Wertvolle Importe aus dem Nahen Osten

Das Martinsfest ist längst vorbei, auch der heilige Nikolaus hat bereits an die Türen geklopft, gefolgt von dem Fest, dem vor allem Kinder, aber auch die Wirtschaft entgegenfiebern. Warum ich diese jährlichen Selbstverständlichkeiten thematisiere? Weil fast keine der Hauptpersonen, derer dabei gedacht wird, europäisch war. Einzige Ausnahme: Bischof Martin war Ungar. Nikolaus aber ein Türke und Jesus ein aramäisches Kind jüdischer Eltern. An seinen Geburtsort (möglicherweise Bethlehem) kamen ein paar unbedeutende palästinensische Hirten und drei vermutlich persisch-arabische Sterndeuter, die später die Legende zu Königen gemacht hat. Den Kindern dieser Welt macht diese durchaus auffällige Globalisierung nichts aus, weil die Figuren längst europäisiert sind. Sie gehören zu unseren Bräuchen und sind so verwestlicht, dass es wohl mehr als überraschend gewesen wäre, einen türkisch-stämmigen Menschen zu bitten, in die Rolle des Nikolaus zu schlüpfen. Oder einen der vielen syrischen Flüchtlinge einzuladen, in der Kirche das Weihnachtsevangelium in der Sprache Jesu, also in aramäisch zu lesen, die in Syrien teilweise noch gesprochen wird. Die sprachlichen Verständigungsprobleme wären wohl das geringere Hindernis für die Verwirklichung einer solchen Idee. Und doch: in das, was wir als abendländisch – christliche Religion bezeichnen, hat sich sehr viel von dem eingenistet, was seinen Ursprung in jenen Regionen hat, von wo die derzeitigen Flüchtlinge kommen. Sie verleihen der Herbergsuche 2015 eine beklemmende Wirklichkeit und lassen mancherorts Überlegungen aufkommen, ob dieser Brauch heuer überhaupt passend ist. Wann sonst, wenn nicht jetzt, argumentieren andere Christen und sie erhalten Schützenhilfe vom obersten Katholiken in Rom. Papst Franziskus hat neulich zu einem mehr als drastischen Vergleich gegriffen: angesichts der Probleme in der Welt, und dazu gehört ganz bestimmt auch die Situation der Flüchtlinge, wäre Weihnachten ein „Affenzirkus“. Die Welt habe die Botschaft vom Frieden nicht verstanden, meinte er in einer Rede: „Ruinen, tausende Kinder ohne Bildung, so viele unschuldige Opfer und viel Geld in den Taschen der Waffenhändler“ – das alles widerspreche dem Gedanken von Weihnachten. Recht hat er. Eigentlich müsste man das ganze Fest einmal ein Jahr lang aussetzen, um zur Besinnung zu rufen. Das aber allen Ernstes zu probieren, hätte einen Sturm der Entrüstung zur Folge: auf den Barrikaden: die Wirtschaft, die Kirchen und natürlich auch die Kinder und die Familien. Natürlich kann man ihnen das nicht antun. Aber man darf versuchen, das Fest heuer mehr denn je zu deuten auf das, was gemeint ist: „Friede den Menschen auf Erden“. Friede meint viel mehr als keine Kriege. Friede meint auch Unterkunft, Versorgung, Gerechtigkeit und Versöhnung. Nikolaus, Jesus und auch die hl. 3 Könige: alles Importe aus dem Nahen Osten, aber mit wunderbaren Botschaften für alle Menschen dieser Welt. Da müsste doch auch bei den derzeitigen Flüchtlingen aus dieser Gegend etwas dabei sein, von dem wir müde gewordenen Europäer lernen können…

 

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2 Kommentare zu “Wertvolle Importe aus dem Nahen Osten

  1. Herbergsuche als Hoffnungssuche

    Es waren berührende Momente am 26. November 2015 im Klagenfurter Diözesanhaus: Eine Einstimmung auf die Adventzeit in einer Welt, die nicht mehr so ist, wie sie war. Das Wort Herbergsuche hat eine ganz neue Dimension bekommen.

    Danke an Ilona Wulff-Lübbert und dem Team der Katholischen Frauenbewegung und auch den Schauspielkollegen und Wolfi Unterlercher für die musikalische Gestaltung. Es wurde klar: Vor Gott sind alle gleich.

    http://www.kath-kirche-kaernten.at/dioezese/newsdetail/C2726/herbergsuche_als_hoffnungssuche1

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