Wie ein Putsch

Natürlich war es ein ganz normaler Vorgang: voll im Einklang mit innerparteilicher Demokratie und auch getragen von gegenseitiger Wertschätzung. Wie Obmannwechsel halt statt zu finden haben. Nur Parteifeinde fänden ein Haar in der Suppe. Das erklären mir führende Funktionäre der ÖVP schon seit Tagen. Und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los und es verstärkt sich sogar noch, dass wir am Wochenende Zeugen eines ganz normalen Putsches in der ÖVP gewesen sind.

Kein Bedarf an Neuwahlen

Was haben wir Österreicher am 29. September 2013 eigentlich gewählt? In der aktuellen politischen Debatte entsteht für mich der Eindruck, als wären damals Persönlichkeiten zur Wahl gestanden. Konkret also Faymann, Spindelegger, Strache usw. Wahr ist zwar, dass diese Leute Spitzenkandidaten ihrer Partei waren, aber zur Wahl standen nicht sie, sondern ihre Parteien. Statt Faymann gibt es in der SPÖ inzwischen Kern und nach Spindelegger hat nun auch Mitterlehner den Hut genommen. Aber haben sich die Parteien aufgelöst? Mitnichten. Ist es daher zu viel verlangt, von den Damen und Herren Volksvertretern zu verlangen, ihre Arbeit bis zum geplanten Ende der Legislaturperiode fortzusetzen? Nur weil die Prognosen für den einen oder anderen Bewerber bei raschen Neuwahlen im Moment günstig erscheinen, sollte doch nicht das ganze Volk in Geiselhaft genommen und zur Wahl gezwungen werden.

Alte Mühlviertler Weisheit:

„selten kommt was Besseres nach…!“ Ginge es nicht um Politik, sprich um unsere Zukunft, man könnte Spaß haben an dem Schauspiel, das uns da fußfrei geboten wird. Der Eine geht, ein Anderer kommt. Angesichts der Bekanntheit der möglichen künftigen Player kann einen aber das Grauen befallen. Man denke an die soziale Wärme,  die diese Herren einer eigentlich christlich-sozialen Partei bis jetzt an den Tag gelegt haben.

Gedanken beim Einkaufen

Butter aus Irland, Wein aus Australien, Steak aus Argentinien. Ein Gang durch einen x-beliebigen Supermarkt präsentiert uns lukullisch die halbe, ja fast die ganze Welt. Ich erinnere mich an Gespräche mit älteren Angehörigen, die immer wieder erzählen, dies oder jenes habe es früher überhaupt nicht zu kaufen gegeben. Man war zufrieden, die allerwichtigsten Grundnahrungsmittel bekommen zu haben. Die Welt ist inzwischen kleiner geworden, fast alle waren irgendwann einmal im Ausland, man lernte neue Geschmäcker kennen und schätzen und die Händler holten die teilweise exotischen Waren über diverse Handelsverträge ins Land. Dagegen ist wenig einzuwenden. Merkwürdig ist nur die Preisgestaltung. Butter aus Irland kostete in einem Supermarkt kürzlich weniger als Butter aus Österreich. Genauso der Wein aus Italien. Wie denn das, fragt mich der Hausverstand. Ist der Transport über hunderte Kilometer etwa gratis? Oder, wenn das nicht der Fall ist: was bekommen dann die irischen Bauern oder die italienischen Winzer eigentlich noch für ihr Produkt? Sicher: in Österreich sind die Produktionsbedingungen schwieriger als anderswo in der Welt. Kleinteiligkeit, Berglandschaften verhindern den Einsatz riesiger Maschinen, die anderswo die Produktion drastisch verbilligen, aber trotzdem: auch diese Maschinen haben ihren Preis. Es ist und bleibt merkwürdig, wenn Waren aus ferner Herren Länder billiger sind als vergleichbare Produkte von unseren heimischen Bauern. Viel wird und wurde über TTIP und CETA diskutiert. Es sind Freihandelsverträge, von denen sich vor allem unsere heimische Industrie noch bessere Exportchancen erhofft. Dass der amerikanische Präsident Donald Trump TTIP ablehnt, macht ihn zumindest in diesem Punkt zu einem Verbündeten der bunten Gegnerschaft in Europa, was angesichts seiner sonstigen In-Akzeptanz durchaus kurios ist. Aber CETA zielt auf eine Handelspartnerschaft mit Kanada und könnte schon bald Realität werden. Den Bauern graut es, wenn sie daran denken. Es ist weniger das gern polemisch und vielzitierte Chlorhuhn, das sie fürchten, sondern eine gewaltige Konkurrenz durch Lebensmittel, die jenseits des Atlantik günstigst erzeugt werden und mithilfe der neuen Verträge die heimischen Preise unterlaufen. Beispiel irische Butter: welche Einkäuferin, die auf ihre Ausgaben achtet, greift im Supermarkt nicht lieber zu diesem Produkt, wenn sie sich damit ein paar Cent sparen kann. Dass die Qualität stimmt, darauf kann sie sich verlassen, weil es ihr die heimische Lebensmittelkontrolle und auch der Supermarkt garantieren. Wahrscheinlich ist die Idee naiv: aber eine Preisgestaltung, die darauf Bezug nimmt, in welchem Abstand von Österreich die Waren erzeugt worden sind, könnte unsere Landwirtschaft entlasten. Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Strafzölle (die Trump favorisiert) oder, was mir sinnvoller erscheint, teurere Transportkosten (Erhöhung der Mineralölsteuer). Jeder soll Butter, Wein und Steak kaufen können, wie und von wo es ihm beliebt. Aber Butter aus Irland, Wein aus Italien und Steak aus Australien MÜSSEN teurer sein als Vergleichsprodukte aus Österreich. Mit und ohne TTIP oder CETA. Sind sie das nicht, bedeutet das über kurz oder lang das Ende unserer Landwirtschaft, aber auch das Ende dessen, was wir den ausländischen Touristen als unser schönes und vielgestaltiges Österreich anbieten.

Überraschende Erinnerung

Nur noch (wir) Ältere können mit dem Namens Hans Innerlohinger etwas anfangen. Er war in den 1960-er und 70-er Jahren DER legendäre Voest-Kaplan. Hubert Gaisbauer hat ihm in den heutigen Morgengedanken auf Ö 1 ein akustisches Denkmal gesetzt. Der Hans war ein Unikum, manche würden sagen, ein „Urviech“. Mit allen per Du, sprich auf Augenhöhe, ohne Ansatz von jeglichem Standesdünkel kämpfte er um Gerechtigkeit für die einfachen Arbeiter und Pendler. Goschert war er, manchmal auch zu kantig, sogar für die Gewerkschaft. Er verkörperte schon damals das, was heutige Theologen als großes Ziel formulieren: bei den Menschen sein, ihre Sprache sprechen, ihre Orte aufsuchen. Der Hans brauchte diese Theorien nicht. Er lebte sie und war dadurch glaubwürdig. Auch für seine Kirche war er unbequem, aber gelitten. Aussagen wie „der Hunger muss auf dieser Welt gestillt werden, nicht erst im Himmel“, erschienen manchen hochdekorierten Mitbrüdern damals mitunter doch etwas zu wenig geistlich… Aber weil es der Hans war, ließ man es (wohlweislich) gelten. 2000 ist Innerlohinger 69-jährig gestorben. Hubert Gaisbauer hat ihn heute früh im Radio dankenswerter Weise ein wenig auferstehen lassen. Passenderweise wenige Tage vor dem Tag der Arbeit.

Beinharte Fragen sind Zeichen journalistischer Freiheit

Dunkel erinnere ich mich daran, in meinen ORF-Jahrzehnten selbst so einer gewesen zu sein, der mit dem Mikro gern auch durchaus frech nachgefragt hat und das solange, bis er eine brauchbare und verständliche Antwort bekommen hat. Nicht immer war ich mir sicher, ob der Bogen vielleicht nicht schon überspannt war. Aber die Alternative: nicht zu fragen oder meinem Gegenüber nur Fragen zu stellen, die diese Bezeichnung nicht verdienen, das wäre mir niemals in den Sinn gekommen, alleine schon aus Respekt vor der Person und der Position des Befragten. Ich verstehe es gut, dass vor allem Politiker jetzt immer öfter einmahnen, in den nächtlichen Infosendungen weniger hart befragt zu werden. Ich verstehe es aber überhaupt nicht, dass sogar hohe Funktionäre des ORF angebliche „Verhörmethoden“ abschaffen wollen oder sollen. Derartiges zu beabsichtigen ist ein offener Anschlag auf das hohe Gut der hart umkämpften journalistischen Freiheit in unserer Demokratie. Klar wird manchmal der Bogen überspannt. Das ist aber das kleinere Übel angesichts der jetzt offenbar erwünschten Möglichkeit, künftig nur noch parteigenehme Fragen stellen zu dürfen.

Schwere Zeiten für den Osterhasen

Möglicherweise täuscht mich der Eindruck, aber mir scheint, als hätte die Wirtschaft, konkret die Werbewirtschaft ihre Freude an Ostern verloren. Weitgehend zumindest, denn sowohl auf den vielen Prospekten oder Zeitungsinseraten als auch in der elektronischen Werbung kommt der sympathische Osterbote sehr viel seltener vor als mir das früher in Erinnerung war. Was habe ich mich gewundert, wenn die Schokohasen ehemals schon im Februar  in Reih und Glied zum Verkauf aufgestellt waren: heuer habe ich sie zwar auch schon vor der Zeit gesehen, aber doch auffallend dezenter und seltener, wie mir vorkommt. Ich will wirklich keinen Grabgesang auf Schokohasen anstimmen, aber: immerhin waren die süßen Langohren noch vor 2 Jahren die mit Abstand beliebtesten Geschenke (58 %), noch vor den gefärbten Eiern (42 %) und den Spielsachen (27 %). Stimmt mein Eindruck des deutlichen Rückgangs, lässt das sehr viel ernstere Rückschlüsse zu: Ostern befindet sich im freien Fall. Hat es Weihnachten (zum Leidwesen aller Kritiker des überhand genommenen Brauchtums) geschafft, auch außerhalb christlicher Familien gefeiert zu werden, ist das dem Osterfest nicht oder nur kaum gelungen. So sehr Theologen darauf hinzuweisen versucht haben, dass die Geschichte vom Kind in der Krippe eigentlich als kritische Anregung zu verstehen wäre, haben Kitsch und Geschäft diesen Hinweis lautstark übertönt und Krippe, Ochs und Esel zur eigenen werbeträchtigen Marke gemacht. Das Christentum selbst als eigentlicher Träger dieser Botschaft ist ins Hintertreffen gelangt. Anders bei Ostern: eine Kreuzigung lässt sich schwer sympathisch machen und noch schwerer verkaufen. Der frühlingshafte Ostertermin ließ den Osterhasen aufkommen,aber auch dem scheinen jetzt schön langsam die Batterien auszugehen. Ostern, das wichtigste Fest der Christen, steht ein wenig im Schatten. Ob es wirklich noch mehrheitlich mit der Auferstehung Christi verbunden wird, wage ich zu bezweifeln. Doch eher mit verlängertem Wochenende, mit einem Kurzurlaub im Süden, einem Frühlingsfest mit Freunden, vielleicht auch noch mit einer Wellness-Fastenkur in den Wochen davor, aber immer weniger mit dem, was den Kern Glaubens ausmacht. Und was macht ihn aus? Alle Christen wären eingeladen, das zumindest jeden Sonntag zu bekennen: dass vor 2000 Jahren ein gewisser Jesus von Nazareth, der sich durchaus selbstbewusst als Sohn Gottes bezeichnet hat, wegen seiner für damalige Zeiten absolut provokanten Predigten und Taten ans Kreuz genagelt wurde und dessen Leichnam drei Tage danach nicht mehr im Felsengrab gelegen ist. Er sei vom Tode auferstanden, sagten seine Anhänger, die nach und nach über wundersame Begegnungen mit Jesus berichteten. Was das für heutige Anhänger heißen könnte?  Wir brauchen über Tote nicht allzu sehr zu trauern, wir brauchen unseren eigenen Tod auch nicht wirklich zu fürchten, weil uns zugesagt ist, jetzt und danach bei einem guten Gott geborgen zu sein. Und zwar bedingungslos, ob wir jetzt an ihn geglaubt haben oder nicht, ob unser Leichnam verbrannt wurde oder traditionell im Sarg bestattet wurde. Eigentlich eine Botschaft, die hilfreich sein müsste und könnte, ein ausgeglichenes und seelisch gesundes Leben zu führen.