Fremdschämen angesagt

Es ist ein fragwürdiger Erfolg, den die Mühlviertler Kleinstadt Bad Leonfelden jetzt eingefahren hat. Der Wirt, in dessen leerstehendem Gebäude asylsuchende Menschen eine vorübergehende Bleibe gefunden hätte, gibt auf. Der Druck war zu groß. Es war vor allem Druck von oben und nicht von unten. Oben, damit ist ÖVP-Bürgermeister Alfred Hartl gemeint. Via Medien kündigte er dem möglichen Vermieter sogar die Freundschaft auf, sollte er den Mietvertrag mit der Caritas unterschreiben. Tiefer und polemischer geht es kaum. Die Drohung wirft ein vielsagendes Bild auf die Art, wie er in Bad Leonfelden offensichtlich Politik macht.

Natürlich bestehen  in der Gemeinde Ängste vor einer möglicherweise steigenden Kriminalität, es ist aber zu fragen, welchen realen Hintergrund sie haben, wenn die Sicherheitsbehörden keine Steigerung krimineller Delikte feststellen können. Es ist zu fragen, ob diese Ängste nicht willentlich geschürt werden, vielleicht aus populistischen Gründen in Hinblick auf künftige Wahlen. Wenn ein Bürgermeister offen davon träumt, wieder Grenzkontrollen zu Tschechien einzuführen, dann passt es nahtlos in das Bild, wenn der Plan, in der Gemeinde Platz für Asylsuchende zu schaffen, massiv bekämpft wird. Es wirft ein groteskes und bizarres Bild auf die Situation, wenn der Bürgermeister seine Gemeinde während eines Adventkonzertes in der Kirche von dem Plan informiert und in diesem Zusammenhang vom bevorstehenden „Ende von Bad Leonfelden“ spricht. Es trifft den Nagel auf den Kopf, was Veronika Pernsteiner, die Vizeobfrau der katholischen Frauenbewegung in Österreich in einem offenen Brief schreibt:“ „Anstatt nachzudenken, wie man traumatisierten Menschen Dialog auf Augenhöhe anbieten kann, wird mitten im Advent die Herbergs-Türe zugeknallt! Fröhliche Weihnachten, Herr Bürgermeister! Ich hätte einen Liedvorschlag für den Hl. Abend unter dem Christbaum am Stadtplatz und in der Kirche: „Wer klopfet an?“ Der Text ist den Menschen in Bad Leonfelden wahrscheinlich bekannt, ist ja ein altes Lied von einer 2000 Jahre alten Geschichte – aber wer übersetzt Euch das Lied ins Heute?“

Ich stelle mir noch eine weitere Frage: wie geht die Österreichische Volkspartei, deren Mitglied Bürgermeister Alfred Hartl ist, mit einer solchen Vorgangsweise um? Würden solche Verhaltensweisen nicht viel besser in anderen Parteien Platz haben als in einer Organisation, die immer wieder auch von christlichen Werthaltungen spricht? Noch dazu, wo andere Gemeinden, auch im selben Bezirk, mit ihrer Haltung gegenüber Asylsuchenden sehr gute Erfahrungen machen.

Was bleibt, ist der Blick auf eine wunderschön weihnachtlich geschmückte Mühlviertler Stadt, die jetzt frei von ungewünschten Fremden bleibt. Die vielen Lichter sollten alle an dieses unwürdige politische Schauspiel mit asylsuchenden Menschen erinnern und Augenblicke des Fremdschämens erzeugen.

 

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32 Kommentare zu “Fremdschämen angesagt

  1. geschätzter bert,
    ich unterschreibe deinen Artikel – hätten mehr wie du so eine Meinung, gäbe es keine Ausgrenzung, keine Ungerechtigkeiten und wahrscheinlich auch nicht so viel Armut!
    ich bin stolz dich kennen zu dürfen!
    herbert stummer aus freistadt

  2. Lieber Bert,
    Danke für diesen mutigen Kommentar. Es ist höchst an der Zeit so eine Menschenverachtende Vorgangsweise auf das schärfste zurückzuweisen. Ich war echt geschockt, als ich die Aussagen des Bgm. Hartl gelesen habe. Eigentlich eine Schande. Wo bleibt die christlich/soziale Werthaltung?
    Vielleicht gelingt es dem Bgm. zum Weihnachtsfest darüber nachzudenken. Friedliche Weihnachten!!

  3. Es ist so typisch Menschheit: selbst wenn es sich statistisch nicht beweisen lässt dass ein Asylheim im Ort die Kriminalität steigert (und wie wir wissen würde das ja auch keine Kausalität sondern nur Korrelation bedeuten), sobald eine solche Ansicht durch Medien und Ressentiments mal gefestigt ist, glaubt man daran – egal wie anders die Realität ausschaut.

    Menschen hinterfragen nicht, sie denken nicht kritisch nach, ob das was sie glauben zu wissen überhaupt wahr ist. Wenn etwas „gefühlsmäßig“ richtig ist, ist es die Wahrheit – auch wenn die Realität noch so dagegen spricht. Bauchgefühl und Intuition sind zwar nützlich wenn man unter Zeitdruck Entscheidungen fällen muß, aber wenn man genug Zeit hat auch rational nachzudenken und nachzuforschen, sind diese fehl am Platz. Und noch vorsichtiger muß man sein wenn dieses Bauchgefühl von Ängsten herrührt, die ganz gezielt jahrzehntelang geschürt worden sind.

    Normalerweise hätte auch niemand ein Problem damit wenn Leute auch Unsinn glauben – das ist Jedermanns Privatsache. Aber meiner Meinung nach endet diese Toleranz genau dort wo Leute wegen (Aber-)glauben benachteiligt werden.

    Manchmal will ich einfach nur weg von diesem Planeten.

  4. Das muss man als Christlichsozialer gleich nach dem Hirtenspiel bei der Seniorenweihnachtsfeier & vor der (gespielten… weil in Echt gibts de bei uns net) Herbergsuche erst einmal zusammenbringen! So sieht wahre Nächstenliebe aus. Einfach nur zum Schämen!

  5. HC von der anderen Fraktion fürchtet sich ja schon vor den nächsten Wortspenden des Leonfeldner Bürgermeisters, denn nun muss der sich steigern. J
    etzt reden die Herren der sogenannten christlich-sozialen Volkspartei im selben Jargon. Ihr Herren Figl, Raab, Gleissner, bitte nicht im Grab rotieren.

  6. Beschämend – LH Pühringer kann da nicht mehr hinwegsehen – das ein oö ÖVP Spitzenpolitiker – der noch dazu Präsident des Landessportbund ist – einen solchen Hass gegenüber Hilfesuchenden an den Tag legt. Ich glaube er überschätzt sich und seine kleine Touristen Stadt maßlos – und rückt alle in Bad leonfelden in ein schiefes rechtes Licht.

  7. Hallo Bert! In St. Oswald wurden damals Rumänen-Flüchtlinge im Gasthaus aufgenommen und es hat keine Beschwerden gegeben! Es ist zum Schämen, wenn ein Bürgermeister SEINE Ansicht als die einzig wahre für ganz Bad Leonfelden präsentiert!

    Ich kann nur sagen: Figl, schau owa, wos toan de mit DEIN Österreich! Wauns olle schlecht geht, daun gibts sowos ned, dass ma oan ned „einilosst“, owa wauns de „Städter“ z´ guad geht, daun werdn großkopfat!

  8. …macht mich traurig !!! Werter Herr Bürgermeister ich bin seit 40 Jahren in verantwortlichen Positionen im Salzkammergut und im ALMTAL – TOURISMUS tätig! Gleiche Ängste den Asylanten gegenüber gab es auch hier in Grünau!! Wir haben es probiert und absolut keine Probleme sondern eher positive Erfahrung gemacht!! z. B >> Eine Familie (in Tatschikistan mit Ermordung bedroht) war hier 1 Jahr und die älteren Kinder waren voll integriert , sprechen gutes Deutsch und der 14 Jährige Bursche war ein Nachwuchsspieler für unsere Fussballer! >>> jetzt wurde diese Familie nach Grein verlegt weil für 5 Personen dort eine mehrzimmer – Wohnung frei war (hier 5 Pers – 1 Raum – aber sie waren glücklich) und eigentlich fehlen sie hier!! Auch so kann man Flüchtlinge erleben — wie man sie behandelt – so hat man sie !!! Geben sie sich einen Ruck Herr Bürgermeister — die ÖVP steht eigentlich für CHRISTLICHE NÄCHSTENLIEBE —- und geben auch SIE Flüchtlingen Hilfe!! und ausserdem >> seien Sie glücklich in Österreich geboren zu sein und als ÖVP – Politiker keiner politischen Verfolgung unterliegen!! DENKEN SIE MAL NACH HERR BÜRGERMEISTER !!! FROHE Weihnachten Ps: wir haben diese Familie vom LIONS CLUB minimal unterstützt und die erhaltene Dankbarkeit würde sicher auch Ihrem Gemüt GUT TUN !!

  9. Wo mehr leute wohnen, steigt sowieso die Kriminalität. Klar doch Mehr Leut Mehr alles.
    Und wieso umtexten „Wer klopfet an“ auch vor 2012 Jahren wurden die Suchenden abgewiesen, Auch ist suchend ist ein weit gestreuter Begriff, der optimal ist um sowas auszudrücken.soviele werden abgewiesen überall, und fest heucheln, ist ja Advent, da gehört sich das so, daß man tut als ob…..

  10. da war doch mal Ungarn die Hilfe brauchten, wenn’s doch so wie damals wär, da war die ganze Welt beeindruckt von Österreichs Nachbarschaftshilfe sofort und ohne lange ansuchen od. Fragen, die sind gekommen und es wurde ihnen geholfen. Geht’s uns so sehr zu gut , daß wir verlernt haben zu sehen wenn jemand Hilfe braucht???

  11. Wenn wunderts ,stammtischpolitiker haben einfach keinen größeren Horizont als ihr Florianiprinzip. Jeden sonntag in die Kirche gehen und auf (Schein)heilig machen. Hartl geh nach Hause ,sperr dich ein und bitte schmeis den Schlüssel beim Fenster raus ,damit ein rechtes Gesicht weniger auf der Straße umherläuft.

  12. Zu meinem Verständnis: wer von denen, die sich fremdgeschmt haben, haben dem Wirt denn auch persönlich ihre Unterstützung zugsagt? Wer von den Fremdbeschämten stand mit einem Plakat mit der Aufschrift „Hilfeuchende Menschen willkommen!“ vor dem Gasthaus?
    Es ist leicht sich über diesen ÖVP Bürgermeister zu erzürnen. Aber die bittere Wahrheit ist doch, dass der Wirt deswegen aufgabe, weil – wie oben beschrieben – der Durck zu groß wurde. Mit anderen Worten, es mangelte ihm bis dahin an UNTERSTÜTZUNG. Nur so konnte der Bürgermeister mit seiner Niedertracht Erfolg haben.
    Fremdschämen ist sehr häufig mit Eigenschämen zu verbinden!

    • Da bräuchtest du nur diesen obigen Artikel zu teilen, dann hast du auch etwas getan!!
      Weil heute sind eh mehr Leute auf FB und anderen Netzwerken unterwegs , als auf dem Stadtplatz, lieber Herr Mac Baed

      • Ob das dem Wirt vor Ort eine Stütze gewesen wäre, wenn ich „Piefke“-Land einen Artikel teile, erscheint mir fragwürdig. Manchmal zählen Taten und nicht Absichten.

  13. Wieso fällt es manchen so schwer Menschen auf Augenhöhe zu begegnen? Fremde und Fremdes helfen uns, sich selber besser zu kennen und vielleicht auch die eigenen Werte wieder hoch zu schätzen. Ein vergebene Chance … ! Und für Christen traurig, dass man IHN einfach nicht erkennt, geschweige denn Unterkunft gibt. Frohe Weihnachten.

  14. Lieber Bert,
    danke für Deine Initiative, diese üble Form von Politik öffentlich zu machen. Was mich an der ganzen Sache noch mehr betroffen macht, ist die Stellungnahme der Schulbehörde: Was sollen diesen pädagogischen Beamten nach junge ÖsterreicherInnen lernen, wenn ihnen nicht zugemutet werden darf, den Alltag von asylsuchenden Menschen im Vorbeigehen zu erleben? Ich erwarte mir von unserem Landeshauptmann als oberstem Schulorgan des Landes hier eine klare Zurechtweisung dieser entgleisten Bezirksbehörde.

  15. BAD (eng.).Leonfelden: nachdem wir sehr gut in der theoretischen Ausbildung der Fremdenverkehrsschule bestanden haben lernen wir die Praxis auch direkt im Ort
    – ja zu denen, die uns mit Ihrem Geld den Arsch wischen: darfs a bisserl mehr sein?
    – nein zu denen, die das bisserl Recht auf ;Menschenwuerde dringend braeuchten.

    Uebrigens: man koennte diese Menschen fuer Voelkerverstaendnis und -kunde fuer Fremdenverkehrsspezialisten (und politsiche korrekten Umgang) nutzen

  16. Lieber Bert und die Antworter,

    bei allem Verständnis, aber man sollte auch nicht den Fehler machen und den Spieß so umdrehen, dass man den Bürgermeister von Bad Leonfelden auf eine ähnliche Art verächtlich macht, wie er angeblich das mit Asylsychenden gemacht hat. Denn so klar ist die Sache mit der österreichischen Asylgeschichte, die zu einem guten Teil zu einem Schleppergeschäft geworden ist, und wo Leute kommen, die zuallererst ihre Rechte und nicht unsere Hilfe einfordern, längst nicht mehr.
    Und dann hätte ich noch die Bitte, einmal über den Begriff „Fermdschämen“ nachzudenken, damit er nicht in die Reihe jener kommt, die da sagen: „Herr ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie jener da hinten“.
    Liebe Grüße

    Friedrich Gruber

    • Lieber Fritz,

      ich gebe dir Recht, nur braucht ein harter Klotz mitunter auch einen harten Keil, weil er sich ansonsten nicht bearbeiten lässt. Aber die prinzipiellen Bedenken mit Asylanten, die du ansprichst, sind mir durchaus bewusst. Der mediale Zwang zur Pointierung verhindert aber mitunter, alle möglichen Facetten miteinzubeziehen, obwohl sie Berechtigung haben.
      Ganz wichtig ist mir dein Hinweis am Schluss. Das dürfen wir nicht vergessen, danke!

      b.

  17. Pingback: Herbergssuche 2012 | ~ andreame

  18. Danke, Bert! Ich war auf Urlaub und habe daher Deinen Kommentar und die reaktionen erst heute gelesen.

    Ich bin zwar schon seit Jahrzehnten vom Mühlviertel weg, fühle mich aber meiner alten Heimat immer noch verbunden. Du hast mir aus der Seele gesprochen. Trotz des Einwands von Friedrich Gruber finde ich es tatsächlich für einen Bürgermeister beschämend, sich auf diese Weise zu äußern. Dass am Stammtisch solche Stimmen überwiegen ist bekannt. Aber gerade deswegen hätten verantwortliche Politiker – zu denen auch Bürgermeister gehören – die Pflicht, zwar die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, aber nicht menschenfeindliche Stimmungen zu schüren. Wer, wenn nicht die Kirchen (und christliche Organisationen) sollte hier die Stimmen für die Vertriebenen und Schutzsuchenden erheben?

    In Wien wollte gerade ein Pfarrer die Polizei zu Hilfe rufen, um seine Kirche von Asylsuchenden zu „säubern“. Zum Glück sind die Caritas und die Erzdiözese eingeschritten und haben sich auf die Seite der Flüchtlingen und gegen den Pfarrer gestellt. Schade, dass so etwas in der ÖVP-OÖ. offenbar nicht möglich ist.

    Herzliche Grüße – und ein gesegnetes Weihnachtsfest!

    Adalbert

  19. Den Worten von Bert Brandstetter ist nichts hinzuzufügen! Und – ja! – es gibt in Bad Leonfelden auch Menschen, die ganz anders denken als der Bürgermeister, die sich dafür schämen, was da an Menschenverachtung nicht nur gegenüber den Asylsuchenden sondern auch gegen manche Menschen im Ort offenbart wurde! Wie mit anderen Meinungen umgegangen wurde…
    Und was mich als Leonfeldner wirklich betroffen macht, ist die Tatsache, dass sich viele Einwohner nicht getraut haben, auch offen ihre Meinung zu sagen. Denn man fürchtet sich vor der Willkür des Bürgermeisters und seiner (zum Glück kleiner werdenden, lauthals polternden) Gefolgschaft! Unternehmer im Ort, dass sie keine Aufträge mehr bekommen. Antragsteller am Gemeindeamt, dass man ihre Schreiben und Anträge nicht bearbeitet, obwohl sie ein Recht darauf haben. Menschen, die laut nachdenken, dass sie verbal schlecht gemacht und verleumdet werden. Dieser Umgang mit den eigenen Mitmenschen, der feindselige Ton in der Debatte, die Brachialaussagen eines „Politikers“, die vielen Unwahrheiten, die verbreitet wurden – das alles macht wirklich betroffen! Viele schämen sich tatsächlich, nur nicht die, die es wirklich notwendig hätten!

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