Seliges Ehepaar Jägerstätter

Natürlich ist Franz Jägerstätter eine Provokation. Wie kommt dieser Bauer aus dem Innviertel dazu, mein Gewissen durcheinander zu bringen. Was bildet er sich ein, durch seine entschlossene Haltung alle Wehrmachts-Soldaten Deutschlands als feige Mitläufer hinzustellen. Männer, denen das Leben auf dem Feld sicher auch kaum Spaß gemacht hat und die sich am Kriegsgeschehen alles andere als freiwillig und freudig beteiligt haben. Herzugehen und einfach nein zu sagen: dazu braucht es schon einen ganz besonderen Dickschädel. Oder einen unglaublich festen Glauben an den Gehalt diverser Bibeltexte, für die ihm damalige Theologen immer wieder auch völlig gegensätzliche Zitate aus derselben Bibel entgegen gehalten haben. Franz Jägerstätter hat es aber abgelehnt, seine Position aufweichen zu lassen. Der Krieg ist ungerecht, ich mache dabei nicht mit, Schluss der Debatte. Irritiert und verunsichert reagieren darauf noch heute Überlebende des II. Weltkrieges. Sie haben den Helm aufgesetzt, obwohl sie in ihrem Innersten vielleicht ähnlich empfindende Pazifisten waren und sind. Aber sie haben den Wehrdienst durchgedrückt, viele haben Glück gehabt und sind heimgekehrt, um ihre Aufgaben als Familienväter weiterzuführen und zu erfüllen. Feiglinge? Oder, bezogen auf Franz Jägerstätter: bloß ein sturer und vielleicht sogar etwas verrückter Innviertler?

 Felix Mitterer beantwortet diese Fragen in seinem Stück nicht, das bis vor wenigen Tagen in Stadt Haag in beeindruckender Weise gespielt wurde. Die Anrufungen des von der katholischen Kirche selig gesprochenen Wehrdienstverweigerers wirkte am Ende des Stückes fast ein wenig zynisch. Er, den sogar der damalige Linzer Bischof Fließer von seinem Weg zum sicheren Mord abzuhalten versuchte, wird Jahrzehnte später im Linzer Dom zur Ehre der Altäre erhoben und als Seliger verehrt.

Die wirklich Leid tragende Person war seine Witwe Franziska. Allein gelassen in der Erziehung ihrer Kinder, rundum der Feindseligkeit von Kriegsteilnehmern ausgesetzt und erst spät auch offiziell ernst genommen. Der Vorschlag der katholischen Männerbewegung, neben Franz auch seiner Witwe Franziska dieselbe kirchliche Ehre angedeihen zu lassen, ist nachvollziehbar und sie erhebt sich nach dem Mitterer-Stück in Stadt Haag aufs Neue. Wenn schon selig, dann wenigstens beide. Spätestens jetzt, wo sie kürzlich im 101. Lebensjahr verstorben ist, 70 Jahre nach der Tötung ihres Mannes.

Obwohl: ein für alle Zeiten kopierbares Vorbild kann der Fall Jägerstätter nicht sein. So sehr Kriege zu verabscheuen und blinder mainstream abzulehnen sind: mit der Mehrheit zu gehen, scheint ein urmenschliches Bedürfnis zu sein. Auch das ist zu akzeptieren. Der Fall Jägerstätter bleibt als Mahnung bestehen. Die Freiheit des Einzelnen muss in jeder Gesellschaft ein hohes Gut sein. Was aber keine ethische Vorschrift dafür sein sollte, mit dem Kopf gegen die Wand laufen zu müssen.

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Ein Kommentar zu “Seliges Ehepaar Jägerstätter

  1. Wenn ich mir das so durchlese, bekomme ich den Eindruck, die Amtskirche, zu der letztlich auch der KA-Präsident gehört, hat noch immer Probleme mit Franz Jägerstätter (der übrigens als Mitglied des III.Ordens der Franziskaner auch stark von Franz von Assisi beeinflusst war!). Und in diesem Zusammenhang wirken die Bemühungen der Kath. Männerbewegung, gleich auch Frau Jägerstätter selig zu sprechen, ein wenig wie eine Relativierung des außergewöhnlich begnadeten Jägerstätter.
    Felix Mitterer hat das Verhältnis und die Liebe der beiden übrigens sehr gut dargestellt, ja zu einem Kern seines Theaterstücks gemacht, dessen Schauspieler in Haag und im Josefsstadt-Theater große Anerkennung verdienen. Sie haben auch persönlich begriffen, worum es geht und konnten die Geschichte sehr glaubwürdig vermitteln.
    Das Verhalten des Bischofs damals, nämlich der Amtskirche, hatte meiner Meinung und früheren Recherche nach zwei Gründe:
    Erstens war da die „Sippenhaftung“ der Gestapo, die man auch auf die Geistlichkeit ausdehnte: Der Bischof wurde nicht persönlich angegriffen, wenn man was gegen ihn hatte oder die Kirche maßregeln wollte, vielmehr ließ man „seine Buben“ büßen. Das waren Priester und Ordensleute der Diözese (über 30 aus der Diözese Linz starben in Gestapo-Kerkern, Konzentrationslagern oder wurden geistig und körperlich todkrank „zurück gegeben“).
    Zweitens lehrte und stand die Amtskirche damals noch viel mehr als heute unter ihrer Ideologie der absoluten Hoheit der geistlichen und weltlichen Obrigkeit, der man sich als normaler Mensch zuerst einmal grundsätzlich zu beugen hatte.
    Und da ist Jägerstätter nicht sturschädlig gegen eine Wand gelaufen, er hat sich auch nie gegen andere gewandt, etwa die eingerückten Soldaten, die er eher als Leidensgenossen empfand, sondern folgte begnadet seinem Gewissen. Seligsprechung hin oder her.

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