Der fleischlose Freitag

Freitag – iss kein Fleisch. So kenne ich es noch aus Kindheitstagen. Und ich erinnere mich mit Schaudern an die staubigen Mehlspeisen, die in den 60-Jahren freitags auf den Internatstisch geschoben wurden. Was nicht heißen soll, dass die an manch anderen Tagen angebotenen Fleischspeisen je haubenverdächtig gewesen wären. Vor allem in ländlichen Gegenden ist in manchen Haushalten der Freitag nach wie vor der Mehlspeistag. Die katholische Kirche hat das Fleischverbot am Freitag schon lange aufgehoben. Wahrscheinlich zu Recht, weil es wie viele andere Gebote nicht haltbar gewesen wäre. Fisch statt Fleisch, auch das war früher einmal durchaus gängig. Der anscheinend minderwertige Fisch statt des hochwertigen Fleisches, darin sahen kirchliche Gesetzesmacher den modernen Ausweg – und sie irrten gründlich. Fisch mutierte zu dem, was er ist, nämlich zum hochwertigen, aber wie wir jetzt wissen, in Sachen Meeresfisch extrem gefährdeten Lebensmittel. Also ist spätestens jetzt auch hier Einhalt geboten. Was also essen am Freitag oder überhaupt in der Fastenzeit? Die Frage mutet auf einem katholischen Blog wie diesem seltsam an, sind doch Zeitungen zu Beginn der Fastenzeit übervoll mit Tipps für ein gesünderes, entschlackteres Leben. Nur noch am Rande finden sich dabei Ratschläge aus kirchlichen Häusern, die ja eigentlich einmal die Spezialisten für Derartiges waren. Die Kirche hat, wie es scheint, den Anspruch auf den privaten Speiseplan verloren. Zugleich aber hat sie damit etwas aufgegeben, was viele Gesundheitsapostel gerne aufgegriffen haben: den Ratschlag, wenigstens einmal pro Woche beim Essen und Trinken etwas leiser zu schalten. Manche reden sogar vom einmaligen Fasten, der Gesundheit zu Liebe. Ob das der Freitag sein muss, das ist eine ganz andere Frage, bedeutet doch der letzte Arbeitstag pro Woche für die allermeisten Leute den Einstieg in das Wochenende und damit die Einladung für einen vielleicht längeren Abend mit Freunden, weil man am Samstag endlich ausschlafen kann (sofern dies keine kleinen Kinder vereiteln). Dass der Freitag früher deshalb fleischlos war, weil Jesus an einem Freitag ans Kreuz genagelt wurde, ist weitgehend aus dem Bewusstsein entschwunden wie auch der Zusammenhang mit der ehemals ziemlich generellen Abwendung von allem Fleischlichen, sprich der unseligen kirchlichen Sexualfeindlichkeit. So gesehen ist der gastronomisch liberalisierte Freitag ein Fortschritt. Das Kind wurde, wie mir scheint, aber auch hier mit dem Bad ausgeschüttet. Die Kirche als Einrichtung, die sich des Lebens der Menschen annimmt oder annehmen sollte, hat mit ihrem Freitagsgebot eine uralte Weisheit besessen und aufgegeben, die heute von vielen Gesundheitsaposteln oft wieder aus der Schatzkiste geholt und neu verpackt als Wundermittel teuer verkauft wird.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Der fleischlose Freitag

  1. Das Verbot, in der Fastenzeit Fleisch zu essen, wurde im Jahr 998 erlassen, als der amtierende Papst Johannes XVI , mit den lokalen Fischern ein zukunftsträchtiges Abkommmen schloss.

    Gertraud Lackinger

    >

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s