Ein Gesicht für jeden Asylwerber

Merkwürdig irgendwie. Wo immer jemand über Asylwerber erzählt und über deren Vorleben berichtet, erhellen sich die Gesichtszüge des Gegenübers. Man staunt und wundert sich über manch hohe berufliche Kompetenz der bisher völlig fremden und anonymen Menschen. Richter war der eine, Ölingenieur ein anderer zum Beispiel. Sogar das Fernsehen hat den einen bereits porträtiert und Verständnis regt sich für seinen Fall. Aus dem syrischen Asylanten wird unvermittelt eine achtsame Person, der Respekt zu zollen ist. Der Richter ist kein Einzelfall. Wie er haben viele andere ihr Land nicht aus Jux und Tollerei verlassen. Um ihr Leben sind sie gerannt, haben tausende Euro korrupten Schleppern in den Rachen geworfen, oft wohl wissend, um welche habgierigen Gauner es sich bei denen handelt. Dennoch: die Chance, der lebensbedrohenden Verfolgung zu entgehen, hat sie das Risiko der Flucht auf sich nehmen lassen. Egal wohin, nur weg von daheim. Gepaart mit der Hoffnung, später auch Frau und Kinder auf legalem Weg in die rettende Sicherheit ziehen zu können. Der heimische Streit über die Art der Unterbringung mag sie eigentümlich anrühren. Warum nicht fürs allererste die in Verruf geratenen Zelte, wenn kein anderer Platz vorhanden ist, fragt der Hausverstand. Ehemalige Kasernen klingen ebenfalls nicht wie Quartiere für die Ewigkeit, aber als vorläufige Unterkunft: warum denn nicht? Warum sollen diese (oft restaurierten) Räume für österreichische Soldaten bis vor kurzem gut genug gewesen, für Asylwerber aber unzumutbar sein? Menschen, die dem Tod entkommen sind, sollten eigentlich wenig Ansprüche stellen, sollte man meinen und sie tun es auch nicht, ganz im Gegenteil. In vielen Gemeinden, wo sie bescheidene Quartier bezogen haben, beginnen sie sich rasch zu engagieren. In Freistadt zum Beispiel: dort halfen 8 syrische Gäste der jungen und sympathischen Aktion gegen Plastik-Verpackungen in den Geschäften. Ohne lange Überredung waren sie da und halfen stundenlang beim Befüllen von Informationssackerln. Beispiele wie dieses gibt es viele. Und Probleme mit den neuen Gästen werden kaum bekannt. Wo immer sie ihr Gesicht zeigen, wo sie ihre berührende Geschichte erzählen (dürfen), werden sie im Nu zu Persönlichkeiten, denen unser Mitgefühl gehört und wo Aversionen ihnen gegenüber weitgehend vergangen sind. Ob sie jetzt Richter, Ingenieur, Lehrer oder sonst etwas gewesen sind.

Wenn jetzt, wie es scheint, in Oberösterreich Bewegung in die Frage der Quartiere kommt, tut das nicht nur den Betroffenen gut. Je besser sie im Land verteilt sind, umso höher ist die Chance, möglichst vielen von ihnen ein Gesicht und einen Namen zu geben, was sie unverwechselbar und wertvoll macht. Für uns Oberösterreicher eine klare Win-Win-Situation, eine mit zwei Gewinnern: sie erhalten eine zweite Lebenschance, wir erweitern unseren oft ohnedies zu eng gewordenen Horizont.

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Ein Kommentar zu “Ein Gesicht für jeden Asylwerber

  1. Herzlichen Dank für diesen Kommentar!
    Dieses Hin- und Hergeschiebe der Aufnahme von Flüchtlingen zwischen den Gebietskörperschaften ist unser nicht würdig!
    Meinrad Schneckenleithner

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