Heißer Oktober im Vatikan

Die Behauptung wäre wohl etwas übertrieben, dass in diesem Monat erfahrene Experten über wichtige Themen beraten und womöglich sogar Entscheidungen vorbereiten. Denn auf der Tagesordnung der außerordentlichen Bischofssynode stehen Fragen der Sexualität und der Familie, katholische Geistliche sollten aber zumindest offiziell von solchen Dingen großen Abstand halten. Trotzdem: dass sich im Vatikan hochdekorierte Bischöfe damit theoretisch auseinandersetzen, erweckt Hoffnung für die, um die es dabei geht: die Mitglieder der katholischen Kirche, etwa 1 Milliarde an der Zahl. Papst Franziskus ist es zu danken, dass über derlei Themen überhaupt einmal diskutiert werden darf. Er hat die Augen nicht verschlossen vor der Kluft, die weltweit zwischen kirchlicher Lehre und geübter Praxis klafft und er versucht einen Brückenschlag. Der Widerstand dagegen war enorm, manche Beobachter sprechen bereits von Krieg im Vatikan, weil manche einflussreiche Würdenträger alles beim Alten lassen wollten und meinten, die Welt werde einstürzen, wenn sich kirchliche Lehren ein wenig am Leben der Gläubigen orientierten.

Was ist der offiziell gültige Stand der Dinge:

Sexualität hat ihren Platz ausschließlich in der Ehe.

Künstliche Methoden zur Verhinderung von Schwangerschaften sind verboten.

Eine kirchlich geschlossene Ehe ist unauflöslich. Wer sich scheiden lässt und wieder heiratet, ist von den Sakramenten ausgeschlossen. Kirchliche Angestellte verlieren nach einer Wiederverheiratung ihren Job.

Was ist die geübte Praxis:

Jugendliche leben ihre Sexualität weitgehend nach ihrem Gutdünken. Hetero- und homosexuelle Beziehungen werden ohne viel Rücksicht auf gesellschaftliche oder gar kirchliche Normen gepflegt: vor, in, nach und immer wieder auch neben der Ehe.

Die Familienplanung ist ausschließlich eine partnerschaftliche, wirtschaftliche und medizinische Frage geworden. Kirchliche Wortmeldungen dazu werden kaum noch wahrgenommen oder verstanden.

Katholiken, die vor dem Standesamt eine weitere Ehe geschlossen haben und kirchlich verbunden geblieben sind, gehen offener denn je zur Kommunion. Trotzdem empfinden sie sich als Katholiken zweiter Klasse, weil sie wissen, dass der Empfang von Sakramenten für sie eigentlich verboten ist.

Gerade kirchliche Eheberater wissen, wie schwer es sich Paare machen, eine Beziehung zu trennen, wenn die Seelen nicht mehr im Gleichklang sind. Oft ist eine Scheidung heilsam nicht nur für die beiden, sondern vor allem auch für ihre Kinder. Ein Neustart, vielleicht auch mit einem neuen Partner, kann bei allen damit verbundenen Schwierigkeiten allen Betroffenen wieder Licht und Zuversicht geben. Kirchlicher Segen dafür wäre denen, die darum bitten, mehr als eine fromme Floskel.

Die Vorsitzenden der lokalen Bischofskonferenzen werden bei ihrer Zusammenkunft im Oktober also viel zu diskutieren haben. Ihre Erkenntnisse sollen ein Jahr später von einem weiteren Gremium begutachtet und in die Tat umgesetzt werden, so der Plan des Papstes. Franziskus dürfte wissen, was dabei auf dem Spiel steht: bleibt alles wie es ist, droht die Kirche noch mehr an Vertrauen zu verlieren, weil sie mit ihren Vorschriften meilenweit hinter dem Leben ihrer Mitglieder zurückbleibt.

 

Advertisements

Ein Kommentar zu “Heißer Oktober im Vatikan

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s