Was sind eigentlich Heilige?

Fragen Sie einmal Jugendliche, was sie von Heiligen halten.

Ich vermute, Sie werden ein uninteressiertes Achselzucken ernten. Vielleicht hilft Ihrem Sprössling der „Youcat“, der speziell für Jugendliche verfasste Katechismus der katholischen Kirche weiter. Unter „Gemeinschaft der Heiligen“ steht dort zu lesen: „Zur Gemeinschaft der Heiligen gehören alle Menschen, die ihre Hoffnung auf Christus gesetzt haben und durch die Taufe zu ihm gehören, ob sie bereits gestorben sind oder noch leben. Weil wir in Christus ein Leib sind, leben wir in einer Himmel und Erde umspannenden Gemeinschaft“. ???

Der Blick der Jugend signalisiert die besorgte Frage nach Ihrer geistigen Gesundheit. „Was soll diese gestelzte Sprache und überhaupt: Was interessiert mich das Gelabere um die Heiligen?“, mag die Antwort auf Ihre gutgemeinten Versuche sein, ein religiöses Gespräch zu beginnen. Immerhin steht Allerheiligen vor der Tür. Mag ja sein, dass Youcat das falsche Buch für Ihren Nachwuchs war. Möglicherweise fühlt sich die junge Generation von heute bereits vom richtigen Katechismus besser angesprochen. Was steht dort (Ausgabe 1993) über Heilige zu lesen: „Die Zeugen, die uns in das Reich Gottes vorausgegangen sind, […] betrachten Gott, loben ihn und sorgen unablässig für jene, die sie auf Erden zurückließen. Beim Eintritt in die ,Freude des Herrn’ wurden sie ,über vieles gesetzt’. Ihre Fürbitte ist ihr höchster Dienst an Gottes Ratschluss. Wir können und sollen sie bitten, für uns und die ganze Welt einzutreten.“ ???

Sie fürchten, auch mit dieser Erklärung bei Jugendlichen nicht so wirklich zu landen? Ich gebe Ihnen Recht. Wie so oft macht der Ton die Musik. Und diese Sprache schreckt ab. Nicht nur Jugendliche. Um andere Menschen anzusprechen, muss man deren Sprache verwenden. In Kirchendingen scheint das manchen besonders schwer zu fallen. Die Erosion im Kirchenvolk mag darin eine ihrer Erklärungen haben. Was sind dann also Heilige oder Selige, derer wir am 1. November so festlich gedenken, dass der Tag sogar ein staatlicher Feiertag ist? Der Versuch meiner persönlichen und theologisch absolut nicht gedeckten Erklärung, die ich meinen vier Söhnen anbieten könnte, ohne rot zu werden: Heilige sind Menschen, von denen die katholische Kirche sagt, ihr Leben war beispielhaft. Sie haben über den Durchschnitt gelebt, sie haben ihre Überzeugung unbeirrt vertreten, manche sind dafür sogar umgebracht worden. Sie waren und sind Vorbilder. So sehr, dass sogar Babys nach ihnen benannt werden können. Dass sie nur selig oder heilig werden konnten, weil ihnen zuvor einige Wunder zugeschrieben werden mussten, davon rede ich lieber nicht. Das ist eine andere Geschichte, die alles wieder kompliziert und möglicherweise sogar abschreckend macht.

Veröffentlicht in den OÖN, 12. November 2012.

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Ein Kommentar zu “Was sind eigentlich Heilige?

  1. Es ist erfreulich, wenn kirchliche Repräsentanten die Möglichkeit haben, die Botschaft, die christliche Kirchen zu verkünden haben, über den Insiderbereich hinaus zu vermitteln. Schade, dass Herr Brandstetter diese Chance vergeben und die Botschaft zur Aussagelosigkeit banalisiert hat. Superintendant Lehner und andere Leser der OÖN haben dankenswerterweise unmittelbar reagiert und argumentiert. Ärgerlich ist, dass der Beitrag eine heute „zumutbare“ Version unter Berufung auf „ernsthafte Wissenschafter“ vorbringen möchte.
    Viele diözesane Repräsentanten und das Kommunikationsbüro konsultieren vor der Veröffentlichung von theologischen Beiträgen in inner- und außerkirchlichen Medien die entsprechenden Kompetenzzentren unserer Diözese – in diesem Fall: das weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzte Bibelwerk im Pastoralamt und die renommierten Fachleute an der Katholisch-theologischen Privatuniversität. Beide hätten Herrn Brandstetter gesagt, was Theologiestudierende in den ersten Semestern lernen: „Du musst die Gattung eines Textes beachten!“ Diese Erzählung im Lukasevangelium ist kein Zeitungsbericht, der historische Fakten vermitteln möchte. Vielmehr will diese Geschichte den Mann aus Nazareth, einem Nest am Rand des römischen Imperiums, in die Weltgeschichte eintragen und mit den Bildern und Vorstellungen der damaligen Zeit seine universale Bedeutung klar machen. Die Grundaussage ist: Dieser Jesus ist der Retter, auf den wir so sehnsüchtig warten; er ist ein Geschenk des Himmels, weil in ihm Gottes Liebeswort an die Menschen „Hand und Fuß“ bekommen hat. Diese Botschaft scheint mir auch heute alles andere als „verstaubt“. In diesem Sinn: Frohe Weihnachten!

    Univ.-Ass. Dr. Christoph Freilinger, Linz

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