Unverständliches Zeremoniell

Möglicherweise sind es die letzten Überbleibsel des römischen Kaiserreiches deutscher Nation. Aber die werden gepflegt und fortgeführt, so als ob sich in der Welt drum herum nicht das Mindeste geändert hätte. Da ziehen Scharen von merkwürdig bekleideten und meistens bitter ernst dreinschauenden Männern (weibliche Wesen werden nur in den vordersten Reihen der Ministranten gesichtet) unter tosend lauter Orgelmusik an den stehenden und staunenden Zuschauern vorbei. Am Ende der Kolonne weitere Männer mit besonders merkwürdigen Gewändern: mit Brokat und Gold bestickt, mit roten Bändern zusammengeschnürt, auf dem Haupt hohe, spitze Kopfbedeckungen, an den Händen protzige Ringe und lange, schwere Stäbe. So kennen wir es von fast allen Gottesdiensten, bei denen Besonderes zu feiern ist. Kaum jemand wundert sich noch über diesen seit jeher gewohnten Ritus, der während des anschließenden Gottesdienstes fortsetzt und gesteigert wird. Smogverdächtige Weihrauchwolken werden verströmt, unzählige Verbeugungen und Kniebeugen werden exerziert und die Mitren der Bischöfe werden von hurtigen Zeremoniären immer wieder gegen bunte Käppchen vertauscht und wieder zurückgewechselt. Sogar die Seiten der Bücher, aus denen die Gebete gesprochen werden, werden von den Assistenten umgeblättert, so als ob die Zelebranten dazu nicht mehr in der Lage wären. Warum das so sein muss, versteht außer den Akteuren niemand. Spitzt man nach der oft zweistündigen Vorführung die Ohren unter den Zuhörern, dann wird nicht selten Kritik laut an „diesem komischen Theater“, für das es anscheinend keine Alternative gibt, weil es halt immer so war.

Es ist, als ob die für derartige zeremonielle Aktivitäten zuständigen Spezialisten der Liturgie im Tiefschlaf lägen oder es in panischer Angst vor den Obrigkeiten nicht wagen würden, neue und zeitgemäßere Formen für festliche geistliche Anlässe zu erfinden.

Zuvor freilich ist zu definieren, was mit derartigen Schauspielen bezweckt werden soll. Geht es um eine völlig deplatzierte Machtdemonstration der Kirche (die von dem herkömmlichen Schauspiel am besten präsentiert wird) oder soll der Zweck der Feierlichkeit die Ehre und das Lob Gottes sein (wozu aber schleunigst andere Formen erfunden werden sollen).

Der neue Papst Franziskus, der wegen seiner Aversion gegenüber Pomp und Prunk längst in aller Munde ist, sollte und könnte hier ein gutes Vorbild sein und den unsichtbaren Bann lösen, über bescheidenere und dennoch wirksame, vor allem aber über verständliche Formen und Symbole nachzudenken.

Äußere Zeichen sind oft (wie Musik oder die Malerei) großartige Übersetzungshilfen für schwierige Themen, speziell für Fragen des Glaubens. Verlieren diese Metaphern aber ihre Verständlichkeit und bleiben sie als (für die Zuschauer) inhaltlose Relikte stehen, sind sie wertlos und verkommen zu lächerlichen Hülsen. Was wir brauchen, sind emotionelle Zeichen, die sich allen Menschen ohne langes Spezialstudium von selbst erklären.

Sollten den theologischen Liturgen die Einfälle fehlen, professionelle Theater- Dramaturgen hätten mit Sicherheit interessante Ideen anzubieten, würde man sie darum ersuchen.

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2 Kommentare zu “Unverständliches Zeremoniell

  1. Genau so ist es, lieber Herr Präsident. Wenn man dieses Getue und Gekleide sieht, dann klingen die schönen Worte über die Armen, es gibt übrigens viele Formen der Armut, nicht nur die materieller, das klingen diese frommen Worte allmählich hohl.
    Übrigens, wir haben in unserer Zeit leider zunehmend bloß Wortemacher oben in Politik, Kirche, Wirtschaft usw. Marketing ist ein Ersatz für Konkretes geworden.

  2. Ich lese erfreut Ihre kritischen Gedanken zur Liturgie. Zwar habe ich in der Vergangenheit un- bedenklich unsere Gottesdienste miterlebt und die “ äußerlichen Hüllen “ wert geschätzt.
    Doch nun erspüre ich immer tiefer und mehr, dass sich Zelebranten eingehüllt sicher und machtvoll erleben – und sich herrlch-selbst bewegend „feiern.“
    Mein Geist und meine Seele sind traurig über Erfahrungen dieser machtimannenten Ent- kleidungen unserer Kirche.
    Tragen wir doch alle gemeinsam diesen „Schatz in zerbrechlichen Gefäßen “ – und können so wahrlich auf diese prachtvolle Vergangenheit verzichten. –
    Bekanntlich ist Einfachheit und weniger – mehr!

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