Die Crux der Kirchen am Karfreitag

Ein ganz normaler Freitag, neulich in Marokko. Der Muezzin ruft zum Freitagsgebet und die Stadt steht still. Nahezu. Alles strömt zur wunderbaren Koutoubia Moschee, um zu beten. Weil das ohnedies riesige Gebäude zu klein wird, verrichten die Gläubigen ihre Gebete auch am Platz davor.

Ein ganz normaler Freitag, daheim in Österreich. Ich erinnere mich an meine Kindheit. Jedes Stückchen Fleisch war Sünde und verpönt. Man blieb stehen,  gedachte der Todesstunde Jesu und betete. Das Innehalten gibt es kaum mehr. Schleichend hat es sich davon gemacht und inzwischen auch den Karfreitag ergriffen, den einen Tag im Jahr, der bei den evangelischen Mitchristen der allerhöchste Tag im Jahr ist. Für sie ist er zwar gesetzlicher Feiertag, für den Gottesdienst verwenden ihn die wenigsten. Ein Blick in die katholischen Kirchen, vor allem in den Städten, ergibt einen ähnlichen Befund: der Karfreitag hat seine Anziehungskraft verloren. In den Bänken sitzen Ältere und bestenfalls einige Eltern mit ihren Kindern. Die breite getaufte Masse fehlt. Sie arbeitet, macht Urlaub oder geht anderen Vergnügungen nach. Ostern inklusive. Der Kirchenbesuch zur Auferstehung gilt nicht mehr als Pflichtprogramm.

In Marokko ist der Islam Staatsreligion. Der König betet jeden Freitag wie die allermeisten seiner Untertanen. Das gibt Halt und lässt kaum Glaubenszweifel zu. Westlich orientierte Demokratien sind einen anderen Weg gegangen. Religionen werden geschützt, gefördert, sie müssen aber auf eigenen Beinen stehen. Das gelingt zwar noch, es wird jedoch bekanntlich immer schwerer. Die Inhalte des Glaubens werden selbst von den Mitgliedern immer selektiver akzeptiert. Für wahr gehalten wird, was man persönlich nachvollziehen kann. Kirche wird gebraucht, wenn es ein persönliches Bedürfnis ist, zur Sicherheit, weil man ja nie weiß: als Segensanstalt für Neugeborene bei der Taufe, für die Hochzeit und beim Begräbnis. Wobei sich zeigt, dass sich die um Segen oder Trost Bittenden oft längst zuvor von derselben Kirche durch Austritt verabschiedet haben.

Wie tröstlich, dass es im deutschen Haltern eine Kirche gibt, in der sich die Trauernden nach der schrecklichen Flugzeugtragödie versammeln konnten. Vor wie vielen Jahren werden sie den Angeboten dieser Pfarre zum letzten Mal Folge geleistet haben? Da zu sein, wenn man gebraucht wird. Das scheint die hauptsächliche Aufgabe von Kirchen in der modernen Zeit zu sein. Nicht mehr damit rechnen zu können, dass die Bänke jeden Sonntag oder auch am Karfreitag voll sind. Sondern stand by zu stehen für den Fall der Fälle. Und dann erleben zu müssen, dass die um Hilfe oder Trost Bittenden jede Erfahrung mit den kirchlichen Ritualen, Gebeten oder Gesängen verloren haben. Eine schwierige und zermürbende Aufgabe. Denn solche Dinge gehörten eingeübt und gepflegt. Der Zug der Zeit steht dem aber massiv im Wege.

Religionen als Mitbewerber im harten Kampf um Angebote für den Sinn des Lebens. Beinahe könnte man sich Leid sehen an Marokko, wo sich dieses Thema (noch) nicht stellt. Aber es ist der Platz, der Religionen zusteht. Menschen sollen sich frei entscheiden, an was und an wen sie glauben möchten. Kirchen bieten dazu einen Gott an, weniger Anspruchsvollen genügt der Sport, das glänzende Auto oder eine vegane oder sonstige exotische Lebensweise.

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Ein Kommentar zu “Die Crux der Kirchen am Karfreitag

  1. Sehr geehrter Herr Brandstetter,

    danke für diese Erinnerung! an Karfreitag bin ich gern allein, mache Platz in der Kirche für die ‚Gläubigen‘. stattdessen war ich an Grün-Donnerstag wieder zu einer besonderen (kleinen) Gedenkfeier mit Abendmahl gegangen. Ich freue mich immer wieder für die vielen Gedanken zu verschiedenen Themen, die ich regelmäßig erhalte, seitdem Tag als ich (nach langem Suchen) heraus fand, wer die Briefe von Franziscus zu Franciscus schrieb. Ich erlaube mir, manche Texte von Ihnen an Freunde und Verwandte weiter zu geben, je nach dem, was grad zu wem gut passt (die rein österreichischen Themen interessieren mich zwar auch – habe mal zwei Jahre in Wien gelebt … und gearbeitet – aber andere Deutsche verstehen es oft nicht, wenn sie Österreich nicht kennen). Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen.

    Ich wünsche Ihnen und Ihren Angehörigen /*Frohe Ostern*//- /mit allem was wirklich dazu gehört.

    Liebe Grüße von

    Berthold Becker D55597 Wöllstein (Rheinhessen) ……………………………………………………………………………………………………………………………………………………………………

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