Wirkungslose Neujahrswünsche

Die guten Wünsche sind verklungen und eigentlich waren sie wie immer. Gut gemeint, aber kaum Neues dabei. Gesundheit natürlich, Glück und Zufriedenheit. Auch die Sternsinger haben diesen Wunsch dieser Tage in ihren Liedern. Eigentlich könnten wir aber aufhören mit dem Wünschen, weil die wichtigsten davon ohnedies längst in Erfüllung gegangen sind. In Wirklichkeit gibt es nur noch wenig Armut bei uns, wobei längst erwiesen ist, dass der Faktor Glück mit steigendem Reichtum nicht mithält. Mehr Geld macht nicht glücklicher und zufriedener. Ganz im Gegenteil womöglich. Aber zu verachten ist bescheidener Wohlstand freilich auch nicht. Wir alle wollen ihn und die meisten haben ihn. So gesehen haben unsere Volksvertreter in den vergangenen Jahrzehnten gute Arbeit geleistet. Der Wohlstand hat ein beachtliches Niveau erreicht und liegt meilenweit über dem anderer Länder. Es geht uns so gut, dass parallel dazu bei gar nicht so wenigen Mitmenschen die Haltung um sich greift, dieser Zustand gebühre uns allein und schon gar nicht irgendwelchen Flüchtlingen, die von außen kommen und einfach hier leben möchten. Zäune und bürokratische Hindernisse kommen denen gerade recht, um ihren Wohlstand nicht zu gefährden, von dem sie meinen, er stünde ihnen zu wie ein erworbenes Recht.

In Facebook entdeckte ich während der Feiertage ein interessantes Experiment: stellen Sie sich ein Dorf mit 100 Bewohnern vor und reduzieren Sie die ganze Menschheit so, dass die tatsächlichen Proportionen einigermaßen erhalten bleiben. Wie würde dieses fiktive globale Dorf aussehen? 57 Bewohner wären asiatisch, 21 wären Europäer, 14 Amerikaner und 8 Afrikaner. Der Geschlechteranteil läge bei 52 Frauen und 48 Männern. Die meisten Mitglieder des Dorfes hätten keine weiße Hautfarbe, nämlich 70. Nur 30 wären weiß. Ob es ein christliches Gotteshaus gäbe, ist unsicher, denn nur 30 Bewohner bekennen sich zum christlichen Glauben, die 70 weiteren würden irgendeiner der vielen anderen Religionen angehören. Von ihrer sexuellen Orientierung müssten 89 Heterosexuelle akzeptieren, dass es auch 11 Homosexuelle im Dorf gibt. Ein größeres Problem als die bisher genannten ist die Ernährung, weil jeder 2. Dorfbewohner unterernährt ist und 80 (!) keine ausreichenden Wohnverhältnisse haben. Auch das Bildungsniveau ist beklagenswert: 70 können nicht lesen oder schreiben, nur einen einzigen Akademiker gibt es und auch nur einen einzigen Computer. Sozial spüren die Dorfbewohner die Ungleichheit: 6 der 14 amerikanischen Mitbürger besitzen 59 Prozent des ganzen Dorfkapitals.

Zurück zu den guten Wünschen vom Jahreswechsel. Wer in seinem Kühlschrank ein paar Lebensmittel findet, wer Gewand im Kasten hat, eine Wohnung und ein Bett zum Schlafen, der ist reicher als 75 Prozent der Menschen dieser Welt. Und wer außerdem über ein Bankkonto verfügt, etwas Geld in der Geldbörse hat und ein paar Euro auf der hohen Kante, der kann sich glücklich schätzen, weil er zu den acht reichsten Prozent der Menschen dieser Welt gehört.

In diesem Licht betrachtet bräuchten wir uns eigentlich nichts mehr wünschen, wenn die Jahre wechseln. Das Allerwichtigste, die Gesundheit, die kommt und geht erfahrungsgemäß sowieso, wie sie es will. Und das andere, das Glück und die Zufriedenheit stellen sich recht schnell ein, wenn man sich die Zeit nimmt, seine Situation mit der anderer Menschen auf dieser Welt zu vergleichen.

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