Adieu Europa

Es waren einige wenige schöne Jahre. Oft und oft haben wir Reiseleiter unsere Gäste extra daran erinnert, wie unerträglich die Wartezeiten an den Grenzen manchmal waren, sowohl oben im Norden als auch nach Deutschland hinaus oder nach Italien hinunter. Doch dann, Schengen sei Dank, war plötzlich alles offen und so, wie man sich Europa vorgestellt hat: ein großer Kontinent, frei zu bereisen für alle seine Bürger. Auch nach Jahren der Grenzfreiheit sprachen wir dankbar davon, wenn unsere Busse eine weitere Staatsgrenze ohne zu stoppen passieren konnten. Diese wunderbare Reise-Erfahrung, dann aber auch die gemeinsame Währung und auch die Möglichkeit, in ganz Europa sein berufliches Glück zu versuchen: diese Drei machten Europa für die meisten seiner Bürger attraktiv. Diese Drei wogen schwerer als manch unverständliche bürokratische Hürde aus Brüssel. Alle Drei sind massiv bedroht, die Reisefreiheit ist vorerst bereits Geschichte. Europa scheint ausgeträumt. Unsere Politiker sprechen gar nicht mehr verstohlen, sondern schon geradezu stolz von neuen Zäunen, die an neuralgischen Punkten angebracht werden sollen, „leider“ auch am Brenner. Waren es früher bloß Grenzbalken, so werden künftig meterhohe Zäune den Südtirolern wieder zeigen, wo sie zu Hause sind. Viele Reisen wurden seit 1989 extra nach Berlin gebucht, um zu begreifen, wie unselig und verrückt die Teilung gewesen ist. Diese Mauer ist längst weg, anderswo haben Politiker mindestens so lange neue Trennsperren errichtet. „Nein, Schießbefehl wird es keinen geben“, musste der neue österreichische Verteidigungsminister extra erwähnen. So, als ob davon jemand allen Ernstes träumen würde. Es ist, als ob eine feindliche und gut ausgerüstete Armee auf Europa zusteuern würde. Bereit zur Eroberung und Vernichtung all dessen, was hier angesammelt wurde in den letzten Jahrzehnten. Ein Blick in die Augen der „Anstürmenden“ zeigt ein völlig anderes Bild. Es sind Menschen. Es sind Verzweifelte, die alles verloren und verlassen haben, was ihnen heilig war. Die nur anderswo in Frieden ihr Glück versuchen wollen, weil ihnen das in der Heimat verwehrt ist. Und Europa? Während es noch ein Heer von Freiwilligen gibt, die den Heimatlosen auf vielerlei Art beisteht, beschließen die Politiker, vor sich her getrieben von ängstlich-populistischen Geistern, Zäune und Obergrenzen und orientieren sich in erster Linie an dem, was NICHT geht als an dem, was ja noch lange möglich wäre. Schuld sind die anderen, das ist klar. Jene Länder etwa, die alles von Europa bekommen, aber nichts begriffen haben und keine Solidarität aufbringen wollen. Fast ist es, als wäre man froh, sich hinter diesen Sündenböcken verstecken zu können. So braucht man nicht der Wirklichkeit ins Auge zu sehen, dass man mit der eiskalten und herzlosen Kehrtwendung aus Angst vor den Wählern längst die Politik der Rechtspopulisten macht.

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3 Kommentare zu “Adieu Europa

  1. Lieber Bert!
    Herzlichen Dank für deinen gelungenen Artikel (werde ihn auf Facebook teilen). Eine kleine Anmerkung habe ich allerdings. Du schreibst von einer Armee, die unterwegs ist nach Europa, ich glaube, die Armee ist längst eingetroffen. Eine Armee, die die Grundsätze unserer Demokratie und unsere Lebensformen mit Füßen tritt, eine Armee, der die Werte einer bürgerlichen Gesellschaft nicht nur egal, sondern zutiefst zuwider sind, eine Armee, uns ihre Weltanschauungen und ihren Hass aufzwingen möchte. Diese Armee, lieber Bert, besteht jedoch nicht aus Menschen, die erlebt haben, was es bedeutet, alles zu verlieren, nein, diese Armee trägt Anzüge und Krawatten, diese Armee schürt die Angst und den Hass bei den Menschen, diese Armee verbreitet im wahrsten Sinn des Wortes Terror. Diese Armee sitzt in unseren Vertretungsbehörden, in Linz, in Wien oder in Brüssel. Es ist eine Armee, die unsere Bevölkerung spaltet, eine Armee von Wölfen in Schafspelzen, die unter dem Deckmantel der Demokratie ihren Hass und ihren Terror verbreiten mit Brandsätzen, mit rechtspopulistischen Sprüchen am Stammtisch, im Bierzelt oder auch im Parlament.

    Manchmal würde ich mir sogar Zäune und Stacheldraht für diese Menschen wünschen, die brauchen wir dann nicht an den Grenzen, sondern für die Zwinger, in die wir diese Wölfe stecken. 😦

    Liebe Grüße!
    Andreas Golatz

  2. Bei allen berechtigten Argumenten finde ich es erstaunlich, dass hier allen Ernstes immer noch die Position vertreten wird, unkontrollierte Zuwanderung könne keinerlei Probleme verursachen, weil ja Menschen kommen, „die nur anderswo in Frieden ihr Glück versuchen wollen, weil ihnen das in der Heimat verwehrt ist“. Auch nach Paris, nach Köln, angesichts der Vorgänge am Linzer Bahnhof? Ist es wirklich so schwer, sich um eine Spur Verständnis für Menschen zu bemühen, die nicht diffuse Ängste haben, sondern durchaus konkrete und leider einmal zu oft bestätigte Sorgen?

    Aber es hat dann schon eine gewisse Logik (hier spreche ich den Kommentar von Andy Golatz an), Menschen, die sich der eigenen Einschätzung der Wirklichkeit nicht anschließen hinter Stacheldraht sperren zu wollen … nota bene, hier wünscht ein Priester Lagerhaft für „Sprüche am Stammtisch“! Etwas Mäßigung von allen Seiten würde dem gesellschaftlichen Klima schon gut tun.

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