Ideologische Sprach-Verirrung

Es geht nicht mehr. Unsere österreichische Bundeshymne hat nachhaltigen Schaden genommen. Kaum ein Mensch kann sie noch öffentlich singen, ohne in der 1. Strophe nach links und rechts zu blinzeln, wie es denn der Nachbar mit den „Söhnen und Töchtern“ hält. Gegrinst wird dabei, gefeixt wird und nach dem Absingen der Hymne wird gelacht und auch gewitzelt. Ich finde, das hat sich eine Nationalhymne nicht verdient. Sie ist ein österreichisches Denkmal und keine billige Nummer für Witze. Merkwürdig, dass es erst eines Schlagersängers bedurft hat, der das Dilemma öffentlich gemacht hat. Verantwortlich dafür ist nicht er, verantwortlich sind auch nicht jene, denen bei festlichen Anlässen das Lachen auskommt. Verantwortlich sind all jene Politiker, die sich von der massiven Feministenlobby haben treiben lassen, tatsächlich den Text abzuändern in das unglaublich dilettantisch und unrhythmisch klingende „Söhne und Töchter“. Natürlich kann sich derartiger Unfug niemals durchsetzen, so heldenhaft die Herrschaften in der ersten Reihe den im Nationalrat (!) beschlossenen Sprachmurks auch umzusetzen versuchen.
Es geht aber nicht nur um den Murks in der Bundeshymne. Die jüngste Initiative zur Rückkehr in die sprachliche Normalität macht es deutlich. Die Genderfanatiker haben maßlos übertrieben, weil ihr zuviele blind gefolgt sind und es noch besser machen wollten. Fast scheint es, als ob manche Redner oder Moderatoren die „Genderkunst“ als Fremdsprache verwendeten, derer sie stolz mächtig sind. Kaum eine Radiosendung (gerade auch im ansonsten hoch geschätzten Kultursender Ö 1), kein öffentliches oder sonstiges Schreiben, in dem es nicht von –Innen wimmelt, dass man sich manchmal schwer tut, den eigentlichen Text zu verstehen. Hauptsache, es wurde gegendert. Oder erst die Statements von Vielrednern: auch wenn die –Innen noch so schlampig dahin geschludert werden, sie werden erwähnt, weil es so beschlossen und damit offiziell ist.
Ich wünschte mir auch in diesem Bereich mehr Zivilcourage, die heutzutage bereits nötig ist, um dieses Thema anzusprechen. Bei vielen Seminaren ersuchen manche Referenten um Verständnis, aus Gründen der „sprachlichen Marscherleichterung“ auf das Gendern verzichten zu dürfen. Mir ist kein Fall bekannt, wo diese Erlaubnis nicht erteilt worden wäre und erlebe persönlich oft und oft auch Applaus von Frauen, wenn ich mich als bekennender Gender-Verweigerer oute. Gendern hilft dem Anliegen von Frauen, wie mir scheint, in keiner Weise. Ich meine sogar, dass es ihnen schadet.
Voll und ganz angesteckt ist vom Gender-Virus auch die katholische Kirche. Aber auch für sie gilt: immer und überall beide Geschlechter zu erwähnen, hilft der Sache, die damit eigentlich gemeint ist, überhaupt nicht: siehe das Gleichziehen von Frauen in den offiziellen kirchlichen Ämtern. Fast scheint es auch hier: je militanter diese Anliegen forciert werden, desto mehr spießt es sich bei der konkreten Umsetzung. Penetranz nervt. Das stimmt meinem Empfinden ganz besonders auch bei der Sprache.
Dass Frauen den Männern in allen Lebensbereichen gleichzustellen sind, ist keine Frage. Dafür aber eine Sprache von oben herab krampfhaft zu verändern, um nicht zu sagen, ideologisch zu vergewaltigen, ist ganz bestimmt der falsche Weg.

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3 Kommentare zu “Ideologische Sprach-Verirrung

  1. Oh jeh lieber Dr. Brandstetter, ich bin ein großer Fan von Ihnen aber dieser Artikel lässt mich ein wenig ratlos zurück. „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ (Ludwig Wittgenstein) und natürlich können wir durch Sprache und Symbole Wirklichkeit formen. Eine auf männliche Begriffe reduzierte Sprache formt/schafft eine reduzierte Realität. Kleine Änderungen in der Sprache rufen mit der Zeit Änderungen im Selbstverständnis hervor. Aus Gedankenmustern entstehen allmählich Überzeugungen. Das was wir denken, wird irgendwann zu unserem Charakter.
    Ich finde die Bundeshymne weder im Text noch In der Vertonung wirklich gut – aber es ist nun einmal unsere Bundeshymne und im veränderten Text auch eine politische Ansage. Die Diskussion mit dem Binnen-I finde ich entbehrlich – den Aufruf der Intellektuellen dazu erstaunlich schwach argumentiert und nachgerade entlarvend frauenfeindlich.

  2. Solange sich die Sprache nicht ändert, ändern sich die Bedingungen/Gleichstellung auch nicht. Es ist so einfach, die Frauen „ja ohnehin immer mit zu meinen“.
    Die leichteste, wirkungsvolle Änderung wäre: sprachlich „alles“ nun auf weibliche Form umzustellen und selbstverständlich die Männer mit zu bedenken. Wie schnell würden wir da zu einer Gleichstellung kommen.
    Emilie Gamperl

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