Wir hätten die Ertrunkenen gebraucht

Der Aufschrei nach der jüngsten Katastrophe im Mittelmeer ist groß, weil es ja gar nicht anders geht. Die spürbaren Konsequenzen lassen vorerst aber weiter auf sich warten. Der Druck von unten scheint nicht groß genug. Die breite Masse interessiert sich mehr für die Ergebnisse des Linz-Marathons als für die Schicksale der qualvoll Ertrunkenen. Beides hat nichts miteinander zu tun, aber es ist so. Eine mögliche Erklärung: unter den bedauernswerten Opfern befindet sich niemand, den wir gekannt hätten. Außerdem hätten viele von ihnen unseren Arbeitsmarkt und unser Sozialsystem belastet, so die von mir vorsichtig geschätzte Stimmung im Land. Europa, auch Österreich, könne nicht das Flüchtlingslager von Afrika, oder dem Nahen Osten werden, so schlimm die Situation da unten sei, wo käme man da hin, so die oft gehörte Meinung, oder auch noch zynischer: Afrika könne nicht einfach nach Europa übersiedeln.

Ich versuche den Spieß umzudrehen, aber bewusst ähnlich egoistisch zu argumentieren. Wir hätten diese Ertrunkenen nicht nur gebraucht, wir hätten sie geradezu bitten sollen, zu uns zu kommen. Wer unser Pflegesystem, wer unser Pensionssystem oder die Situation am Facharbeitersektor nur einigermaßen nüchtern betrachtet, muss zum Schluss kommen, dass ohne neues Personal von außen unsere Zukunft gefährdet und unsere gemütliche Lebensweise bald an ihrem Ende ist.

Wir hätten nicht nur die Ertrunkenen dringend gebraucht, wir bräuchten noch viel mehr ihrer Landsleute, wenn wir unseren Lebensstandard erhalten wollen. Angst davor, dass sie unseren Sozialstaat ruinieren würden, ist kaum angebracht. Immerhin sind die meisten Einwanderer besser gebildet als wir Europäer, wie eine Studie der deutschen Bertelsmann-Stiftung nachweist. So haben heute 43 Prozent der Neuzuwanderer zwischen 15 und 65 Jahren einen Meister, Hochschul- oder Technikerabschluss. Im deutschen Durchschnitt gilt dies nur für 26 Prozent, in Österreich wird es nicht viel anders sein. Unsere Wirtschaft lechzt nach tauglichen und arbeitswilligen Handwerkern und Dienstleistern. Fragen Sie Fleischhauer oder Wirte oder Installateure, wie es ihnen mit dem Personal geht. Immer mehr junge Österreicher werden durch Gymnasien gequält, weil sie sich mit Matura ein besseres Leben erträumen, die Universitäten platzen aus allen Nähten, die Chancen für die Absolventen stagnieren oder sinken. Und viele Paare im Elternalter geben sich mit einem einzigen Kind zufrieden oder verzichten überhaupt auf Nachwuchs, weil es alleine bequemer ist.

In diesem Licht wäre es nur logisch, würde sich Europa um sichere Transfer-Routen aus den Flüchtlingsländern bemühen und durch rasche Asylverfahren für den Start einer gelungenen Integration dieser Menschen sorgen, die dereinst das tun könnten, wozu wir selbst nicht mehr ausreichend in der Lage sind.

Nur diese und andere Zuwanderer, egal welcher Sprache und Hautfarbe, können es garantieren, dass es uns und kommenden Generationen ähnlich gut geht wie wir das derzeit noch erleben. Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist tatsächlich kein Problem der italienischen Außenpolitik, sondern hochaktuelle europäische Innenpolitik, die uns alle angeht. Ganz abgesehen von der ohnedies vielbetrauerten humanitären Katastrophe.

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2 Kommentare zu “Wir hätten die Ertrunkenen gebraucht

  1. Lauter Professoren, Ingenieure, Doktoren kommen zu uns aus Afrika, Kinderbekommer und voll ausgebildete Handwerker sowie Krankenpfleger. Daheim fehlen sie halt dann.
    Ich will sicher nicht ……, aber (Schwarz)Afrikaner findet man nicht aus unseren Baustellen und in der Krankenpflege. Die kommen eher aus Mittelosteuropa, auch Ärzte kommen von dort, weil unsere Med-Absolventen zur Hälfte in andere EU-Länder auswandern.

  2. Diese Argumentation gründet ebenso auf einer Menschen-wegwerf-Ideologie …. schaffen es die Einheimischen nicht mehr aus eigenen Stücken gut genug für das kranke Wirtschaftssystem zu sein, importieren wir uns halt Andersheimische … außerdem werden Reizthemen wieder einmal missbraucht. Gerade von einer christlichen Organisation hätte ich mich eine anders geartete Argumentation zu diesem Thema erwartet.

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