Wir alle sind nur Gast auf Erden

Gäste kommen, aber sie gehen auch wieder. Es ist wie bei Familienfesten. Man freut sich zweimal: wenn alle kommen, aber auch, wenn sie wieder fahren. Die gewohnte Ruhe ist viel wert. Man kommt wieder zu sich und zu dem, was man tun möchte. Was aber, wenn Gäste nicht mehr gingen? Wären sie dann noch Gäste, oder gar schon Eindringlinge? Was ist der angemessene Umgang mit Leuten, die ungebeten und massenhaft dort Platz nehmen, wo auch wir zu leben pflegen? Direkt neben uns und viel anders, als wir das gewohnt sind? Lauter vielleicht, in Sprachen, die wir nicht verstehen, mit anderen Vorstellungen von Bekleidung, von Essen und überhaupt: von Leben. Solche Gäste werden dann schnell zur ärgerlichen Bedrängnis, man beginnt sich abzuschotten und verstärkt die Begrenzungen um den eigenen Besitz. Die neuen Nachbarn haben ihre Heimat nicht aus Spaß verlassen, das haben wir begriffen. Wer mag schon leben in einem Land, in dem ein endlos scheinender, grausamer Krieg tobt. Freilich, auch bei uns war Krieg, damals vor 70 Jahren, und die meisten sind geblieben. Heimat ist zu verteidigen, hat es geheißen, Flucht war verboten, bei Todesdrohung. Sie aber laufen zu Tausenden davon, lassen ihre Heimat einfach zurück und siedeln sich dort an, wo sie erwarten, dass es für sie besser ist. „Sie sind gekommen, um zu bleiben“, hat es im Wahlkampf drohend geheißen. Nicht ausgesprochen, aber mitgeschwungen dabei die Warnung: „jetzt wird’s gefährlich, bringt alles in Sicherheit…“ Was eigentlich alles? Worauf hat ein Mensch letztlich wirklichen Anspruch? Auf seine Heimat wohl nicht. In welches Land, in welche Familie jemand geboren wird, ist schließlich Zufall. Daraus einen Anspruch auf Besitz abzuleiten, scheint mir bestenfalls rechtlich logisch, nicht aber moralisch. Natürlich „gehören“ uns Grund, Haus, Auto oder Kleidung. Aber gehört uns das wirklich persönlich und auf alle Zeit? Oder auch in der Familie. Gibt es das wirklich, psychologisch betrachtet: „mein“ Mann, „meine“ Frau, „mein“ Kind? Gehört nicht jeder Mensch zuallererst sich selbst? Die Unterscheidung zwischen „mein“ und „dein“ ist zu Lebzeiten nur rechtlich relevant. „Du sollst nicht stehlen“, gebietet sogar das 7.Gebot. Auf dem Totenbett aber hat irdischer Besitz jede Bedeutung verloren. „Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt ein alter, wahrer Spruch. „Wir sind nur Gast auf Erden“, singen wir in den Kirchen, gerade jetzt rund um Allerseelen. Gäste kommen und gehen. So wie die Flüchtlinge. Sie kommen, bleiben aber so wie wir auch nur die ihnen bemessene Zeit. Der Blick auf unser aller individuelles Ende könnte das verändern, was man zunächst vielleicht massiv gefürchtet hat. Unser ganzes Leben ist Leihgabe. Zur Verfügung gestellt für eine unbestimmte Zeit. Unterschiede gibt es dabei nicht. Nicht zwischen Mann und Frau, nicht zwischen Inländer und Ausländer, nicht zwischen Irakern, Afghanen, Syrern oder woher sie alle kommen mögen. Jeder Mensch ist letztlich fremd. Fast überall auf dieser Welt.

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Ein Kommentar zu “Wir alle sind nur Gast auf Erden

  1. Lieber Herr Berthold Brandstetter,

    seit zwei Jahren lese ich mit Freude Ihre Beiträge. mit dem, was Sie zu den ‚bleibenden Gästen‘ sagen, bin ich im Prinzip mit einverstanden, ich musste den Text allerdings mehrmals in Ruhe lesen, um den Faden zu finden. Offen gesagt: dieser rote Faden erscheint mir doch etwas verwirrt, ganz ungewöhnlich verglichen mit den präzisen Beiträgen bisher. Danke für alle Ihre Gedanken – Denkanstöße, die ich meist verwende in passenden Gesprächen mit Freunden. Dass Sie mich dieses Mal etwas verwirrt haben, musste ich jetzt bemerken. Es tut mir leid. Ich werde aber ganz sicher Ihre künftigen Beiträge weiterhin lesen, und bedanke mich schon im voraus für Ihre Gedanken zu den Themen dieser Art.

    Mit freundlichen Grüßen

    Berthold Becker Römerring, 40a D 55597 Wöllstein …………………………………………………………………………………………………………………………………

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