Schlechte Inszenierung

Ein gutes Stück, aber eine katastrophale Inszenierung. Diese freilich höchst subjektive Bewertung bezieht sich auf keines der vielen Sommertheater im Land, sondern auf die Feier katholischer Gottesdienste, insbesondere zu festlichen Anlässen. Viele Jahrzehnte musste ich warten, um erst kürzlich einmal eine solche Feierlichkeit passiv mitzuerleben. Als gelernter Musiker hatte und habe ich normalerweise immer das Vergnügen, an der Gestaltung singend mitzuwirken. Das Erlebnis ist aus dieser Position gänzlich verschieden, verglichen mit der eines Zuhörers. Aktive Musiker laufen bei solchen Anlässen zu Höchstform auf, sie haben meist hart dafür geprobt und brennen danach, ihr Können zu zeigen. Genauso die Akteure am Altar. Sie zelebrieren die Feier auf das Würdigste und bemühen sich redlich, jenem Drehbuch zu folgen, das seit jeher gepflogen wird und Vorschrift ist. Was Zuhörer während eines solchen Gottesdienstes über sich ergehen lassen müssen, grenzt hingegen an Zumutung. Zwischen dem ersten und dem letzten Orgelton können da schon zwei einhalb Stunden liegen. 2 ½ Stunden auf harten und engen Kirchenbänken, unterbrochen durch mehrmaliges Aufstehen, Niederknien, Setzen. Vor allem das Sitzfleisch ist gefragt bei solchen Messen, bei denen die Sitzenden aber noch zu den Glücklichen gehören, denn bei richtigen Festgottesdiensten gibt es viele, die aus Platzmangel stehen müssen. 2 1/2 Stunden manchmal! Fromme Lesungen in einem Deutsch und in einem Ton vorgetragen, die außerhalb der Kirchenmauer niemand mehr verwendet, eine überlange Predigt, merkwürdige gegenseitige Beweihräucherungen und dann die Musik: meist aus dem wertvollen Kunstschatz der Wiener Klassik, aber aus Sicht der Zuhörer: fast immer viel zu lang. Musik ist wunderbar, lateinische Kirchenmusik von Mozart, Haydn oder Schubert usw. insbesondere, deren Klänge machen erst den wahren Festcharakter aus und die Kompositionen sind in sich oft schon vertonte Liturgie. Liegt der „konzertante“ Musikanteil aber bei etwa einer Stunde, ist es verständlich, dass vor allem jüngere Besucher gelangweilt auf ihre Uhr blicken, vor allem wenn die Töne unten nicht immer so perfekt ankommen wie sie oben vielleicht gemeint waren. Aber ganz abgesehen von der musikalischen Qualität: es ist die Länge der von ambitionierten Chormeistern ausgesuchten Werke, die in vielen Fällen kontraproduktiv wirkt. Gedacht waren sie zur Erbauung, aufgefasst werden sie als künstliche Verlängerung einer an sich schon nicht gerade durch Spannung angereicherten Kirchenfeier. Wir bräuchten eine neue Inszenierung des faszinierenden Stückes „Jesu Ankunft im Hier und Jetzt“. Wir brauchen eine originelle Regie für dieses Stück, das alle Menschen ohne lange Erklärung verstehen. Dazu gehören neue Gewänder, neue Formen und manche neue Zeichen. Spezialisten der Liturgie gäbe es zur Genüge. Wenn sie nicht mutig genug sind, neue Formen zu entwerfen, dann laden wir doch Experten des Theaters ein, sich über dieses große Anliegen Gedanken zu machen. Retten wir die katholischen Gottesdienste! Inszenieren wir sie so, dass sie würdig bleiben, aber in die heutige Zeit passen! Weil das Erlebnis des Inhaltes wichtiger ist als das Bewahren einer alten, aber überholten Darstellung.

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2 Kommentare zu “Schlechte Inszenierung

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