Politische Lehrstunde eines einfachen Schuhmachers

Solchen Zulauf hätten alle gern. Ohne viel Werbung genügte ein Name, klein gedruckt unter der Rubrik „Veranstaltungen“, und der Saal war zu klein. Viel zu klein. Heini Staudinger, der Schuhe erzeugende Rebell aus dem Waldviertel lockte die Massen nach Linz. Junge, Alte, Seriöse, Alternative, Kirchliche, Freigeister und viele andere mehr. Über zwei Stunden hörten sie ihm zu, wie er seine Lebensphilosophie in seine Geschichte packte oder anders: wie ihm die Erfahrungen seines ungewöhnlichen Lebens zur Philosophie geworden sind. Selbst jene, die im Nebensaal stehend ausharrten und den Vortrag via Lautsprecher verfolgten, applaudierten immer wieder und genossen das bloß 3-sätzige Firmenprinzip des geborenen Schwanenstädters, deren erstes gar nicht fein lautet: „sch… dich net an“, abgeleitet vom biblischen „Fürchte dich nicht“, wie der 61-jährige in unverfälschtem Dialekt erläutert. „Sei net so deppat“ und die „Liebe“ sind die Prinzipien zwei und drei. Das scheint zu reichen und diese Einfachheit gefällt. Das Publikum ist fasziniert. Und es steht auf seiner Seite im Kampf gegen die Finanzmarktaufsicht. David gegen Goliath, dieses Match zieht immer. Ob alles wirklich so einfach wäre im Leben und in der Politik, wie das der Heini Staudinger gern hätte oder wie er das erklärt, das steht auf einem anderen Blatt. Der Universitätsprofessor neben mir weist murmelnd auf die Widersprüchlichkeit seiner Besteuerungsvorschläge hin, hört aber trotzdem weiter gelassen zu. Werbung ist Staudinger ein Gräuel. „Werbung redet uns ein, dass im Leben was nicht richtig ist“. Aber ein bisserl Werbung braucht auch er. Auf die Schuhe seiner Zuhörer blickend bedankt er sich bei denen, die schon „Waldviertler“ tragen und ermuntert die anderen, es den anderen gleich zu tun.

Das eigentlich Interessante an diesem Abend waren neben Staudinger die Besucher. Sie müssten den arrivierten Politikern zu denken geben. Weil sie zeigen, was Menschen heute interessiert: es ist das Ungewöhnliche, das Überraschende, das Unkonventionelle, das Bodenständige, das Freche und Aufmüpfige, auch das Widerständige. Für aalglatte, gestylte, mit allen Wassern gewaschene Politiker-Typen stellen sich moderne Menschen niemals zwei Stunden die Beine in den Bauch, um zu erfahren, was die von sich geben. Gefragt sind offensichtlich Menschen neuen Typs: Leute mit Ecken und Kanten, mit klaren Botschaften, auch mit Schwächen und Fehlern; Leute wie du und ich.

Es ist wie beim neuen Papst. Der abgetretene Katholikenchef mag ein brillanter Theologe gewesen sein. Seinen Leuten war er viel zu fad. Was heutzutage zieht, ist ein Mann wie Franziskus. Er ist ungewöhnlich und er hat die Sympathien auf seiner Seite, weil er sich auf die Seite der Armen und Kleinen stellt und der übermächtigen römischen Kurie den Kampf angesagt hat. Also auch eine Art David gegen Goliath.

So gesehen war der Abend mit Heini Staudinger eine Lehrstunde für Volksvertreter aller Art und auch für politische Parteien. Ein kostenloser Spindoktor sozusagen. Aber deren Vertreter hatten an dem Abend anderes zu tun. Die einen feierten mit hunderten Gleichgesinnten einen eleganten Neujahrsempfang, die anderen jubelten über den Fernsehstar, der zum Frontmann für die EU-Wahl gewonnen werden konnte. Das Wahlvolk war bei einem kleinen Schuhmacher aus dem Wahlviertel versammelt.

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3 Kommentare zu “Politische Lehrstunde eines einfachen Schuhmachers

  1. Pardon, ich hatte noch die Meinung von MISTER DAX vergessen, DIE LÜGEN SIND VERSCHWÖRUNGEN UND KEINE VERSCHWÖRUNGSTHEORIE
    denn die Banken sind nur mächtig, weil wir nicht ihre Lügen aufdecken!
    So lassen wir uns aufeinander hetzen, und HEINI STAUDINGER darf mal gerade 200 bis 300 Menschen in Linz mit seinen Thesen erreichen. Mal sehen was die Zeitungen schreiben…

  2. Lieber prometheus, unsere Zeitungen haben sich besonders in den vergangenen Jahren eher zum Gegenteil von dem entwickelt, was Sie hier erwarten könnten. Die leben und schreiben weithin in einer von uns Normalbürgern aus gesehen anderen Welt. Sie sehen uns Leser nicht mehr als Partner in der Meinungsbildung, sondern als Ziel von Agitprop und flachem Starkult, der uns von unseren eigentlichen Fragen und Anliegen ab lenken soll.
    Insoferne danke ich zum Schluß Bert Brandstetter für diesen seinen Beitrag!

  3. ICH DANKE AUCH BERT BRANDSTETTER FÜR DEN BEITRAG doch das was wirklich ist wird noch nicht aufgedeckt. keiner fragt, warum die Bank den „kleinen Schumacher“ ruinieren wollte? warum Griechenland abgewertet wurde? Ein christliches Verständnis kann nicht von der Manipulation und der Lüge leben, damit weiterhin immer mehr als 50.000 Menschen täglich verhungern. Ich finde die Art von HEINI STAUDINGER wunderbar, doch wir müssen tiefer graben, sonst bringen uns die herrschen Lügen alle ins GRAB..

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