Gefährliche Verwerktagung

Warum nur die große Aufregung immer vor Weihnachten? Wir Menschen wollen einkaufen, die Wirtschaft will verdienen, nur die Gewerkschaft und die Kirchen wollen uns den Spaß verderben. Sonntags nicht, heißt es stur, bezogen auf die fix stehenden Läden, nicht auf die vielen Standln im ganzen Land. Warum ich ausgerechnet am Sonntag einkaufen möchte, ist rasch beantwortet: weil ich an dem Tag frei habe und ich der Einkaufslust freien Lauf lassen kann, gemeinsam mit Frau und Kindern. Ihr Wirtschaftsfeinde redet doch ständig vom Recht auf Erholung, von Individualismus und freiem Willen. Jetzt hättet ihr die Chance, das zu beweisen, indem ihr mich am Sonntag einkaufen ließet. Auch im Programm der neuen Regierung: kein Wort davon! Nehmt euch ein Beispiel an anderen Ländern, dort geht das auch und problemlos noch dazu! Dann wäre alles nahezu perfekt: das freie Wochenende, der Saunagang am Samstagnachmittag, der Spieleabend mit den Kindern, der Stammtisch am Sonntag Vormittag: das ist Lebensqualität. Fehlt eben nur noch die Möglichkeit, am Sonntag Nachmittag einkaufen gehen zu können, und zwar das ganze Jahr hindurch. Zugegeben: stressig wird’s schon ein bisschen, wenn ich von Montag bis Freitag arbeite und nur das Wochenende für die Einkauferei bleibt. Aber was solls. Leider bürgert es sich in meiner Firma neuerdings immer mehr ein, dass die eine oder andere Arbeit am Wochenende und sogar sonntags zu erledigen ist, was ich für eine Unverfrorenheit sondergleichen halte. Selbstverständlich gehe ich mit meinem Betriebsrat dagegen auf die Barrikaden. Aber der Chef meint, international und in anderen Branchen werde sowas immer mehr üblich, man denke nur an den Handel. Ich pfeife auf seine Ersatzleistungen, wenn ich die Wochenenden in der Firma verbringen muss. Was soll ich mit freien Ersatztagen während der Woche, wenn ich allein zu Hause sitze. Wenigstens meine Frau hat an den Wochenenden noch frei, aber auch ihr Unternehmen denkt an eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Gegen höhere Entlohnung natürlich. Aber wer bitte, soll sich dann um unsere Kinder kümmern, wenn wir beide samstags und sonntags zu arbeiten haben? Das geregelte Leben ist damit gestorben. Kein Stammtisch mehr, keine gemeinsamen Stunden mit der Familie. Werktage kommen dafür  auch nicht mehr in Frage, weil die Kinder Schule haben und die Freunde in der Arbeit sind. Wenn alle Tage zu Werktagen werden, wird den Familien die Lebensluft genommen. Von der Möglichkeit, regelmäßig Freunde zu treffen, ganz abgesehen. Was bleibt mir als modernem Menschen für diesen Fall übrig: Rein ins Netz und Einkauf über den Computer. Ist sogar viel bequemer, nur der Händler im Ort geht dabei halt leer aus und die Gemeindesteuer obendrein.

Eigentlich, so denke ich mir, will ich gar nicht mehr, dass irgendjemand sonntags arbeiten muss. Auch nicht der Kaufmann ums Eck. Weil bei ihm das Unglück in der Geschichte anfängt. Wenn er arbeitet, werden es früher oder später alle anderen auch tun. Und wo dann der Platz ist für planbare gemeinsame Familienaktivitäten oder für gesellschaftliche Aktivitäten, das möge mir jemand erklären.

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