Wider den blinden Gehorsam

Es hat schon was, wenn Manfred Scheuer, der künftige Linzer Bischof das Vokabel „Gehorsam“ in den Mund nimmt. Wie könne er von seinen Leuten etwa im Fall von Versetzungen Gehorsam einfordern, wenn er selbst nicht bereit sei, dem Plan seiner Vorgesetzten zu folgen. So ähnlich hat er argumentiert, warum er von seiner bisherigen Diözese Innsbruck nach Linz wechselt. Eine logische Begründung, die aber auch gefährlich ist. Wird Gehorsam blind geleistet, also ohne wenn und aber und gegen jede innere Einsicht, wird daraus Kadavergehorsam. Gehorsam kann nur gesund sein, wenn er im Dialog geleistet wird und wenn der Mensch zu dem, was von ihm verlangt wird, ja sagen kann. Das hat Manfred Scheuer nach ein paar Tagen Bedenkzeit getan und zugesagt, nach Linz zu wechseln.

Anders zugegangen ist es bei VW. Vorausgesetzt, die Manager von VW sagen jetzt die Wahrheit. Jetzt, wo der Schwindel aufgedeckt ist. Man habe sich nicht getraut, dem obersten Chef die Wahrheit zu sagen. So haben sich die Ingenieure verantwortet. Der Chef machte eine Abgasvorgabe, die Leute unter ihm merkten, dass diese Vorgabe nie und nimmer einzuhalten ist. Aber anstatt ihm das klipp und klar zu sagen, habe man in die Trickkiste gegriffen und so getan, als ginge das. Die Folgen sind bekannt und werden VW viele Milliarden kosten. Eine Katastrophe für den Konzern und wohl auch für seine Mitarbeiter, die jetzt nicht nur den Spott zu tragen haben, sondern irgendwann auch um ihre Arbeitsplätze fürchten müssen.

Viele Generationen lang sind Kinder zu Gehorsam erzogen worden und gerne wurde auch das 4. kirchliche Gebot völlig missbräuchlich dazu verwendet, demzufolge man Vater und Mutter zu ehren habe. Blinder Gehorsam als Lebensprinzip: ein dramatisch schlechter Ratgeber. „Führer befiehl, wir folgen dir“, lesen wir in den Geschichtsbüchern über das unselige Dritte Reich, in dem Millionen Menschen einem Herrscher nachgelaufen sind und ihm und seinen Wahnideen zugejubelt haben, die unseliges Leid für Abermillionen nach sich gezogen haben. Wenige haben sich getraut, zu widerstehen und fast alle haben das mit ihrem Tod bezahlt. Claus von Stauffenberg war ein solcher, Franz Jägerstätter auch. Bei VW hätte niemand um sein Leben fürchten müssen, um seinen oder ihren Job aber sehr wohl. Chefs lieben es nur selten, wenn ihre Ideen oder gar ihre Entscheidungen umgestoßen werden und sie haben bestimmt Gründe dafür: den Erfolg, natürlich auch die persönliche Eitelkeit. Wer sich dem entgegensetzt, hat verloren. Meistens. Gut möglich, dass wir Eltern uns gehorsame Kinder wünschen. Mit ihnen unter einem Dach zu leben ist natürlich einfacher als mit Nachwuchs, der sich ständig widersetzt. Bei Meinungsunterschieden aber einen Kompromiss zu suchen, ist als Lebenskonzept allemal klüger als zu versuchen, den Willen der Kleinen zu brechen und sie zu zwingen, Anweisungen zu befolgen, die sie nicht verstehen. Vielleicht hätte sich VW viele Milliarden erspart, wären die Eltern der Manager zu ihren Kindern damals weniger streng gewesen…

 

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