Die aufregende „Wurst“

Ein Mann gibt sich als Frau, die einen Mann spielt. Oder anders: eine Frau gibt einen Mann, der eine Frau spielt. Und sie oder er singt gar nicht so übel. Unbestreitbar ist der mediale Hype, der Conchita Wurst umgibt. Das Kunstwesen regt die Phantasie an, es lässt nur wenige kalt. Auch mich nicht. Was ist es, dass ein derartiges Zwitterwesen derart magnetisieren kann? Vordergründig vielleicht der Hauch des Geheimnisvollen, vielleicht auch ein wenig des Verruchten. Die natürliche Welt wird in dieser Figur auf den Kopf gestellt, Mann und Frau verschwimmen zu einer Person. Fast ein bisschen wie das Lied, das sie beim Songcontest gesungen hat: „Rise like a Phönix“, wie Phönix will sie aus der Asche steigen, als neues Wesen, das es so noch nicht gegeben hat. Kunstfigur hin oder her. Ich gehe mit offenen Augen durch das Leben und sehe viele Parallelen. Männer zieren ihren Körper mit Piercings, die in meiner Jugend nur als weibliche Ohrgehänge bekannt waren. Frauen lassen ihre Körper mit Tatoos versehen, die ich eher als früher männlichen Schmuck identifizieren würde. Frauen tragen schon lange Männerkleidung, Männer greifen mutiger als früher zu farbiger Mode. Gleichberechtigung ist angesagt, neuerdings auch in der Alltagssprache. Homosexuelle brauchen ihre Neigung nicht länger zu verstecken, Hände haltende und sich öffentlich küssende  gleichgeschlechtliche Paare sind keine Seltenheit. Der Mensch des 21. Jahrhunderts kümmert sich nicht länger um Traditionen, schon gar nicht um irgendwelche vielleicht auch kirchlich-moralischen Vorschriften. Er lebt sein Leben, wie er möchte. Nicht nur, er zeigt es auch und das manchmal durchaus provokant. Die Kunstfigur Conchita Wurst stellt diese Entwicklung bewusst und extrem pointiert dar. Die Empfehlung von Kritikern, ein Mensch, der nicht weiß, welchen Geschlechts er ist, gehöre zum Psychiater, geht ins Leere. Conchita und die Manager im Hintergrund scheinen genau zu wissen, was sie tun und sie hatten beim Songcontest in Kopenhagen großen Erfolg damit. Der wirtschaftliche Erfolg wird nicht auf sich warten lassen. Aber darum geht es (mir) nicht. Conchita spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung, die auch Organisationen wie Kirchen nicht egal sein dürfte. Hier die massive gesellschaftliche Veränderung, dort die starre Einteilung in katholisch und evangelisch, in Männer- und in Frauenseelsorge und vieles mehr. Mir scheint, Fusionen sind angesagt, will man den schon lange in Veränderung befindlichen Zeitgeist nur einigermaßen einbinden. Es nicht zu tun, heißt an ganz vielen Menschen vorbeizugehen, die mit althergebrachten Strukturen und Traditionen nichts, aber auch gar nichts anfangen können, die aber für zeitlose Botschaften, wie Kirchen sie zweifellos besitzen, durchaus empfänglich wären. Zeitgeist wird gerne als oberflächlich abgewertet. Das ist gefährlich. Zeitgeist ist das Gewand der inneren Haltung. Er lässt ahnen, was dahinter ist. Wie Conchita Wurst. Mann, Frau, was will Tom Neuwirth  wirklich sein? Meine Antwort: es ist Wurst. Es ist eine Person, die mit dem Phönix-Lied von der Auferstehung eines Menschen gar keine so uninteressante Botschaft verbreitet. In einem modernen und etwas aufregenden Gewand halt.

Echte Konzilsgespräche

Diese Lebendigkeit könnte man anderen Organisationen wünschen. Die St. Florianer Konzilsgespräche hatten Feuer, obwohl es im weltberühmten Marmorsaal, wo wir uns versammelt hatten, mehr als kühl war. Die Diskussionsfreude scheint dadurch aber umso lebendiger geworden zu sein. Viele Positionen im Hauptreferat des Salzburger Dogmatikprofessors Hans-Joachim Sander wurden mit roten und grünen Karten unmittelbar danach abgestimmt. So vor allem seine These, dass je mehr Macht die Glaubwürdigkeit einer Kirche verringert. Aber auch seine Überzeugung, dass konkrete Lebenshilfe wichtiger ist als Vorschriften und Gebote. Konkretisiert haben diese Positionen die Podiums-Diskutanten am Nachmittag. Vor allem moralische Vorgaben gingen an den Bedürfnissen der heutigen Menschen völlig vorbei. Kirche dürfe keine Antworten auf nicht gestellte Fragen geben, empfahlen etwa der Pilot und ehemalige Schispringer Armin Kogler oder Barbara Coudenhove-Calerghi. Hunderte Menschen unterstützten diese Anregung durch persönliche Postings via SMS und Twitter, die direkt in den Saal eingeblendet wurden und so live in die Diskussion eingeflossen sind.

Eine derartig interaktive Debatte feierte damit bei den St. Florianer Konzilsgesprächen Premiere. Diskutieren nicht nur auf dem Podium oder hinterher mit oft langen Statements aus dem Publikum, sondern gleichzeitig und elektrisierend lebendig und trotzdem nicht durcheinander. Diese Form könnte Zukunft haben, die Premiere scheint jedenfalls gelungen. Die Katholische Aktion wird sie bei weiteren Konzilsgesprächen im nächsten Jahr jedenfalls fortsetzen.

 

Bestes Einvernehmen

Oberösterreich ist anders. Offenbar. Wenn sich Gerda Schaffelhofer, die neue Präsidentin der KAÖ in ihrer allerersten Aussendung mit Helmut Schüller, dem derzeit wohl beliebtesten Amtsträger der katholischen Kirche anlegt, müsste wirklich Feuer am Dach sein, um eine solche Attacke zu rechtfertigen. Schaffelhofer wehrt sich in dem Brief gegen eine Vereinnahmung der Laien durch die Pfarrerinitiative, sie spricht ihr das Augenmaß ab und hält auch nichts vom Begriff „Kirchenbürger“, den Schüller statt der Bezeichnung „Laie“ künftig verwenden möchte. Alles gut und schön, die Sache hat nur einen Haken: zumindest in Oberösterreich hat sich in den Reihen der Katholischen Aktion bisher noch niemand gemeldet, der diese Probleme teilen würde. Ganz im Gegenteil ist hierzulande von einem geradezu geschwisterlichen Miteinander all jener Gruppen zu berichten, die für innerkirchliche Reformen eintreten. In diesem Lichte sorgt der offene Brief der Präsidentin in der Diözese Linz für besondere Verwunderung, vereinnahmt sie doch selbst als Präsidentin der KAÖ alle kirchlichen Laien für ihren Ausritt, auch die Laien in Oberösterreich, die ihr Anliegen eben nicht teilen.

Was bleibt, ist ein schales Gefühl der Verunsicherung. Kann es sein, dass die neue Präsidentin der KA eine neue Richtung geben möchte? Kann es sein, dass hinter ihrem Brief direkt oder indirekt bischöfliche Interessen gegenüber den ungehorsamen Pfarrern stecken?

Das Grundanliegen des offenen Briefes ist gut gemeint und wichtig: der Katholischen Aktion in Österreich wieder mehr Gehör verschaffen. Sie wurde in den letzten Jahren kaum noch wahrgenommen. Dafür ist sie aber ausschließlich selbst verantwortlich, weil sie sich zu heiklen Reformfragen zu keiner klaren Position durchringen konnte. Genau das mag auch der Grund sein, dass sich andere Gruppierungen dieser Themen angenommen haben, unter anderem auch die Pfarrerinitiative. Darüber jetzt beleidigt oder eifersüchtig zu reagieren ist mit Sicherheit der falsche Weg.

Vertane Chance

Es wäre zu schön gewesen. Der Neue Dom in Linz als zentraler Ort für den konziliaren Prozess, der auch in der Diözese Linz bereits seinen Anfang genommen hat. Allerdings verläuft das Nachdenken über das, was uns das damalige Konzil in der heutigen Zeit zu sagen hat, ein bisschen schaumgebremst, um es vorsichtig zu sagen. Der feierliche Gottesdienst im Oktober war schön, aber ohne Biss. Er machte die vielen Mitfeiernden nicht neugierig auf das, was in den 3 kommenden Jahren so alles passieren könnte im Lichte der Konzilsbesinnung. Mir persönlich scheint, die verschiedenen Arbeitsgruppen existieren zwar, ihre Gedanken bleiben aber viel zu sehr im stillen Kämmerlein versteckt. Das halte ich für falsch, weil ich meine, dass ein Nachdenkprozess darüber, wie die Kirche in Oberösterreich und darüber hinaus dasteht und was für eine Verbesserung getan werden kann, sehr wohl eine Sache ist, die alle angeht.

Das Projekt der Katholischen Aktion, im hinteren Teil des Linzer Domes eine Tribüne zu errichten, wäre eine Idee und ein Beitrag gewesen, solche „konziliare“ Gedanken publik zu machen. Dieser mächtige Aufbau, der optisch an die Situation vor 50 Jahren im Petersdom erinnert hätte, wäre als Marktplatz der Ideen gedacht gewesen, als Ort für Diskussionen und Besinnungen darüber, was uns das Konzil heute sagen könnte. Passanten im Dom wären buchstäblich darauf gestoßen worden, was sich denn in der Linzer Diözese in diesen 3 Jahren so plötzlich tut. Und wir hätten dafür Sorge getragen, dass diese Bewegung nicht nur auf den Dom beschränkt bleibt. Mit Hilfe der modernen Elektronik wäre es möglich gewesen, über diesen Prozess all jene zu erreichen, die sich dafür interessieren.

Aber leider. Obwohl sich fast alle maßgeblichen Persönlichkeiten der Diözese klar für diese „Konzilsaula“ ausgesprochen haben, wurde das Projekt schließlich von höchster Stelle gestoppt. Das bischöfliche Argument, die Sakralität des liturgischen Raumes wäre durch die Konzils-Aula nicht gewährleistet, teilen wir nicht. Unser Verständnis für die Nutzung eines Kirchenraumes geht über die liturgischen Feiern deutlich hinaus und erlaubt selbstverständlich auch weniger festliche Versammlungen der Gläubigen, vor allem wenn es um die Zukunft der kirchlichen Gemeinschaft geht.

Leider. Der Diözese wären durch die Konzilsaula keine Kosten erstanden. Bereits im Vorfeld hatten namhafte Sponsoren mehr als bereitwillig ihre Unterstützung zugesichert, auch im Lichte der zu erwartenden inhaltlichen Bewegung, die von dieser Aula im Dom ausgegangen wäre.

Zugegeben, wir sind enttäuscht über diese vertane Chance. Wir von der KA hatten in das Projekt bereits viel Zeit und Energie investiert. Enttäuscht sind wir aber auch darüber, dass, wie es ein Leserbriefschreiber in den Oberösterreichischen Nachrichten formuliert hat, der Bischof den Dom als „seine“ Kirche betrachtet, obwohl man meinen sollte, diese Kathedrale stünde im geistigen Eigentum der Gläubigen der Diözese.

Aber leider, die von Architekt Josef Ullmann geplante Konzilsaula  bleibt unverwirklicht. Die KA lässt sich aber nicht entmutigen. Wir arbeiten bereits an einem konziliaren „Plan B“ und und wir werden, sobald er spruchreif ist, rechtzeitig darüber informieren.