reisegruppe standen vor einer unüberwindlichen sprachlichen Wand.

Die Stoßrichtung meiner Gedanken dreht sich um all die Asylwerber, die 2015 aus Ländern zu uns gekommen sind, in denen Deutsch absolut keine Rolle gespielt hat. Höre ich diese Menschen heute sprechen, würde ich nie und nimmer glauben, dass sie erst vor drei Jahren erste sprachliche Erfahrungen mit unserer Muttersprache gemacht haben. Heute besuchen sie Schulen, stehen in Berufen oder in der Lehre und freuen sich großteils einer hervorragenden Nachrede. Dass etliche von ihnen trotz alldem vor der Abschiebung stehen, ist ein bedauernswerter Skandal, den weiter zu erörtern hier aber den Rahmen sprengen würde.

Ich versetze mich in die Lage von Asylwerbern und stelle mir vor, ab sofort aus irgendeinem Grund in der Ukraine oder in Afghanistan leben zu müssen. Wie lange würde es dauern, bis ich mich in dieser Sprache auch nur rudimentär ausdrücken könnte. Oder gar, bis ich in der Lage wäre, eine Schule zu besuchen und einen Beruf auszuüben. Ich fürchte, in drei Jahren bei weitem nicht so weit zu sein. Das Gedankenspiel soll die Achtung und den Respekt gegenüber den Zuwanderern erhöhen. Natürlich ist das Erlernen der Sprache des neuen Landes ein Um und Auf der Integration. Aber wie rasch und gut die allermeisten der von so vielen Landsleuten und Politikern scheel angeschauten Zugewanderten das geschafft haben, verdient allergrößte Hochachtung.

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Fragwürdige Nachhilfestunden

Wenige Woche nach Schulbeginn nehmen sie wieder an Fahrt auf: die Nachhilfestunden für Schüler, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, die verlangten Leistungen zu erbringen. Unmengen an Geld investieren Eltern, um mithilfe von externen Stunden den Status ihrer Kinder zu erhalten oder auch, um deren Chancen im späteren Leben zu wahren. Mit Chance meinen sie im Allgemeinen die Matura. Sie öffnet nach althergebrachter Mär den Weg zur Universität und damit zu einem erfolgreichen und sorgenlosen Leben weit abseits von wenig angesehener Handarbeit. Was bis vor wenigen Jahren gestimmt haben mag, entspricht heute bei weitem nicht mehr der Wirklichkeit. Ich kenne viele junge Universitätsabsolventen, deren akademischer Titel in keiner Weise zum gewünschten Job geführt hat. Sie fretten sich als Herr oder Frau Magister mit Jobs über die Runden, die ihnen früher bestenfalls nur in Albträumen untergekommen wären. Zugleich teile ich wohl mit Ihnen allen den Umstand, wochen- und teils monatelang auf den zugesagten Besuch eines Handwerkers warten zu müssen, weil irgendwo ein Wasserhahn tropft, eine Stiege neu zu pflastern wäre oder ein Möbelstück umzuarbeiten ist. Die gegenwärtige Spitze unserer Bundesregierung als weiteren Beweis dafür anzuführen, wie vorteilhaft es sein kann, nicht studiert zu haben, erscheint mir zu polemisch, obwohl es stimmt, dass weder Kanzler noch Vizekanzler aufgrund fehlender Qualifikationen nicht einmal als Abteilungsleiter einer Bezirkshauptmannschaft in Frage kämen. Und doch liegt das Beispiel nicht ganz falsch für die Stoßlinie dieses Kommentars. Jeder Mensch soll das Glück haben, jene Bildung zu erfahren, die möglichst gut zu ihm passt. Vergleiche mit Nachbarkindern, die in der Schule vielleicht erfolgreicher vorankommen, sind in jedem Fall hinderlich. Interessant ist nur die Entwicklung des eigenen Kindes entsprechend seiner Begabung. Wer für mehrere Kinder verantwortlich ist, weiß um die Unterschiedlichkeit dieser Begabungen selbst bei den verwandtesten genetischen Voraussetzungen. Zurück zum Handwerk: dass es bei uns längst nicht mehr goldenen Boden hat, liegt auch am Umstand, dass ihm in hohem Ausmaß das Personal fehlt. Woher soll es denn kommen, wenn die Gymnasien aus allen Nähten platzen und Eltern mit allen Mitteln versuchen, ihre Kinder aus erwähnten Gründen in der höheren Schule zu halten? Ein Umstieg in eine weniger fordernde Schule wird zumindest am Land noch immer als peinlicher Abstieg empfunden. Dass er die Chance für ein begabungs-bestimmteres Leben des Kindes und damit auch der Schlüssel für sein späteres berufliches und menschliches Glück sein kann, wird nur selten gesehen. Gesellschaftspolitisch könnte es in dieser Hinsicht vielleicht tatsächlich hilfreich sein, wenn Meisterprüfungen denen von akademischen Bachelor-Absolventen gleichgesetzt werden, um scheinbare Ungleichheiten zu verhindern. Weil es ja ohne viel Polemik wirklich so ist: ein geschickter Tischler, Elektriker oder Fliesenleger ist in der alltäglichen Lebenspraxis mindestens so gefragt wie ein Lebensberater, ein Unternehmenscoach oder ein Geographieprofessor. Klar brauchen wir in Wahrheit alle davon, aber wir sollen uns hüten, sie gegeneinander auszuspielen und vor allem sollten wir uns hüten, Kinder in die eine oder andere Richtung zu drängen, wenn deren Begabung in eine andere Richtung weist.

Zuerst denken, dann wählen

Selbstverständlich ist jeder demokratisch gewählten Regierung das Recht zuzugestehen, Dinge zu verändern und das Leben nach ihren politischen Prinzipien umzugestalten. Die Frage sei aber erlaubt, ob die österreichischen Wähler im vergangenen Herbst wirklich all das wollten, was sie jetzt bekommen: Politik auf dem Rücken von Menschen, die wenig Lobby haben; Ausgrenzung von Hilfsbedürftigen; Hass und Häme gegenüber Mitmenschen in Not; Beförderung von Persönlichkeiten in öffentliche Ämter, die unverhohlen mit dem rechts-radikalen Lager sympathisieren. Es scheint wie beim britischen Brexit: so sehr das Volk für den Austritt aus der EU votiert hat, so sehr bedauert angeblich die Mehrheit jetzt diesen Schritt. Die Moral aus der Geschicht: zuerst denken, dann wählen, und zwar überall, nicht nur in England!

Herzlose, unchristliche Politik

Gerette Flüchtlinge abweisen. Das ist die Aufforderung des österreichischen Bundeskanzlers an die Anrainerstaaten des Mittelmeers. Zurück in die Heimatländer oder zumindest in sichere Drittstaaten, also in irgendwelche Auffanglager, jedenfalls nicht nach Europa. Ich halte diese Direktive für herzlos, inhuman und, mit Verlaub gesagt, auch für unchristlich. Außerdem fürchte ich, dass diese Haltung das Ansehen Österreichs, das derzeit den EU-Ratsvorsitz innehat, nachhaltig schädigt.

Fragwürdige Kunstobjekte

Die sommerliche Hochzeit der Künste aller Art sorgt nicht nur für Applaus. Soll sie auch nicht. Es wäre zu wenig, wollte Kunst nur gefallen. Ihre Aufgabe ist (vor allem) eine andere, als bloß für zufriedene Erbauung und Wohlgefallen zu sorgen. Bedient sie nur das Bedürfnis nach Behübschung für Aug und Ohr, ist sie nicht weit von Kitsch entfernt. Soweit meine persönliche Haltung, es gibt aber doch ein großes Aber: zwei Fotoausstellungen im Linzer Kunstmuseum Lentos lassen mich stocken. Beeindruckende Bilder von Nilbar Güres und Katharina Gruzei zweifellos, aber sind sie es Wert, gleich im Museum zu landen? Was ist, ein wenig spitzbübisch gefragt, mit meinen Schnappschüssen vom sonntäglichen Stammtisch oder vom Besuch meiner Enkel, von denen einige Fotos ebenfalls gut gelungen sind und zu fast jedem einzelnen ein durchaus philosophischer Anhang gesetzt werden könnte, wenn man wollte oder müsste?

Was ist Kunst überhaupt und wer definiert das? Erlauben Sie einen Blick in meinen privaten Wohnraum: Warum ist von 2 gerahmten Gemälden das Eine, mit Signatur versehene Bild Kunst, das andere, mit dem das Bild verpackt war und an dem der Künstler nur die Pinsel abgewischt hatte und ich es später spaßhalber rahmen ließ, keine Kunst? Meiner Familie und mir gefällt das nur zum Spaß gerahmte Verpackungsbild genauso wie das eigentliche Kunstwerk, der befreundete Maler selbst möchte es uns aber am allerliebsten wegnehmen.

Darf und kann nur der Künstler selbst bestimmen, welches seiner Werke als Kunst zu gelten haben oder haben wir Betrachter doch auch ein Wörtchen mitzureden?

Kunst komme von Können, meinte ich lange Zeit, diese Definition scheint aber zu kurz gegriffen. Auch das banale Argument für den Ankauf des einen oder anderen Gemäldes, es würde mir gefallen oder in die Wohnung passen, wage ich nicht mehr laut zu sagen. Aber: ist etwa gar nur das Kunst, was mir ausdrücklich nicht gefällt? Ist Gefallen überhaupt eine Kategorie?

Im bereits erwähnten Kunstmuseum Lentos stießen wir auf einen großen Haufen von Edelschrott mitten in einem Ausstellungsraum. „Bitte nicht berühren“, mahnte der strenge Aufseher und erklärte das „Werk“ damit umso mehr zur heiligen Kunst. Oder gleich im Raum daneben: die ziemlich unfertig wirkende Installation, die uns an eine Baustelle erinnerte: DAS soll also Kunst sein? Dafür wird so viel öffentliches Geld ausgegeben? Wer trifft die Entscheidung, was in diesem Sinn förderungs- und ausstellungswürdig ist und was nicht?

Zugegeben, aus einer Mischung von Wut und Spaß habe ich noch am Abend desselben Tages die Bilder einer Seite unseres Wohnzimmers umgedreht und dies zur Kunst erklärt. Es würde mir nicht allzu schwer fallen, diese Rückseiten mit durchaus intelligent klingendem Geschwafel zu beschreiben, Marke: ein Künstler lädt sie ein, seine Hintergründe zu bedenken. Augen weg von gleißendem Gold oder blutigem Rot, Augen hin auf die banale, unromantische Welt des dahinter Liegenden, undsoweiter. Künstler aller Art brauchen Freiheit zur Interpretation ihrer Welt, ob das Ergebnis gefällt oder nicht, ganz klar. Für manches sind die Rezipienten wahrscheinlich noch nicht reif genug. Aber nochmals: wer entscheidet, ob dies oder jenes nun Kitsch, Mist oder Kunst ist?

 

Keine Flüchtlingskrise, sondern Krise der Gastfreundschaftskultur

Weils ja wahr ist: die Anzeichen, dass eine egoistische „Mir san mir“-Haltung bei uns und um uns herum so richtig salonfähig wird, mehren sich. Daher poste ich mit Überzeugung eine Aussendung der KA OÖ., weil ich mit dieser Veränderung nicht einverstanden bin.

Ein besorgniserregendes Auseinanderdriften der Gesellschaft beobachtet die Katholische Aktion (KA) Oberösterreich. Anlass zur Besorgnis sieht die KA im Verhalten gegenüber Flüchtlingen, aber auch in der innenpolitischen Entwicklung in Österreich und Europa.

„Zuerst war die Ablehnung gegenüber Menschen spürbar, die von Flucht getrieben nach Österreich geströmt sind. Jetzt richtet sich die Aversion bereits gegen Organisationen, die sich als Retter von Flüchtenden engagieren“, sagt KA-Präsident Bert Brandstetter. Es habe den Anschein, als ob in den letzten Monaten die Ablehnung gegenüber Menschen in Not salonfähig geworden sei. Dass Innenminister Herbert Kickl im Gedenkjahr zur Erklärung der allgemeinen Menschenrechte vor 70 Jahren das Grundrecht auf Asyl für jene Menschen in Frage stellt, die nicht aus Anrainerstaaten der EU kommen, sei ein Tabubruch und ein Angriff auf das humane Gesellschaftssystem.

„Wir nehmen Bundeskanzler Sebastian Kurz beim Wort, wenn der davon spricht, dass ‚Hilfe vor Ort‘ in den Entwicklungsländern entscheidend ist, um den Migrationsdruck nach Europa zu lindern“. Dafür müsse aber deutlich mehr Geld für Entwicklungszusammenarbeit vorgesehen werden, um notleidende Menschen vor Ort nachhaltig unterstützen zu können. Dies nicht zu tun, zugleich aber auch zu versuchen, Menschen an der Flucht aus unerträglichen Lebenssituationen zu hindern oder gar deren Fluchthelfer zu kriminalisieren, grenze an Barbarei, die mit demokratischen Prinzipien nicht vereinbar sei, so KA-Präsident Bert Brandstetter.

 

Beunruhigende Kehrtwendungen

„Die tun es ja wirklich!“ Das mag die Reaktion mancher Bürger sein, die bei der letzten Nationalratswahl türkis oder blau gewählt haben und nun darüber staunen, dass schon in dem halben Jahr seither die Republik eine andere geworden ist. Prinzipiell ist Aufregung darüber nicht geboten. Die neuen Regenten tun, was nach Regierungswechseln eigentlich üblich und normal ist: sie setzen ihre Wahlprogramme um, sie verschaffen sich Zugriff auf einflussreiche Institutionen und Unternehmen, sie richten den Staat nach und nach so aus, wie es ihnen richtig erscheint. Frühere Regierungen haben ähnliche Intentionen gezeigt, vielleicht mit weniger Erfolg als Kurz. Auch wenn der mit dem Vorwurf leben muss, sich innerparteilich an die Macht geputscht zu haben, ist die von ihm als Kanzler angeführte Bundesregierung demokratisch gewählt, und doch: das Tempo und die Richtung der angeschlagenen Veränderungen sorgen für Erstaunen, für Verunsicherung, mancherorts auch für Entsetzen. Wenn Mitglieder dieser aktuellen Bundesregierung einen italienischen Minister umarmen, der in Städten ethische Säuberungen propagiert, wenn sich der Kanzler selbst in den Schatten des ungarischen Viktor Orban begibt und im Verein mit dem bayrischen Markus Söder den Sturz der letzten großen Europäerin Angela Merkel mitbetreibt, kann einem wahrlich unwohl werden. Demokraten alter Schule zeigen sich verärgert ob der Härte gegenüber Flüchtlingen, sie sorgen sich wegen der zur Schau getragenen herzlosen Haltung in sozialen Fragen, Beispiel 12-Stunden-Woche, und sie fragen sich in diesem Zusammenhang, ob eine derartige Politik vielleicht bereits der Tribut ist für die durchaus großzügigen Wahlkampfspenden aus dem Bereich der Wirtschaft. Wohin driftet Europa, welchen Weg beginnt Österreich hier mitzugehen? Waren die letzten krieglosen 70 Jahre mit aller teilweise auch ärgerlichen Gemütlichkeit im Grunde wirklich so schlecht, dass es jetzt einer völligen Kehrtwendung bedarf? Wohin führt es, wenn Staaten beginnen, wirklich mit aller Konsequenz auf eine egoistisch-populistische Politik des „Wir zuerst“ zu setzen? Ist das gemeinsame Friedensprojekt, das wohl für die allermeisten Menschen das vielleicht stärkste Argument war, damals für die EU zu stimmen, wirklich bereits wieder am Scheitern? Sind die Signale nicht stark genug, Politikern Einhalt zu gebieten, die nach britischem Vorbild mehr oder weniger unverblümt einen Austritt auch ihrer Länder andenken? Ganz offensichtlich bedarf es nur des Wahlsiegs einiger rechtspopulistischer Parteien und ein mühsam und langsam aufgebautes europäisches Gebilde gerät ins Wanken. Die Folgen wären kaum auszudenken, weder wirtschaftlich, noch vor allem, was den Erhalt des Friedens betrifft. Kehrtwendungen scheinen zum neuen, zugkräftigen Leitbild in der Politik geworden zu sein. Sie sind aber kein gutes Rezept für die innere Ruhe und die nötige Gelassenheit eines Volkes. Auch nicht für besonders großes Vertrauen denen gegenüber, die gerade an der Spitze stehen, selbst wenn sie sich auf demokratisch zustande gekommene Mehrheiten stützen können.

Hier irrt der Papst

Nur Mann und Frau seien imstande, eine Familie zu bilden, hat Papst Franziskus die katholische Lehre bekräftigt. Ich wage es, ihm zu widersprechen. Familie können nach meinem Verständnis durchaus auch homosexuelle oder lesbische Paare darstellen, die sich um die Kinder in ihrem Verband kümmern. Weil für die Kinder die Qualität der Beziehung zu ihren nächststehenden Erwachsenen wichtiger ist als deren Geschlecht. Wie sonst könnten Verbindungen auch von der Kirche als Teilfamilie bezeichnet werden, in denen Mutter oder Vater nicht mehr vorhanden sind?

Menschlich ist DAS nicht

Ich verstehe den Wunsch der Wirtschaft nach mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit. Trotzdem stockt mir der Applaus über die jetzt beschlossene Möglichkeit, bei Bedarf 12 Stunden vorschreiben zu können. Warum ich nicht applaudiere? Weil der Beschluss bedenklich gut in das bisherige Konzept dieser Bundesregierung passt: Politik zu Lasten von Menschen, die es nicht so gut getroffen haben im Leben. Politik GEGEN Ärmere, Politik GEGEN Menschen ohne Lobby, Politik FÜR Ausgrenzung und jetzt auch Politik FÜR mehr Ausbeutung. Anwendung finden wird die beschlossene Regelung vor allem dort, wo Menschen schon jetzt schlechter gestellt sind und dadurch noch mehr unter Druck kommen: in der Gastronomie etwa oder am Bau. Christlich ginge zweifellos anders.

Die wahren Heiligen

Nicht belasten, 3 Wochen lang! Mit diesem Auftrag zur Behandlung meines linken Fußes habe ich das Krankenhaus verlassen, viel früher, als ich es erwartet hätte. Bloß vier Tage war ich nach der notwendig gewordenen Plattfuß-Operation stationär, jetzt also in häuslicher Pflege mit 3-wöchigem Belastungsverbot. „Früher wären Sie 2-3 Wochen bei uns gelegen, seit der Spitalsreform ist das nicht mehr möglich“, sagte mir die Schwester vor dem Heimgehen. Klar, damals wurden die Spitäler für die Belagstage honoriert, jetzt werden statt dem die durchgeführten Behandlungen als Basis der Finanzierung herangezogen. Also: Operation plus wenige Tage danach, in meinem Fall vier Tage. Früher wurden vergleichbare Patienten mit Gehgips entlassen, sie waren einigermaßen mobil, ich trage Liegegips, humple mühsam mit Krücken durch die aber glücklicherweise barrierefreie Wohnung. Glücklich kann ich über ein weiteres nicht gering zu schätzendes Privileg sein: ich bin seit 44 Jahren verheiratet und meine liebe Frau umsorgt mich mit allem, was mir gut tut, aber nicht nur sie: viele Freunde haben ihre Hilfe angeboten, wann immer ich es brauchen sollte (oder sie selbst Gusto auf ein Gläschen Bier oder Wein mit mir haben…). Schluss mit meiner persönlichen Situation, die sich nach der Operation des zweiten Fußgewölbes in einem halben Jahr wohl wiederholen wird. „Nächste Woche kommt eine Patientin nach einem ähnlichen Eingriff zu uns“, verriet mir die Schwester noch, „die ist älter, lebt in einer mit Stiegen versehenen Wohnung und hat niemanden. Keine Kinder, wenig Anschluss, niemanden.“ Ein längerer Spitalsaufenthalt ist auszuschließen. Eine ambulante Pflege, die einmal täglich nach dir schaut, ist in so einem Fall extrem wenig, bleibt nur der befristete Aufenthalt in einem Pflegeheim, in dem es nach Auskunft der Caritas genügend Kurzzeit-Betten gibt. Der Fall bietet Anlass, auf die grundsätzliche Situation von immobil gewordenen Menschen zu blicken. Abgesehen von der unvorstellbaren Tristesse, eine Wohnung tage- wochenlang oder überhaupt nicht mehr verlassen zu können und die (ohnedies fragwürdig gewordene) tägliche Ankunft des Briefträgers als DEN Höhepunkt im Tagesverlauf zu erleben: ist DAS Genesung, ist DAS Leben, wenn jeder Schritt in den eigenen vier Wänden gefährlich ist, wenn der Weg zum WC schweißtreibend ausfällt, die tägliche Dusche zum Stundenprogramm wird, wenn es undenkbar ist, sich in der Küche auch nur eine Kleinigkeit selbst zubereiten und man es zu guter Letzt auch nicht mehr aushält, Stunden um Stunden in einem ohnedies bequemen Lehnstuhl zu verbringen? Patienten, die rechtzeitig gelernt haben, mit Elektronik einigermaßen umzugehen, finden Ablenkung durch diese Technik, aber was ist mit denen, denen schon ein Anruf am Handy, so sie wenigstens so eines besitzen, Herzrasen verursacht? Ja, und noch einmal seien sie höchst lobend erwähnt: all die Verwandten und Freunde, all die meist pfarrlich organisierten Besuchsdienste, die sich rührend um die Bettlägerigen kümmern; aber noch jemand sei vor den Vorhang geholt: all jene, die ihre Energie darauf konzentrieren, solche Menschen zu pflegen, die das selber nicht mehr schaffen. Ob bezahlt oder nicht, ob aus dem Ausland oder aus der Verwandtschaft: sie sind die wahren Heiligen unserer westlichen Gesellschaft, sie werden immer nötiger, je weniger von ihnen zur Verfügung stehen.