Wahrnehmungen nach dem Sommer

„Es sind zu viele“. Das ist eine der ersten Wahrnehmungen, die ich nach der Sommerpause mache. Zu viele für ein kleines Land wie Österreich. Zu viele aber selbst für ein großes Land wie Deutschland. „Wer hat schon mit so vielen Tausenden gerechnet“. „Wir können nicht ganz Syrien oder Afghanistan oder halb Afrika aufnehmen“. „Was zu viel ist, ist zu viel“.

„Wer weiß, ob die wirklich alle fliehen mussten, wer weiß, ob sie nicht bloß die Gunst der Stunde nutzen und sich ein besseres Leben machen wollen“. Eine weitere Wahrnehmung in den vielen Diskussionen derzeit. Ich bemerke, dass Leuten zugestimmt wird, die solche Fragen stellen. Und ich registriere entschiedenes Kopfnicken, wenn von Zäunen und strengen Kontrollen an den Grenzen gesprochen wird. Merkels größter Fehler sei es gewesen, quasi alle Syrer eingeladen zu haben. Die deutsche Kehrtwendung zeigt mir, dass selbst dort das Flüchtlingsproblem unterschätzt worden ist. Wie überhaupt: die Politik scheint ratlos zu sein, wie die Situation zu handeln ist. Und man fragt sich, was denn eine europäische Union wert ist, wenn sie in einem Krisenfall wie dem jetzigen noch immer keinen Konsens schafft.

Eine weitere Wahrnehmung nach dem Sommer: es wird geholfen. Spät, aber doch, dafür in einer erstaunenswerten Intensität. Und es sind vor allem Freiwillige und Ehrenamtliche, die ihre Dienste anbieten in Organisationen wie Caritas, Volkshilfe oder Rotem Kreuz. Ein Schnappschuss auf meine Heimatgemeinde Neumarkt im Mühlkreis: 75 Personen haben sich zu einem Hilfskomitee zusammengeschlossen, um knapp 10 Flüchtlinge möglichst gut zu betreuen, die in einem Haus im Marktzentrum unterkommen.

„Wie lange bleiben die denn hier?“ Auch diese Frage habe ich gehört, längst bevor sie alle da sind. Und längst, bevor man wissen kann, wie viele diese „alle“ sind. Ein Leben neben Mohammeds und Mustafas – kann das gut gehen, hält unsere christliche Kultur das aus? Das „christlich“ fällt mir auf. Fast immer wird das Wort dagegen gehalten, wenn es um Muslime geht. Sie, die anderen, seien gefährlich, weil Koran-erfahren und religiös aktiv. Wie Recht hat hier aber die deutsche Kanzlerin, die auf derartige Einwände sinngemäß meinte, sich christlich religiös zu bilden, sei jedermann unbenommen und auch der Besuch einer christlichen Kirche durchaus wieder einmal empfehlenswert. Wir scheinen Angst zu haben vor etwas, was wir selber weitgehend verloren haben: den Mut, sich zu einem Glauben zu bekennen und ihn auch zu praktizieren. Man könnte das Problem aber auch anders, positiver sehen: Europa bekommt durch den Zuzug den lang benötigten frischen Wind. Durch Menschen, die enorm viel auf sich genommen haben, um aus ihrer lebensgefährlichen bisherigen Heimat zu entfliehen und irgendwo in Europa ein neues Leben zu beginnen. Gestärkt durch ihren Glauben, der auch den unseren, den ihrer jetzigen Mitmenschen neu entfachen könnte.

Natürlich wäre es idealer, wenn sie blieben, wenn sie dort bleiben könnten, wo sie bisher waren. Aber diese Hoffnung scheint sich noch lange nicht zu erfüllen, auch das nehme ich wahr. Die geheime Unterstützung der IS-Truppen mit Waffen reißt offensichtlich nicht ab, die politischen Großmächte können oder wollen ihrer nicht Herr werden. Krieg ist nach wie vor ein wahnsinniges Geschäft im wahrsten Sinn des Wortes, selbst wenn dabei fast ein ganzes Volk ausgerottet, vertrieben und deren uralten Kunstschätze für immer zerstört werden.

Was bleibt, ist, aus der Not eine Tugend zu machen. Zu versuchen, die vielen Flüchtlinge, hinter denen unzählige Geschichten und Gesichter stehen, halbwegs gerecht und sinnvoll aufzuteilen in unserem Kontinent, sie möglichst gut aufzunehmen und ihnen die Chance zu geben, zumindest für eine bestimmte Zeit unsere Mitbürger werden zu können.

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