Lieber Papst Franziskus!

Jetzt kann es kein Zufall mehr sein. In der katholischen Kirche weht ein lange nicht gekannter Südwind. Seit bald einem Jahr amtierst du bereits in Rom und noch immer hat sich daran nichts geändert. Du übst dein Papstamt nach wie vor wie ein guter Pfarrer aus. Weder von oben herab, weder polternd, noch auch frömmelnd oder zuckersüß und kitschig, sondern so normal und sympathisch, dass man dir allein deswegen vieles abnimmt. Da sitzt in Rom endlich einer auf dem Stuhl Petri, der ohne weiteres Mitglied der „bösen“ Pfarrerinitiative sein könnte, möchte man meinen, weil ihm vieles nicht passt, wie sich die Kirche zur Zeit präsentiert. Du hast dein Unbehagen jetzt auch schwarz auf weiß. Viele haben deinen Fragebogen ausgefüllt und niedergeschrieben, wo sie der Schuh drückt, in der Hoffnung natürlich, dass sich irgendetwas ändert und das noch zu ihren Lebzeiten natürlich. Gar so überraschend dürften die Antworten für dich ja nicht sein, du kennst die Nöte der Leute noch bestens aus deiner Heimat Argentinien. Dass manche Bischöfe gar so erschüttert waren von den Ergebnissen, zeigt einmal mehr, wie weit sie sich von ihrer Herde bereits entfernt haben und wie wenig sie zugehört haben, wenn Wünsche und Bitten an sie herangetragen wurden. Von Katholiken in zweiter Ehe zum Beispiel. Kaum jemand im „Fußvolk“ deiner Kirche stößt sich daran, wenn sie die Kommunion empfangen, wissen sie doch, dass ein Sakrament nie und nimmer ein Instrument der Disziplinierung ist, sondern ganz im Gegenteil Mut und Freude machen soll. Ich meine in aller Bescheidenheit sogar, dass diese kirchlichen Zeichen wie die Kommunion in erster Linie für Leute geschaffen wurde, die seelische Unterstützung brauchen und erst in zweiter Linie für andere, denen es ohnedies gut geht. Aber was schreibe ich dir das, du weißt das sicher sowieso. Jetzt geht’s halt darum, das auch umzusetzen und man hört, dass es da sogar (oder gerade) im Vatikan einiges an Gegenwind gibt. Auch ein Papst kann eigene Überzeugungen nicht per Federstrich ändern. Zuvor ist viel an Überzeugungsarbeit, aber auch an kluger Personalpolitik nötig, um die richtigen Leute an die richtigen Positionen zu bringen. Da bist du ja gut unterwegs, auch wenn ein paar alte Bremser noch eifrig am Werk sind. Dich scheints wenig zu kümmern. Du hast deine Freude in der Mensa, setzt dich sogar zum Küchenpersonal ins bescheidene Hinterzimmer, machst mit denen Mittag und versuchst dich nicht anstecken zu lassen von der Seuche der Kurie, die du ganz offenherzig und durchaus originell als die „Lepra des Papsttums“ bezeichnet hast. Freunde hast du dir bei denen, die du damit gemeint hast, sicher nicht gemacht. Außerhalb der vatikanischen Mauern ist die Zustimmung dafür umso größer. Das spürst du, wenn du die tausenden Menschen erlebst, die zu deinen Audienzen oder am Sonntag zum Angelusgebet auf den Petersplatz kommen. Die Leute beten für dich, dass du stark bleibst und dass dir nichts passiert. Das tun übrigens auch Menschen, die nicht oder nicht mehr katholisch sind. Weil sie spüren, dass du der richtige Mann bist, um der Kirche vielleicht im letzten Augenblick den schon lange notwendigen Dreh zu geben vermag.

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Ein Kommentar zu “Lieber Papst Franziskus!

  1. Gratuliere, alle meine Bekannten und ich sind von diesen Zeilen ganz begeistert. Nur so weiter bitte‘!!!!!!!!!!

    Gertraud Lackinger

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