Der Papst und die Ehe

Gespannt ist darauf gewartet worden, wie Papst Franziskus die Diskussionen und Ergebnisse bei der Familiensynode interpretieren wird und nicht wenige haben auf einen Befreiungsschlag gehofft. Nicht, dass der Papst Ehescheidungen prinzipiell ermöglichen würde, so als hätte das Treueversprechen „bis dass der Tod euch scheidet“ plötzlich keinen Wert mehr, aber „etwas mehr als fromme Wünsche und heilige Formulierungen hätten es schon sein können“, so ein katholischer Insider. In neun Kapiteln und 325 Unterteilungen lässt Papst Franziskus seine Gedanken über das Eheleben schweifen, das er selber als geweihter Priester logischerweise nur von außen kennt. So liest sich der zweifellos gescheite Text auch durchaus würdig, wie etwa schon der 1. Punkt: „Die Freude der Liebe, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche. So haben die Synodenväter darauf hingewiesen, dass trotz der vielen Anzeichen einer Krise der Ehe » vor allem unter den Jugendlichen der Wunsch nach einer Familie lebendig [bleibt]. Dies bestärkt die Kirche«. Klar, hier schreibt ein Papst und nicht irgendein Journalist oder Kommentator. Als Papst muss er den Blick auf die ganze Welt behalten. Anderswo mag noch geheiratet werden, auf der nördlichen Erdkugel tun sich das immer weniger Paare an und zwar weder kirchlich noch standesamtlich. Vor allem im Westen ist es mit dem Wunsch junger Leute nach ehelicher Geborgenheit nicht mehr sehr weit her. Die Gründe dafür sind vielfältig, einer mag wohl in der Sorge begründet sein, dass Ehen, und seien sie noch so festlich-kirchlich geschlossen, doch zu einem hohen Prozentsatz früher oder später vor dem Scheidungsrichter enden. Dann lieber gleich gar nicht. Möglicherweise. Der Papst verschließt in seinem Schreiben aber seine Augen zumindest nicht vor dem Scheitern von Beziehungen. Das, was frühere Päpste geradezu ignoriert haben, spricht er offen an: „Man muss zugeben, dass es Fälle gibt, in denen die Trennung unvermeidlich ist. Manchmal kann sie sogar moralisch notwendig werden, wenn es darum geht, den schwächeren Ehepartner oder die kleinen Kinder vor schlimmeren Verletzungen zu bewahren, die von Überheblichkeit und Gewalt, von Demütigung und Ausbeutung, von Nichtachtung und Gleichgültigkeit verursacht werden«. Papst Franziskus schlägt aber durchaus auch andere Töne an, was den Umgang mit Katholiken in zweiter Ehe betrifft: „Was die Geschiedenen in neuer Verbindung betrifft, ist es wichtig, sie spüren zu lassen, dass sie Teil der Kirche sind, dass sie » keineswegs exkommuniziert « sind und nicht so behandelt werden, weil sie immer Teil der kirchlichen Communio sind. Diese Situationen verlangen eine aufmerksame Unterscheidung und von großem Respekt gekennzeichnete Begleitung, die jede Ausdrucksweise und Haltung vermeidet, die sie als diskriminierend empfinden könnten. Stattdessen sollte ihre Teilnahme am Leben der Gemeinschaft gefördert werden.“ Also schon was Neues quasi in der Aufforderung, nicht mit dem Finger auf Paare zu zeigen, die mit einem neuen Partner in ein neues Glück starten. Es ist die Einladung an diese Paare, sich nicht ausgeschlossen zu fühlen und sich einzubringen. Durchaus mutig für einen Papst, könnte man meinen, der im Vatikan von vielen Hardlinern umgeben ist, die solch menschliche Töne gar nicht gerne hören.

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