Plädoyer für eine gänzlich neue Schule

Die erste Beobachtung: die Schüler freuen sich, die Lehrer freuen sich und auch die Eltern sind froh. Eine nervige Prüfung weniger bedeutet weniger Stress und mehr Zeit für anderes. Nur Lehrervertreter runzeln die Stirn und Politiker bedauern den Ausfall des PISA-Tests 2015.

Mein Gedanke: Schule soll noch immer vor allem für die Schüler da sein. Und in der Schule wird noch immer geprüft genug. Ein Test weniger, gerade weil er die Jahresnote des einzelnen Schülers nicht beeinflusst, ist gar nicht so schade.

Meine Frage: PISA (2015) fällt aus, weil die Datensicherheit nicht gegeben ist. Soll PISA vielleicht überhaupt und für immer wegfallen, weil Vergleiche prinzipiell ungerecht sind? Wer bewertet schon, wie es um die Schüler in einer Klasse bestellt ist? Wie ihr Zuhause aussieht, warum sie ausgerechnet in diese Schule gehen und dort von der und keiner anderen Lehrkraft unterrichtet werden? Sicher, wir wissen, wie alle unsere Kinder in diesem Schuljahr lesen, rechnen oder sonst was können. Wie reagieren wir auf das oft schlechte Ergebnis? Politiker sind erschüttert, Eltern schimpfen auf die Lehrer, Schüler zucken mit den Schultern. In der Schule entsteht Frustration, demotivierende Unruhe und das Bett ist bereitet für noch schlechtere Ergebnisse im Jahr danach.

Ausflug in die Phantasie: Schule soll mithelfen, Menschen zu formen und für das Leben vorzubereiten. Viele Gelehrte meinen zu wissen, dass es dazu keiner Tests bedarf. Andere sehen in regelmäßigen Überprüfungen eine praktische Krücke, um lernunwillige Heranwachsende zu ihrem Wissensglück zu zwingen. Unser Schulsystem setzt weitgehend noch auf diese Methode, PISA passt genau in diese Denkart. Ich erachte sie als überholt. Wie angenehm erleben Berufstätige den Arbeitsalltag ohne tägliche Vergleiche. Fehler, Faulheiten, Schlampereien richten sich im Beruf unmittelbar von selbst und Kluge vermeiden einen Fehler nach dem zweiten oder dritten Mal. Was in guten Firmen angenehm erlebt wird, ist die motivierende und nicht die prüfende Kraft der Vorgesetzten. Unsere Schulen (inklusive Universitäten) bereiten in vielen Fällen auf ein anderes Arbeitsleben vor als die Absolventen in Wirklichkeit vorfinden. So gesehen ist eine Reform der Ausbildung höchst notwendig, bzw. voranzutreiben. Aber eine Reform an den Grundfesten und der prinzipiellen Ausrichtung der Schulungsstätten. Ob die Aufteilung der Schüler schon mit 10 oder erst mit 14 Jahren erfolgt, ob es in Zukunft ein 8-jähriges Gymnasium gibt, ob die Matura abgeschafft werden soll, all das sind Detailfragen, die weniger wichtig sind als die Frage, wie Schule grundsätzlich ausgerichtet sein soll: als eigene, noch immer ein wenig militärische Republik so wie unter ihrer Gründerin Maria Theresia oder als moderne, Menschen zugewandte und an der beruflichen Realität orientierte Institution.

Pardon an die Lehrer der Herzen: Den berechtigten Protest vieler guter Pädagogen versuche ich sofort aufzufangen, weil ich um deren Engagement weiß. Aber sie sind gefangen in einem Schulsystem, das nicht mehr in das 21. Jahrhundert passt und sie wissen oder spüren das auch. Gäbe es sie und ihr gutes Herz nicht, unsere Schule wäre schon viel früher in die heutige Krise geschlittert.

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Ein Kommentar zu “Plädoyer für eine gänzlich neue Schule

  1. wir müssen erst mal sehen, was in der Pisastudie gemessen wird, es sind ausschließlich kognitive Fähigkeiten. Somit werden Bereiche gefördert, die möglicherweise in einer Zukunft wo mehr miteinander gefordert ist, nicht mehr den ersten Stellenwert hat. Denn wenn wir uns von der Wachstumsideologie verabschieden, und auf Grund des größer werdenen Ressourcenmangels gibt es da keinen anderen Weg brauchen wir Menschen, die besser teilen können, und das misst die Pisastudie nicht. Man stellt nur fest, dass in Ländern wie Finnland wo mehr Finnen am Unterricht teilnehmen, diese ohne Zensuren höhere kognitive Leistungen erzielen, als in den Schulen, wo über Zensuren mit Belohnung und Bestrafung gelernt wird. Unser ganzes System ist noch so ausgerichtet.
    Ansätze die die Soziokratie zeigen und damit Commons fördern sind noch in den Kinderschuhen. Politiker leben unter enormen Erfolgsdruck gewinnen zu müssen, und kleine Firmen haben längst Konkurs angemeldet, wenn sie unter diesem Zwang stehen und keine Nische gefunden habe, wo die Freude am Tun, die Leistungsbreitschaft fördert. Denn das Geld für die Belohnung fällt mehr und mehr weg. Was es also braucht ist mehr Begeisterung, bei Eltern, Lehrern, Unternehmern denn Kinder haben das von ihrer Anlage noch, soweit sie nicht schon durch die leistungsgequählten Erwachsenen davon abgeschnitten sind. Wer bildet aber diese Menschen aus? Wodurch erhalten sie die innere Freiheit diese weiter zu vermitteln. Wie gesagt, vom Kopf da lebt nur eine Laus, um es mal im Brechtschen Sinne zu persiflieren. So entwickeln sich zur Zeit überall Alternativen, die im Rahmen des Commons Wege miteinander planen, ob sich das mit dem herrschenen Systemen verbinden läßt? Fragen wir doch Franziskus I. er sagt uns DIESES KAPITAL TÖTET was meint er wohl damit? Was wir mehr brauchen ist eine Kommunale Intelligenz
    hier als Video im Gespräch
    http://www.koerber-stiftung.de/mediathek/player/kommunale-intelligenz-2.html
    hier als Buchauszug

    Nicht nur die Wirtschaft, auch Städte und Gemeinden erleben gegenwärtig, dass man in einer Welt begrenzter Ressourcen nicht unbegrenzt weiter wachsen kann. Albert Einstein hatte zwar schon vor längerer Zeit darauf hingewiesen, dass sich die Probleme, die wir mit bestimmten Strategien und Denkmustern erzeugt haben, nicht mit denselben Denk- und Vorgehensweisen beheben lassen. Dennoch lautet die vorherrschende Devise zur Bekämpfung der inzwischen auf allen Ebenen unserer gesellschaftlichen Entwicklung zutage tretenden Schwierigkeiten: noch mehr vom Alten. Noch mehr Vorschriften, noch mehr Kontrolle, noch mehr Einsparungen bei gleichzeitiger Forderung nach noch mehr Wachstum. So werden sich die Probleme unseres Bildungs- und Gesundheitssystems, unserer sozialen Absicherung, unseres Finanzwesens und Politikbetriebs nicht beheben lassen. In diesem Malstrom ständig wachsender und immer neuer ökonomischer und sozialer Probleme und den daraus resultierenden Einsparungs- und Effizienzverbesserungs- entwürfen laufen vor allem unsere Kommunen – unsere Städte, Dörfer und Gemeinden – zunehmend Gefahr, ihre Eigenständigkeit zu verlieren und das, was sie leisten sollten, nicht mehr leisten zu können. Vor allem die kleineren Kommunen außerhalb der industriellen Zentren geraten zwangsläufig unter immer stärkeren finanziellen Druck, und vor allem die jüngeren Bürger wandern ab, um Arbeit und Glück woanders zu finden, während zu Hause Schulen und Kindergärten schließen, Vereine an Nachwuchsmangel zugrunde gehen und die medizinische Versorgung immer weiter ausgedünnt wird. Es bleiben die Älteren, für die sich das Leben immer schwieriger gestaltet. Eine Lösung für all diese Probleme ist nicht in Sicht. Das Umdenken fällt uns offenbar schwerer, als Albert Einstein das gehofft hat.
    Dieses Umdenken aber beginnt im Kopf. Und in der Tat hat unser Gehirn längst eine Lösung gefunden, um trotz des durch die Schädeldecke begrenzten Wachstums dennoch weiter wachsen und sich zeitlebens weiterentwickeln zu können: nicht durch Vermehrung der Anzahl an Nervenzellen, sondern durch Intensivierung, Ausweitung und Verbesserung ihrer Verknüpfungen, also durch fortwährende Optimierung der Beziehungen zwischen den Nervenzellen. Auf Kommunen übertragen heißt das: Weiterentwicklung und damit auch echtes Wachstum sind zu jedem Zeitpunkt kommunaler Entwicklung möglich. Aber nicht durch mehr Einwohner, mehr Gewerbetreibende, mehr Kinder oder gar mehr Geld, sondern durch eine günstigere Art des Umgangs miteinander: durch intensivere, einander unterstützende, einander einladende, ermutigende und inspirierende Beziehungen aller in einer Gemeinde oder einer Stadt lebenden Bürger. Was Kommunen also brauchen, um zukunftsfähig zu sein, wäre eine andere, eine für die Entfaltung der in ihren Bürgern angelegten Potenziale und der in der Kommune vorhandenen Möglichkeiten günstigere Beziehungskultur. Eine Kultur, in der jeder Einzelne spürt, dass er gebraucht wird, dass alle miteinander verbunden sind, voneinander lernen und miteinander wachsen können. Eine solche Beziehungskultur ist die Grundlage für die Herausbildung individualisierter Gemeinschaften. Über Jahrhunderte hinweg bildete die Familie die Keimzelle solcher Gemeinschaften. Mit dem Zerfall der traditionellen Familienstrukturen, insbesondere der dafür typischen Großfamilien, sind auch die bisher dort herrschenden sozialen Erfahrungsräume verloren gegangen.
    Vor allem für Heranwachsende wird es deshalb gegenwärtig immer schwerer, die wichtige Erfahrung zu machen, dass sie mit ihren besonderen Begabungen, mit ihrem jeweiligen Wissen und ihren individuell erworbenen Fähigkeiten für die Sicherung des Fortbestandes und die Weiterentwicklung der gesamten Gemeinschaft gebraucht werden. Wenn Familien solche Erfahrungsräume nicht mehr bieten können, müssten sie von jenen Gemeinschaften übernommen werden, in die die Familien eingebettet sind, also von den jeweiligen Kommunen, in die die Kinder und Jugendlichen hineinwachsen. Damit wächst unseren Kommunen eine Aufgabe zu, für die sie sich bisher bestenfalls am Rande zuständig fühlten. Dieses Buch erklärt, weshalb Menschen die in ihnen angelegten Potenziale nur innerhalb einer Gemeinschaft entfalten können, der sie sich zugehörig, in der sie sich geborgen und sicher fühlen. Es ergründet dabei, welche bisher brachliegenden Potenziale eine Gemeinschaft zur Entfaltung bringen kann, wenn es ihren Mitgliedern gelingt, eine derartige Beziehungskultur aufzubauen. Ein Blick auf die kommunale Praxis zeigt, was die Herausbildung solcher »Potenzialentfaltungsgemeinschaften« bisher verhindert hat und wie diese Begrenzungen überwunden werden können. Dieses Buch versteht sich auch als Ermutigung, denn einige der bereits in verschiedenen Kommunen verfolgten Ansätze machen deutlich, wie ein solcher Kulturwandel gelingen kann. Kommunale Intelligenz zu entfalten heißt nichts weni- ger, als gemeinsam über sich hinauszuwachsen.

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