Vernünftige Selbstliebe

Wie oft ist mir als Kind und als Jugendlicher gesagt und gepredigt worden, alle anderen wären wichtiger als ich und es ein Gebot der Nächstenliebe sei, sich um sie zu kümmern, wenn sie was brauchen. Heute weiß ich und alle Psychologen geben mir dabei Recht: das ist eine gefährliche Verkürzung. Bevor ich alle anderen mögen oder gar jemand anderen lieben kann, ist es erforderlich, sich selbst zu mögen. Eigenliebe vor Nächstenliebe also. Unbiblisch ist diese Umkehrung übrigens überhaupt nicht. Denn schon im 3. Buch des Moses, dem sogenannten Levithikus heißt es schwarz auf weiß: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Also auch dort: zunächst muss ich mit mir selbst zufrieden sein, bevor ich dieselbe Zuwendung mit anderen teilen kann. Eine deutliche, wenn Sie wollen, biblisch-psychologische Warnung damit für Menschen mit Helfersyndromen. Menschen also, die sich oft selbst nicht riechen können, sich aber völlig ungebremst auf Notleidende stürzen und sie mit ihrer überströmenden und falsch verstandenen Liebe nicht selten überfordern. Nichts gegen Helfer aller Art, unsere Gesellschaft braucht sie dringend. Aber Vorsicht vor Helfern, die mit ihrer Hilfe vor sich selbst zu flüchten versuchen. Geht auf Dauer natürlich sowieso nicht, weil ihnen der lange Atem fehlt, den man gerade auch im Sozialdienst braucht. Zu gewinnen ist dieses Durchhaltevermögen unter anderem dadurch, dass man auch zu sich selbst gut ist und sich mag.

 

Heute in den Sonntagsgedanken von ORF OÖ.

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