Halbmond über Österreich

So stellt man sich Marokko vor: ein wunderbar vielfältiges Land, mit unglaublich duftenden Souks in den Städten, Hotels wie 1000 und eine Nacht. Natürlich auch Muezzins zu den täglichen fünf Gebetszeiten, Marokko ist ja mehrheitlich muslimisch. Westliche Touristen erleben eine Woche lang exotische Eindrücke vom Feinsten unmittelbar vor der europäischen Haustür. Geleitet werden wir von Mustapha. Fast überschlägt er sich vor Begeisterung über sein Land, seinen König, seine Landwirtschaft, den Schnee am Atlas und die Lebensgewohnheiten der Marokkaner. Nur am Freitag verlässt Mustapha seine Gruppe für eine Stunde. Wir sind in Marrakech, am Platz der Gaukler. Mustapha geht beten. Er sagt das nicht verstohlen, sondern ganz offen durch das Mikrophon im Bus. Dabei ist er alles andere als ein Frömmler. Sogar ein bisschen lustig macht er sich immer wieder über sich und seine Religion, freilich ohne sie oder gar den Propheten Mohammed in den Schmutz zu ziehen. Aber ein bisschen Ironie? „Warum nicht, das gehört dazu, bei euch doch auch?“, weiß Mustapha.

Vor solchen Menschen wollen wir uns ängstigen? Sie sollen dem christlichen Europa ihren Glauben überstülpen und die Kreuze gegen den Halbmond tauschen? Studien (wie der Religionsmonitor von Bertelsmann 2015) belegen, dass Muslime sich in aller Regel integrieren wollen. Natürlich gibt es Fanatiker unter ihnen, auch unter denen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind und noch kommen möchten. Aber sie sind eine Minderheit. Fanatiker sind immer und überall gefährlich, auch außerhalb der Religionen. Fanatiker verhindern den normalen, gesitteten Austausch von Meinungen und rauben dem Gegenüber die Freiheit.

Die vielen Muslime, die ich bisher kennen gelernt habe, sind sanft, gescheit, belesen, lustig, tolerant und weltoffen. Keiner von ihnen hat jemals versucht, mich zu seinem Glauben zu bekehren, vielmehr erlebte ich eine Wertschätzung meines Glaubens. Meine Muslime sind Menschen wie du und ich und sie interessieren sich für die Welt und um die Menschen um sie herum. Sie sind dabei nicht mehr, aber auch nicht weniger religiös als wir. Es gefällt mir jedoch, wenn sie ihrem Glauben treu bleiben und sich nicht scheuen zu beten. Sie tun damit das, was auch bei uns früher im Alltagsleben üblich war und inzwischen weitgehend verschwunden ist. Nicht nur das: in Linz muss sich die Domkirche sogar dafür vor Gericht verteidigen, dass ihre Glocken schlagen. Gebet und die dazu gehörigen Rituale werden als anstößig empfunden, der moderne Mensch schämt sich ihrer. Ich finde, wir könnten von Muslimen lernen. Ihre religiösen Gewohnheiten sind Teil ihres Lebens, sie geben ihnen Halt und Gelassenheit. Dinge, die viele von uns suchen und sich von Psychotherapeuten zu kaufen bereit sind. Auch die christliche Religion könnte recht verstanden ein Weg für ein gutes zufriedenes Leben sein. Man muss ihn nur nützen. Sich vor dem Halbmond zu fürchten und Muslime (fanatisch) abzuweisen, zugleich aber den Schatz der eigenen Religion zu vergessen, scheint mir ein schlechter Ratgeber in der aktuellen Diskussion zu sein.

 

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