Die Schwierigkeit, gegen den Strom zu schwimmen

Wenige sind es geworden, die als Zeitzeugen für die Gräueltaten in den Konzentrationslagern des 3. Reiches herhalten können. Aber sie tun es in bewundernswerter Weise. Besonders beeindruckend dabei der 102 (!)-jährige Marco Feingold bei der Gedenkfeier in Gunskirchen. Nicht nur seine erstaunliche Agilität verdient diese Bewunderung: auch seine Worte haben mich beeindruckt. Als lebendes Mahnmal setzt er sich so wie seine noch lebenden Opfer gegen das Vergessen ein, weil Vergessen als Einladung verstanden werden könnte, die damaligen Taten zu wiederholen (obwohl es auch keine Garantie dafür gibt, aus erinnerter Geschichte wirklich zu lernen). Aber Hass gegenüber den Tätern? Kein Wort davon, obwohl Rache und Vergeltung angesichts der unglaublichen Grauenhaftigkeit und Brutalität nur zu verständlich wären. Viele verantworten sich damit, bloß Mitläufer gewesen zu sein in einem System, das Widerspruch nicht geduldet hat und in dem Widerstand tödlich war.

Mir scheint freilich, dass Zivilcourage selbst in demokratischen Gesellschaften wie der unsrigen, in der das freie Wort in Sonntagsreden hoch gepriesen wird, bedauerliche Mangelware ist. Mit dem Strom zu schwimmen, ist immer einfacher, als es dagegen zu versuchen. Umso mehr in Systemen, in denen Aufmüpfigkeit nachteilig sein kann. Ich vermute, dass es auch heute und jederzeit zu Entwicklungen wie zur Zeit der NS-Zeit kommen könnte, wenn die politischen Bedingungen dementsprechend wären. Die allermeisten Mitbürger würden mit marschieren, und viele würden auch vor Gewalt und Gräueltaten nicht zurückschrecken, wenn sie von oben verordnet werden. Nur wenige würden aufschreien und dem Wahnsinn Einhalt gebieten, weil sie diesen Aufschrei mit ihrem Leben zu bezahlen hätten. Ein Franz Jägerstätter würde auch heute in der Minderheit sein.

Die meisten Täter und Opfer von damals sind bereits verstorben, aufgefahren in den Himmel, könnte man in übertragenem Sinn wegen des gestrigen Feiertags sagen. Entzogen der irdischen Gerichtsbarkeit, übergeben einer göttlichen Universalität, der man unendliche Güte und grenzenloses Verzeihen nachsagt. Wenn Papst Franziskus heuer ein Jahr der Barmherzigkeit ausruft, darf das nicht als generelle Entschuldigung für Untaten verstanden werden. Ich verbinde damit die Mahnung, mit dem Finger nicht vorschnell auf die Täter von damals zu zeigen. Weil niemand mit Gewissheit sagen kann, wie er selbst in der konkreten Situation gehandelt hätte. Gedenkfeiern wie jene von Mauthausen am vergangenen Sonntag sind ein Hoffnungszeichen. Es muss sie immer geben, auch dann noch, wenn alle Opfer von damals verstorben sind. Unsere Gesellschaft braucht die immerwährende Mahnung, dass sich so etwas wie damals niemals mehr wiederholen darf. Konkrete Voraussetzung dafür ist in allen Lebensbereichen die menschliche Grundhaltung, Kritik nicht nur zuzulassen, sondern sogar gut zu heißen und zu fördern.

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Ein Kommentar zu “Die Schwierigkeit, gegen den Strom zu schwimmen

  1. Das sehe ich auch so. Bei gewissen poilitischen Bedingungen würden auch heute wieder Leute ‚mitlaufen‘ – weil sie einen Vorteil sehen, oder aus mangelnder Zivilcourage und Bequemlichkeit.
    Das Einüben der Zivilcourage als persönliche Haltung müßte u.a. auch Ziel und Aufgabe in den Pfarren sein! Neinsagen zu pfarrlichen oder kirchlichen Fehlentwicklungen können wir im eigenen Umfeld üben!

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