Land der Menschen

„Sie kommen. Ob wir sie gern aufnehmen oder am liebsten verscheuchen möchten. Und sie werden auch kommen, wenn wir Zäune errichten und ihre Routen blockieren. “ Dieser Satz ist mir bei einer Tagung über Flüchtlingsfragen neulich in Klagenfurt hängen geblieben. Und noch eine Erinnerung: Integration gelingt um vieles besser, wenn sie in einer Atmosphäre des Wohlwollens versucht wird. Sie gelingt hingegen schlechter, wenn die Zuwanderer von den „Eingeborenen“ argwöhnisch betrachtet werden. Viele sind schon da, die meisten seit einem Jahr. Nur wenige von ihnen wissen, ob sie bleiben dürfen. Das Ergebnis ihrer Interviews steht noch aus. Es ist ein langwieriger Prozess, der viel zu lang dauert, bis es fest steht, ob sie auch offiziell angenommen werden, ob sie mit einer Arbeit beginnen dürfen, die auch Geld bringt. Nichts anderes wollen diese Menschen aber, die besser als Gäste denn als Flüchtlinge bezeichnet werden sollten, wie ein Referent bei derselben Tagung gesagt hat. Zu einem Gast ist man höflich, man freut sich, dass er da ist. Flüchtling klingt negativ, genauso wie Asylant. Also Gäste aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan, aus Marokko oder sonst woher. Keiner von ihnen hat seine Heimat aus Jux und Tollerer verlassen. Die schrecklichen Bilder aus Aleppo liefern uns täglich den Beweis, warum Menschen dieser ehemals so anziehenden Stadt den Rücken zugewandt haben. Aber es gibt noch viele andere durchaus berechtigte Gründe als den Krieg, sein Glück in Europa zu versuchen. „Schuld“ ist die Globalisierung, die auch das Internet in den hintersten Winkel der Erde gebracht hat. Erstmals seit Beginn der Menschheit wissen auch weniger gebildete Menschen dank ihrem Handy, wie es anderswo zugeht auf der Welt und dass es sich in Europa oder Amerika besser leben lässt als in Gegenden, wo Krieg, Dürre und Armut herrschen. Wirtschaftsflüchtlinge werden gemeinhin als Flüchtlinge zweiter Klasse abgekanzelt. So, als ob nur die Flucht vor Krieg ein Argument und eine Berechtigung wären, seinen Fuß nach Europa zu setzen. Die Menschen in politisch oder klimatisch benachteiligten Ländern lassen sich von solchen Unterscheidungen nicht länger beeindrucken. Sie haben erkannt, dass ihre Zukunft nicht mehr dort ist, wo ihre Familien über Generationen gelebt haben. Jetzt kommen sie oder sie sind schon da. Und sie lassen sich auch nicht irgendwohin verfrachten, wo sie nicht leben möchten. Weil sie wissen, dass die Situation in der Slowakei, in Ungarn oder in Polen eben weniger gut ist als in Deutschland oder in Österreich. Eigentlich spricht diese Differenzierung FÜR und nicht GEGEN die Intelligenz der neuen Gäste.

Egal, wie wir uns ihnen gegenüber stellen: sie lassen sich nicht aufhalten. Nur machen wir ihnen die Integration und uns das Zusammenleben leichter, wenn wir uns ihnen gegenüber offen, freundlich und hilfsbereit verhalten. Dass unser junger Außenminister Merkels christlichen Kurs schilt, zugleich aber die Haltung des ungarischen Viktor Organ lobt, richtet sich in diesem Lichte eigentlich selbst. Es wird auch die Gäste wenig beeindrucken. Wirksamer wird es sein, wenn wir uns als Land der Menschen erweisen.

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