Unhöfliche Vermummungen

Das Tragen der Burka im Schwimmbad, der sogenannte Burkini war eines der heißen Themen dieses Sommers. Beim Durchblättern der Zeitungen nach meinem Urlaub lese ich, dass den Trägerinnen dieser Badebekleidung kaum Sympathie entgegengebracht wird. Lieber nackt als komplett verhüllt, das ist der Tenor vieler Meinungen auf den Punkt gebracht. In beiden Fällen wird Menschen, vornehmlich natürlich Frauen, vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben. Ich finde beides unzumutbar für eine liberale Gesellschaft, die sich gern auch mit dem Kampf umFrauenrechte schmückt. Wem bitte schadet ein unbequemer Burkini im Schwimmbad oder auf dem Strand, außer der Trägerin selbst? Mag sie doch das tun, was alle anderen Menschen auch für sich in Anspruch nehmen: nämlich anzuziehen und auszusehen, was und wie sie möchte. Welch verrückten Moden laufen denn viele Menschen hinterher, die sich über eine spezielle, weil verhüllende Kleidung  aufzuregen pflegen? Denken wir an die grauenhaftesten Tätowierungen, ohne die ein normaler Körper heutzutage kaum mehr herzeigbar zu sein scheint oder an Piercings an allen möglichen Körperstellen. Denken wir an die neueste Haarmode, vorgegeben offenbar von Fußballstars, die deren hochgeschorene Träger und auch Trägerinnen in den allermeisten Fällen unglaublich lächerlich erscheinen lassen. Und denken wir auch an manche aus den Fugen geratenen Körperformen, die auf Stränden ungeniert zur Schau gestellt werden, obwohl sie nicht mehr wirklich ästhetisch anzusehen sind. Niemand regt sich über überbordende Bierbäuche auf und auch sonst ist alle Aufregung über modische Geschmacksfragen die Emotion nicht wert, weil Moden kommen und gehen, weil Haare wachsen und ausfallen, vor allem aber: weil die äußere Erscheinung Sache jedes Einzelne ist und von den anderen toleriert zu werden hat. Wie eben auch der Burkini für muslimische Frauen, wenn sie sich dazu entscheiden (oder auch von ihren Männern dazu gedrängt werden). Anders sehe ich die Sache bei den vollständigen Verschleierungen, bei Niqab und Burka. Es ist guter Brauch in den meisten Ländern der Erde, bei Gesprächen dem Gegenüber das Gesicht zu zeigen. Jeder soll wissen, wer sein Gegenüber ist, mit dem er es zu tun hat. Das Gesicht zu verhüllen, ob aus vermeintlich religiösem Grund oder weil es in manchen arabischen Gegenden so Sitte ist oder auch, weil das Ehemänner so haben wollen, widerspricht nicht nur der hiesigen Kultur, sondern ist auch unhöflich. Nicht umsonst lehren wir unsere Kinder, ihrem Gegenüber beim Grüßen ins Gesicht zu sehen. Das ist ein Zeichen der Ehrerbietung und der Wertschätzung: hier bin ich und ich stelle mich auf dich ein. (Dass professionelle Händeschüttler oft schon dem nächsten ins Gesicht schauen, während sie die eine Hand drücken, ist eine andere Geschichte und eher als Berufskrankheit zu werten). Aber sein Gesicht von Haus aus zu verhüllen (auch stark reflektierende Sonnenbrillen zählen für mich dazu, und seien sie noch so modisch), ist für mich Zeichen höchster Unhöflichkeit, die eine normale Kommunikation unmöglich macht. Auch ich empfinde Unbehagen, solchen Menschen zu begegnen und ich habe Verständnis für Menschen, die ein Verbot solcher Vermummungen im öffentlichen Raum verlangen. Freilich ist ein derartiges Verbot heikel, weil inzwischen in manchen Gegenden Österreichs wirtschaftsfeindlich. Salzburger Gebirgsstädte machen mit verhüllten arabischen Gästen seit Jahren beste Geschäfte. Trotzdem erschiene mir ein klares Wort für geboten. Nicht so sehr aus kulturellen Gründen, sondern weil es bei uns der Anstand verlangt,  seinem Gegenüber ins Gesicht sehen zu können.

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