Wer bestimmt den Todeszeitpunkt?

Michael Haneke ist ohne Vorbehalte zu gratulieren. Sein Oscar ist mehr als verdient. Der Film L’Amour strahlt eine unwahrscheinliche Behutsamkeit aus, die nicht nur das Verdienst der beiden Hauptdarsteller ist, sondern auch die des Regisseurs. Ein liebendes, alt gewordenes Paar, das an der Demenz der Frau zerbricht. Selbst die bedrückende Szene, in der der Mann seine Frau erstickt, verkommt nicht zum brutalen Mord, sondern drückt eigentlich Liebe aus.

Und doch. Was Haneke mit dem Film thematisiert, müsste Christen eigentlich zum Widerspruch anregen. Wer bestimmt den Zeitpunkt des Todes oder was könnte Menschen berechtigen, Gott zu spielen und das Lebensende zu definieren.

Ganz ähnlich auch der Film „Die Auslöschung“ mit den faszinierenden Schauspielern Klaus Maria Brandauer und Martina Gedeck. Auch hier beendet eine bewusste und aus Liebe motivierte Tat das Leben des anderen. Ist Liebe ein Freibrief, alles tun zu dürfen? Ein Freibrief auch dafür, über Tod und Leben bestimmen zu dürfen?

Die Botschaft der Kirche dem gegenüber ist klar. „Du sollst nicht töten“, heißt es im fünften der zehn Gebote und es umfasst das ganze Leben: von der Empfängnis bis zum Ende. Ein klares Nein zur Euthanasie. Ja zum Leben bedingungslos, auch wenn es ein beeinträchtigtes, krankes oder sterbendes Leben ist. Das Leben gilt Christen als heilig und schützenswert. Nur Gott steht es zu, es zu beenden.

Die beiden jetzt international mit Lob überhäuften Filme finden zu einem anderen Schluss. Sie machen auf wunderbare, aber auch seltsam logische Weise verständlich, dass und wenn sich Menschen über das göttliche Gebot hinwegsetzen und töten. Die das alles andere als leichtfertig tun, deren Liebe aber größer ist als eventuelle Rücksichtnahmen auf gesellschaftliche oder kirchliche Vorschriften.

Doch: rechtfertigt das alles die Tat? Was soll, was muss schwerer wiegen: das klar definierte Prinzip oder die subjektive Situation?

Die beiden angesprochenen Filme haben hervorragende Denkanstöße geliefert. Gerade und auch für Menschen, die sich an christlichen Wertvorstellungen orientieren. „Liebe, und tu, was du willst“, ist ein Satz, der dem Kirchenlehrer Augustinus zugeschrieben wird. Ist er ein Blankoscheck für alles, wonach mir in einer emotionellen Situation gerade ist oder haben vor dem größten Gebot Gottes doch rational überlegte Gesetze Vorrang?

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