Lieber Papst Franziskus!

Mehr als ein halbes Jahr amtierst du jetzt da unten in Rom und ich muss gestehen: das hätte ich dir nicht zugetraut. Schon dein herzerwärmender Start mit dem für einen Papst ungewöhnlichen „Guten Abend“ anstatt eines vielleicht zu erwartenden „Gelobt sei Jesus Christus“ bis hin zur Verweigerung so vieler päpstlicher Utensilien wie der roten Schuhe, der päpstlichen Gemächer oder der protzigen Limousine: das hat dir ganz viele Sympathien gebracht. Aber auch, dass du wie jeder andere Mensch selber zum Telefon greifst und Leute anrufst, mit ihnen plauderst und diskutierst: das haben wir bisher nicht gekannt von so einem Herrn. Für dich als Südamerikaner mag das alles ganz normal sein: für uns ist es ein Zeichen, dass du näher an uns herangerückt bist. Nicht ein kaiserlicher Herrscher, weit weg von uns willst du sein, sondern einer mit uns. Fast so wie wir. Wenn das deine Botschaft sein soll, dann ist sie angekommen.

In das gleiche Bild passt dein Entschluss, keine priesterlichen Titel mehr zu vergeben. Pech für alle, die noch gerne Monsignore oder Prälat werden wollten und damit ihr geistliches Outfit mit roten oder violetten Fransen schmücken dürften (Spötter sprechen von geistlicher Knopflochentzündung). Einen sympathischen Eindruck haben derlei Gewandungen beim Kirchenvolk nur selten bewirkt. Vom Standpunkt der einfachen Gläubigen liegst du mit dieser Entscheidung einmal mehr goldrichtig.

Natürlich sind es Äußerlichkeiten, ich finde aber, sie sind wichtig. Weil sie in Summe ein Kirchenbild abgegeben haben, das sehr viel anders war als das Leben der Menschen. Und Kirchen wollen und sollen Einfluss haben auf das Leben der Leute, weil sie Botschaften haben, die hilfreich sein können.

Dass die katholische Kirche aber vor allem auch in inhaltlichen Fragen einen enormen Reformstau mit sich schleppt, das bestätigst du in deinen legendären morgendlichen Predigten und in den Interviews, von denen man liest. Ich kenne viele Menschen, die dir unendlich dankbar sind, dass jetzt endlich wieder über den Zölibat gesprochen werden darf, dass wiederverheiratete Geschiedene möglicherweise nicht länger geächtet werden und dass Frauen vielleicht doch hoffen können, dereinst im kirchlichen Dienst gleichberechtigt neben den Männern stehen zu können. Ich weiß, das alles geht nicht von heute auf morgen und muss gut überlegt sein. Alleine, dass darüber nun wieder offen gesprochen werden darf, gibt uns enormen Auftrieb. Fast könnte man meinen, du wärest Mitglied unserer Pfarrerinitiative mit ihrem Aufruf zum Ungehorsam, wenn man deine Aktivitäten und Ansichten so überdenkt.

Hätte mir vor einem Jahr jemand prophezeit, ich würde in meinem Leben jemals noch begeistert sein von einem Papst in Rom: ich hätte jede Wette verloren.

Lieber Papst Franziskus, mir scheint, du führst ein gefährliches Leben. Mit Sicherheit hast du dir schon viele Gegner zugezogen, die fürchten, du würdest die katholische Kirche in den Abgrund treiben. Und wie die Geschichte zeigt, scheuen selbst manche geistliche Herrschaften vor nichts zurück, wenn es darum geht, ihre Pfründe abzusichern. Nimm dich in Acht, weil wir dich brauchen!

 

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Ein Kommentar zu “Lieber Papst Franziskus!

  1. Sehr geehrter Herr Brandstetter,
    bitte befreien Sie mich von der Titelsucht,
    wo Sie ja deshalb Franziskus I. heute schon
    lobendend in den OÖN hervorgehoben haben.
    Was ich nicht verstehe ist, dass es keine Diskussion
    darüber gibt, warum auch der neue Papst nicht sofort
    Frauen als Priesterinnen eingestellt hat und warum
    Priester immer noch dem Zölibat verpflichtet sind.
    Und warum es keine Diskussion darüber gibt, wenn
    Benedict XVI. gegenüber Peter Seewald meinte,
    er hätte keine Erlaubnis ein Frau zur Priesterin zu
    weihen? Was steckt dahinter, wie sind Sie an Inhalten
    interessiert, die das Zweite Vatikanische Ziel vorgibt.
    Das heißt wie offen sind die Vertreter an der Basis?
    Wir erleben heute etwas, was uns viel mehr erschüttert
    es wird immer klarer, dass wir immer noch Missbrauch
    an Kindern praktizieren, hier ein radikaler Film dazu

    und hier der Film der heute in den Kinos gestartet wird

    wir brauchen dringend eine Diskusion darüber, um
    festzustellen, möglicherweise ist der Papst viel fortschrittlicher
    als hier die Basis mit noch vielen Feindbildern.
    Denn was die Kinder heute sind ist das Werk unserer Anpassung
    an etwas, was uns in der heutigen Zeit nicht mehr gut tut.
    Auch wenn es für den Schlafenden so aussieht.
    So wünsche ich mir in Linz einen neuen Aufbruch
    und etwas mehr Diskussion darüber, wie die Zukunft
    wirklich aussehen könnte.
    Hier zumindest ein Ansatz der dem Geheimnis der Eucharestie
    und der inneren Kirche Gottes schon sehr nahe kommt:

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