Inkonsequentes Kopftuchverbot

Über (ungewohnt) viel Applaus können sich derzeit manche Granden in der ÖVP freuen. Der Vorstoß ihrer Zukunftshoffnung Sebastian Kurz, im öffentlichen Dienst ein Kopftuch-Verbot einzuführen, stößt auf Zustimmung. Endlich traut sich einer, heißt es. Endlich werde Schluss mit den verdächtig muslimischen Einflüssen dort, wo der Staat das Sagen hat. Die sollen ihre Schleier aufsetzen, wo sie wollen, aber bitte nicht in der Öffentlichkeit und schon gar nicht in unseren Staatskanzleien oder gar in unseren Schulen. Lehrerinnen mit Kopftuch, bitte nein.

In einer Gesellschaft, in der Staat und Kirche offiziell getrennt sind, hat der Vorstoß durchaus seine Logik. Hier Staat, dort Kirche. Andere Länder wie Frankreich exerzieren diese Trennung schon länger und strikter als wir in Österreich. Aber wir holen auf, FPÖ und ÖVP sind die Motoren. Eine unangenehme Kleinigkeit müsste in diesem Zusammenhang aber noch behandelt werden. Es sind die christlichen Kreuze in den Schulen. In (fast) jedem Klassenzimmer hängt ein derartiges christliches Symbol und erinnert abgesehen vom religiösen Gehalt auch daran, dass es mit der Trennung von Staat und Kirche doch noch nicht so weit her ist. Was sind dann aber die Motive der christlichen Politiker, dass muslimische Frauen in öffentlichen Räumen ihre religiösen Symbole ablegen sollten, wenn in denselben Räumen christliche Symbole gezeigt werden dürfen?

Um nicht falsch verstanden zu werden: auch ich habe meine Probleme mit verschleierten Frauen. Es ist aber ein Unterschied, ob die bloß ein Kopftuch tragen oder ein Visier ähnliches Tuch, das in einem schmalen Schlitz bestenfalls die Augen der Trägerin erkennen lässt. Wie schon einmal dargelegt, halte ich von letzteren Verkleidungen absolut nichts in unserer Gesellschaft. Weil es in unserer Kultur Sitte ist, sich anzuschauen und sich zu erkennen. Es ist mehr als unhöflich, sich dem durch Verschleierung zu entziehen. Sich nicht erkennen zu lassen verhindert bei uns (bei mir) auch die Anerkennung, so religiös sie auch verstanden werden mag. Aber ein Kopftuch? Was wäre der Unterscheid zu den Schleiern unserer vielen Nonnen? Soll denen künftig auch das Betreten von Schulen oder Gemeinden verwehrt sein? Oder am Land, wo ältere Frauen aus Gewohnheit das Haus nur mit Kopftuch verlassen? Sind die mitgemeint beim Vorstoß der ÖVP? Wenn ja, wäre das aber auch politisch gefährlich, da diese Frauen in ihrem Leben bisher kaum anders als schwarz gewählt haben. Will man gar auch sie vergrämen?

Das Kopftuchverbot der ÖVP erhält viel Applaus, zweifellos. Es scheint mehrheitsfähig zu sein. Leider, wie ich meine. Nur: wirklich konsequent ist es nicht. Denn einerseits auf den Kreuzen in den Schulen zu beharren, andererseits Menschen anderen Glaubens Vorschriften zu machen, wie sie sich in denselben Räumen zu kleiden haben, passt nicht wirklich zusammen.

Ich wünsche mir eine liberalere Gesellschaft, auch eine tolerantere Politik. Natürlich mit der Möglichkeit, christliche Symbole wie Kreuze in Schulklassen anzubringen, aber auch mit der Freiheit für alle Menschen, sich so zu kleiden, wie sie möchten, solange das die Kommunikation untereinander nicht stört.

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